Tagebücher von Kurt Biedenkopf : König und auch Wolkenschieber

Ein großer Gewinn für die Zeitgeschichte: Die Tagebücher von Kurt Biedenkopf aus den Jahren 1989-1994. Eine Rezension

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Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) am 3. Oktober 1998 in Dresden .
Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) am 3. Oktober 1998 in Dresden .Foto: picture-alliance / dpa

Als sächsischer Ministerpräsident hat sich Kurt Biedenkopf in die Nachwendegeschichte eingetragen. Als „König Kurt“ wurde er nachgerade populär, eine Gestalt und ein Gestalter der deutschen Vereinigung. Doch zugleich bewahrte er den Ruf, eine der eigenwilligsten Erscheinungen der deutschen Politik zu sein – der rare Fall eines Intellektuellen in der Politik. Nun überrascht er die Öffentlichkeit in einer neuen Rolle: als Chronist seiner selbst, der über sein politisches Leben unermüdlich, ja, mit leidenschaftlichem Eifer Buch geführt hat. Mit drei Bänden und bald 1500 Seiten hat dieser Diarist der jüngsten Vergangenheit nun seinen Auftritt, weitere Bände sollen folgen.

Die Tagebücher halten den Rohstoff der Politik fest

Zu verfolgen ist in diesem immer wieder über die (Tagebuch-)Ufer tretenden Protokoll einer politischen Existenz ein aufregender Vorgang: wie einer auszieht, um an der Geschichte mitzuwirken, die sich seit 1989 im Osten Deutschlands ereignete. Man kann zusehen – mit Biedenkopfs Augen –, wie er den Weg „von Bonn nach Dresden“ findet, wie „Ein neues Land entsteht“, Sachsen, und wie sich „Das Ringen um die innere Einheit“ vollzieht. Das sind die Titel der Bände, die den Zeitraum von 1989 bis 1994 umfassen. Es sind jene Jahre, in denen sich in den neuen Ländern das Feste vom Chaos zu scheiden beginnt.

Dabei ist, Anfang ’89, Biedenkopfs Einsatz noch auf Hilfe bei der „Gesundung“ der DDR gerichtet, ganz akademisch mit der Übernahme eines Lehrauftrags an der Universität Leipzig, sogar mit der Erwägung, zu diesem Behufe in die DDR überzusiedeln. Der Mauerfall und die Chance, politisch tätig zu werden, ändern die Situation von Grund auf. Am Ende, vier Jahre später, schwebt Biedenkopf im Hubschrauber stolz über Sachsen, ganz Landesvater, Sieger in der Landtagswahl mit einer beispiellosen 58-Prozent-Mehrheit. Das Ganze ist ein Protokoll atemloser Aktivität, voll mit neuen Erfahrungen und unerwarteten Erlebnissen – und eine Fundgrube für Historiker.

Es macht den Reiz dieser Tagebücher aus, dass es der Rohstoff der Politik ist, den sie festhalten. Man hört das Ächzen der politischen Maschine, die angeworfen wird, ja überhaupt erst installiert werden muss. Eindrücke, Berichte, Ausarbeitungen stehen neben trockenen Protokollen ganzer Sitzungen, aber auch weit ausholenden Übungen zur Selbstverortung in der neuen Lage. Ein Gemenge aus Gesehenem, Gehörtem und Gedachtem, in dem ein tausendfüßiges Geschehen seinen Niederschlag findet. Ein unendliches Hin und Her von Argumenten, Lösungsversuchen und Projekten. Eingeschlossen das offenbar unabweisbare parteipolitische Spiel um Seilschaften und Einflüsse.

In der Binnensicht des Akteurs spiegeln sich exemplarisch die Turbulenzen des ostdeutschen Neuanfangs. Tag für Tag notiert Biedenkopf das Geschehen. Kaum ein Interview wird nicht registriert, kein Schritt auf dem Weg bleibt ausgespart, und nüchtern setzt der Einheitsalltag seine Pflöcke: „Wir brauchen etwa fünfzig bis sechzig Abteilungsleiter und rund dreihundert Referatsleiter“, heißt es nach der ersten Landtagswahl, im Herbst 1990. Die Beamten aus Baden-Württemberg und Bayern, westdeutsche Hilfstruppen für den sächsischen Neuaufbau, streiten bei der Besetzung der Regierungsämter „wie zwei Hunde um einen saftigen Knochen“. Es fehlen nicht die einschlägigen Illusionen: „Nicht viel länger als ein bis zwei Jahre“ werde die Umstrukturierung der Wirtschaft dauern, glaubt der frischgebackene Ministerpräsident. Zwei Jahre später gesteht er sich ein, dass man – „wenn man es nüchtern bedenkt“ – keine Vorstellung davon gehabt habe, „was nach der Verwirklichung der Wirtschafts- und Währungsunion auf uns zukommen würde“.

