Überall Aufstand : Von Rosa Parks bis Suez

Der britische Historiker Simon Hall verknüpft in seinem Buch die Ereignisse im Jahr 1956. Eine Rezension.

Ulrich Schlie
Aufständische fahren während des Volksaufstands im Oktober 1956 in Ungarn am 27. Oktober mit einem erbeuteten sowjetischen Panzer durch Budapest.
Aufständische fahren während des Volksaufstands im Oktober 1956 in Ungarn am 27. Oktober mit einem erbeuteten sowjetischen Panzer...Foto: epd

Es war das Jahr, in dem die Ost-Berliner erstmals seit dem Krieg wieder Zylinderhüte ausleihen konnten. Dieser scheinbar beiläufige Umstand war dem amerikanischen Magazin „New Yorker“ damals zum Jahresende eine Meldung wert. Doch 1956 ist auch als das Jahr in die Geschichte eingegangen, in dem zunächst in Polen, dann in Ungarn der Ruf nach Freiheit erging, der dann von der Sowjetunion in Budapest im Herbst blutig niederkartätscht wurde, das Jahr, in dem das französische Kolonialregime in Algerien in eine dramatische Phase seiner Auflösung geriet und Briten und Franzosen in Suez die Grenzen ihrer Macht aufgezeigt wurden.

Simon Hall hat diese scheinbar disparaten Ereignisse aufgegriffen und in einem Buch über die „Geschichte dieses bemerkenswerten Jahres“ zusammengebunden. Und er versteht es, mit seinem dichten, packenden Stil den Leser in den Bann der nach Art einer von Einzelreportagen komponierten Gesamterzählung zu ziehen. Dafür wählt er bekannte Geschichten wie den durch die Demütigung der schwarzen Amerikanerin Rosa Parks im Dezember 1955 ausgelösten Busboykott von Montgomery in Alabama, der sich im Januar 1956 in einen Totalangriff auf die in Bussen praktizierte Rassentrennung verwandelt hatte. Was als Abstimmung mit den Füßen begann, sollte unter Führung Martin Luther Kings in einem Protest gegen die Segregation kulminieren, der zu den tiefgreifendsten Wandlungen Amerikas in seiner Geschichte geführt hat.

„Stalins bester Schüler“

Fesselnd sind vor allem die über das Buch verteilten Abschnitte über die Situation in Polen – der Posener Aufstand vom Juni 1956 wird eingehend beschrieben – und die davon ausgehenden seismografischen Erschütterungen in Ungarn, wo noch im Juni 1956 das Zentralkomitee der ungarischen Arbeiterpartei auf Weisung des Staatschefs Mátyás Rákosi die „Feinde der Arbeiterklasse“ ins Visier nahm und die „Provokation von Posen“ als Mahnung an Ungarns aufrechte Patrioten verstand, sich den Versuchen entgegenzustemmen, die Entfaltung der Volksdemokratie zu behindern. Bereits zu Beginn seiner Ausführungen hatte Hall eine eingehende Analyse von Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU geliefert, die Stalins Verbrechen beim Namen nannte und das Ende des Personenkultes einleitete. Ohne Chruschtschows dramatische Abrechnung wäre Moskaus Ziel besserer Beziehungen zu Titos Jugoslawien nie verwirklicht worden, und ohne Titos Wohlwollen hätte der Druck auf den ungarischen Verbündeten unter Rákosy, der sich als „Stalins bester Schüler“ erweisen wollte und zugleich erbitterter Gegner Titos war, nicht zu jener dramatischen Zuspitzung geführt. Die dann nachgeholte Beisetzungszeremonie für den 1949 von seinen kommunistischen Mitstreitern hingerichteten Außenminister Lászlo Rajk, die Traueransprache der ganz in Schwarz gehüllten Witwe Júlia Rajk, die als Fanal für die Erhebung wirkte, das gänzliche Versagen des ebenso verhassten Rákosi-Nachfolgers Ernö Gerö, Imre Nagys Rückkehr an die Macht, dessen misslungener Versuch, die Demonstranten zu beschwichtigen und die Fehleinschätzung des sowjetischen Botschafters in Ungarn, Jurij Andropow – all diese dramatischen Ereignisse bindet Hall in sein Narrativ. An jenem 23. Oktober 1956 nahm der Aufstand in Budapest revolutionäre Züge an, indem er sich nun in ganz allgemeiner Form gegen die sowjetische Alleinherrschaft richtete.