Das ganze Problempanorama des ostdeutschen Aufbaus ist in diesen Aufzeichnungen sozusagen aus der Nähe zu besichtigen. Übergroß im Vordergrund die mangelhafte Finanzausstattung der neuen Länder, denn die Politik – worauf Biedenkopf unermüdlich pocht – sei vor den nötigen Steuererhöhungen aus Furcht vor negativen Wählerreaktionen zurückgeschreckt. Bis dann der Kraftakt des Solidarpakts Anfang 1993 dem Aufbau Ost ein Fundament setzt. Auch der Tiefpunkt bleibt nicht ausgespart, markiert am Ende aller Euphorien, November 1991, mit der Frage nach der Erduldungsbereitschaft der Ostdeutschen: „wann der Punkt erreicht ist, an dem weitere Lasten nicht mehr ohne Weiteres akzeptiert werden“. Und Biedenkopf immer mittendrin, unterwegs zwischen Bonn, Berlin und Dresden, in der Tretmühle der Gremien- und Vorstandsitzungen, stets unter dem Druck von Entscheidungen. Im „Verwaltungsrat der Treuhand haben wir heute wieder über rund 3 Milliarden entschieden“, steht dann im Tagebuch. Der Tag „endet am Abend mit einem Gespräch über Textilindustrie“.

Für Biedenkopf hatte sein Engagement in Sachsen einen besonderen biografischen Aspekt. Die Wende bildete für ihn auch eine persönlich-politische Wende. Denn in den späten achtziger Jahren war der furios gestartete Politiker Biedenkopf am Ende, abgemeiert von den eigenen nordrhein-westfälischen Parteifreunden. Die leidvolle Erfahrung meldet sich mehr als einmal in seinen Aufzeichnungen – als eine Wunde, die noch immer schmerzt. Im Sog der Vereinigung gewinnt er wieder seinen Platz im politischen Betrieb. Kaum als CDU-Spitzenkandidat nominiert notiert er, selten habe er sich „so in Übereinstimmung befunden wie diesmal“. Und registriert mit Genugtuung, dass ihn der „Spiegel“ wieder in seine Politikerbewertung aufgenommen hat.

Das neue Kraftzentrum müssen Süddeutschland sein

Die Tagebücher offenbaren, was niemanden überraschen wird: Biedenkopf denkt nicht klein von sich und denkt ins Große. Zum Beispiel modelliert er unablässig an einem anspruchsvollen Begriff der deutschen Einheit. In ihr sieht er „eine Lebensaufgabe und unser aller Aufgabe“, an der „wir uns messen und bewähren können“. Er postuliert sie als Chance für eine Erneuerung des ganzen Deutschlands, eine „Revolution“, die das ganze Land erfassen muss. In einer Nüchternheit, die ihre eigene Rigorosität hat, bezieht er beide Teile komplementär aufeinander: „Der Westen trägt den Osten“, womit er seine Existenz sichert, der Beitrag des Ostens zur Einheit besteht in der radikalen Veränderung, die er auf sich nimmt. Bei Biedenkopf tritt allerdings hinzu, dass er unermüdlich für das Verständnis der Lage der Ostdeutschen wirbt. Und beschwört, dass der Westen mit seinem Bild der Einheit die Ostdeutschen um ihr gelebtes Lebens bringen könne.

Überhaupt beeindruckt Biedenkopf durch die Intensität, mit der er sich der Situation Deutschlands nach Wende und Einheit aussetzt. Ebenso durch den Freimut, mit dem er das Tagebuch zum Feld für raumgreifende Gedankengebäude und politische Wolkenschieberei macht. Unentwegt klagt er neue Impulse, Konzepte, Umdenken ein. Als sich abzeichnet, dass die Kluft zwischen Ost und West nicht verschwinden will, propagiert er als Gegenmittel eine Regionalisierung Deutschlands. Und der prekären Identität der Deutschen setzt er den Gedanken eines neues politischen Kraftzentrum entgegen. Nur müsse es, um jede Neuauflage des preußischen Nationalismus auszuschließen, nicht von Berlin, sondern von Süddeutschland ausgehen.

Und immer wieder endet der sächsische Ministerpräsident bei der „Sinnfrage“, also bei der Frage nach Wozu und Wohin. Für ihn ist das Tagebuch auch ein Turnierplatz, auf dem er seiner Leidenschaft für das kulturkritische Reflektieren die Sporen geben kann. Die Rettung des Braunkohleabbaus und die Personalüberlegungen des Parteivorsitzenden überschneiden sich mit dem Nachdenken über eine Zivilisation, die sich im Wandel befindet: Wie kann der um sich greifende Individualismus eingehegt werden? Wie die Politik auf der Höhe der anstehenden Aufgaben gebracht werden? Immerhin gestattet er sich auch, dem Tagebuch das schlichte Bekenntnis anzuvertrauen: „Heute Morgen hatte ich wieder einmal keine Lust mehr, Ministerpräsident in Sachsen zu sein.“ Denn eigentlich möchte er, wie er immer wieder erklärt, schreiben, denken und beraten.