Ein Gefühl der Ambivalenz bleibt zurück beim Blick auf das Jahr 1956

Was aber haben die Auflösung des französischen Kolonialreiches, der Aufstand der ungarischen Freiheitskämpfer gegen die sowjetische Besatzungsmacht und das britische und französische Scheitern in der Suez-Krise miteinander zu tun? Das Suez-Abenteuer, das am Abend des 29. Oktober mit dem Einmarsch israelischer Streitkräfte auf der Sinai-Halbinsel begonnen hatte und abrupt abbrach, als die Vereinigten Staaten Briten und Franzosen zur Beendigung des Militärschlags zwangen, markiert noch am ehesten eine Klammer der Ereignisse. Suez war für Briten und Franzosen, die damals ihre Streitkräfte unter britischen Oberbefehl gestellt hatten, eine diplomatische Demütigung erster Kategorie. Sie hat im Resultat Anthony Edens politische Karriere besiegelt und den auch gesundheitlich angeschlagenen Premier noch im gleichen Jahr zum Amtsverzicht bewogen. Der Ausgang der Suez-Krise hat aber auch dazu beigetragen, dass nach dem Prinzip „Das soll uns nie wieder passieren“ in der besonderen Beziehung zwischen Amerikanern und Briten eine neue Qualität einziehen konnte. Die Suez-Episode hat die aufgrund der Zusammensetzung des Sicherheitsrats ohnehin begrenzten Möglichkeiten der Vereinten Nationen weiter eingeschränkt. Der Protest der internationalen Staatengemeinschaft gegen die gleichzeitige sowjetische Militärintervention in Ungarn fiel vor diesem Hintergrund beschämend aus, die Überweisung des verurteilenden Antrags an die UN- Generalversammlung wurde verzögert, die schon in den frühen 1950er Jahren deutlich hervortretenden Hemmnisse des Systems der kollektiven Sicherheit in Gestalt der Vereinten Nationen wurde noch deutlicher. Tito hatte in einem Geheimtreffen dem russischen Vorgehen in Ungarn seinen Segen gegeben und spielte damit eine ambivalente Rolle.

Überhaupt bleibt ein Gefühl der Ambivalenz beim Blick auf das Jahr 1956 zurück, das die scheinbar eintägige These von Hall relativiert. Trotz Chruschtschows Paukenschlag der Entstalinisierung wurde der Kalte Krieg wieder kälter. Nicht alles, was 1956 passierte, ist allein mit dem Motiv des Drangs nach Freiheit und aus den Ereignissen dieses Schlüsseljahres heraus zu erklären. Hier zeigen sich die Grenzen von Halls Ansatz deutlich. Denn die entscheidenden Weichen für die Nachkriegszeit waren bereits auf den alliierten Kriegskonferenzen, vor allem in Jalta, Februar 1945, gestellt worden: Die europäischen Mächte, auch die „Sieger“ Großbritannien und Frankreich, waren verzwergt, Europa aufgrund Stalins Machthunger und skrupelloser Einflusszonen-Erweiterungspolitik künstlich geteilt. Die Ordnung von Jalta war auch eine Ordnung gegen die Geschichte. Geschichte aber kennt in der Regel keinen Anfang und kein Ende.


– Simon Hall: 1956. Welt im Aufstand. Klett-Cotta, Stuttgart 2016. 479 Seiten, 24,95 Euro.

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