Allerdings macht es doch betroffen, wie sehr diese Aufzeichnungen durchwirkt sind von der Auseinandersetzung mit Helmut Kohl, die wiederum heillos verknäult ist mit Biedenkopfs eigenem, nicht gerade geringen Ehrgeiz. Er selbst zeigt sich „erschrocken“ darüber, wie sehr sein Leben durch diesen Dauerkonflikt bestimmt ist. Kohl, dem er einst als CDU-Generalsekretär diente: Das ist für ihn die große Anti-Größe, ein Abgrund an Ärgernis, eine permanente Kränkung. Eine Daueranimosität, die als Dauerabrechnung das Tagebuch seitenlang beschäftigt und Strauß’sches Format erreicht. Kohl, rein machtorientiert wie Biedenkopf befindet, steuere mit seiner Politik in die falsche Richtung, alle richtigen Ansätze müssten ihm „abgerungen“ werden, er habe die Partei deformiert und gefährde – die Bundestagswahl 1994 droht – ihre Mehrheitschancen. Mit Beklommenheit registriert man, wie aus einem Beziehungskonflikt von horrenden Dimensionen und politischen Differenzen ein Unwert-Urteil über eine historische Gestalt entsteht, das man außerhalb der politischen Sphäre nur schwer nachvollziehen kann.

An Kohl entzünden sich aber auch Biedenkopfs Macht- und Karrierespekulationen, wie denn das politische Palaver über Positionen, Posten und Programme einen guten Teil des Tagebuchs füllt. Und so sehr Biedenkopf die Rolle des Landesvaters genießt, so wenig kann er es lassen, den Blick auf die politische Königsebene zu werfen. X-mal erwägt er, ob er nicht gegen Kohl antreten soll, ja muss, um das Ruder der deutschen Politik zu drehen. Oder soll er die Nachfolge Weizsäckers anstreben? Doch der Kohl-Sturz wird immer nur angekündigt, und gelegentlich hat man den Eindruck, dass solche Gedankenspiele zu der notorischen Umtriebigkeit gehören, die ihn beherrscht.

Kurt Biedenkopf: Von Bonn nach Dresden; Ein neues Land entsteht; Ringen um die innere Einheit. Tagebücher von Juni 1989 bis September 1994. Siedler Verlag, München 2015. 531, 528 und 525 Seiten, 29,99 Euro pro Band.
Kurt Biedenkopf: Von Bonn nach Dresden; Ein neues Land entsteht; Ringen um die innere Einheit. Tagebücher von Juni 1989 bis...Foto: Siedler

Man kann auch nicht übersehen, dass dabei eine gewaltige Portion Eitelkeit und Geltungsbedürfnis im Spiel ist. Es entschädigt ein wenig für diese Spur von Selbstgefälligkeit, dass sich in ihr doch auch immer wieder Biedenkopfs sensibles Organ für die Welt jenseits der Politik zeigt. Die Notiz über die erste Vesper in den Ruinen der Frauenkirche gerät ihm zu einer anrührenden Szene. An der Elbe, die Eisschollen führt – dort befindet sich die Staatskanzlei –, nimmt er das milchige Licht wahr, in das Stadt und Fluss im Winter getaucht sind. Und selbst dem ihm herzlich fremden Phänomen eines Rockkonzerts („alles ist schrecklich laut“) vermag er eine ironisch-kulturhistorische Schleife zu binden.

Mag sein, dass drei Bände für fünf Jahre ein wenig zu viel sind, auch wenn sich in ihnen genügend kluge Urteile und brillante Wahrnehmungen finden: Biedenkopfs Tagebücher sind unbestreitbar eine gewichtige Zutat zur Zeitgeschichte. Sie geben einen Eindruck von dem Ausmaß und der Massivität des Geschehens, mit dem sich die Vereinigung in ihren frühen Jahren den Weg gebahnt hat. Ein Vierteljahrhundert nach ihrem Vollzug ist diese Zeit dabei, historisch zu werden. Umso wichtiger ist es, diese Geschichte aufzubewahren – erst recht, wenn sie sich wie in Biedenkopfs Tagebüchern in einem Zustand befindet, in dem sie, um das hübsche Wort der Historikerin Barbara Tuchmann zu benutzen, „noch qualmt“. Wir können nicht genug davon haben.

Kurt Biedenkopf: Von Bonn nach Dresden; Ein neues Land entsteht; Ringen um die innere Einheit. Tagebücher von Juni 1989 bis September 1994. Siedler Verlag, München 2015. 531, 528 und 525 Seiten, 29,99 Euro pro Band.

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