Weltpolitik : Amerika ist schuld

Peter Scholl-Latour war so etwas wie ein Weltendeuter. Der Journalist gehörte bis zu seinem Tod im August zu den gefragtesten Experten. In seinem letzten Buch erklärt er, warum der Westen im Nahen scheitert - und wirbt um Verständnis für Wladimir Putin.

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Kenntnissreich und meinungsstark: Peter Scholl-Latour war ein gern gesehener Talkshow-Gast
Kenntnissreich und meinungsstark: Peter Scholl-Latour war ein gern gesehener Talkshow-GastFoto: dpa

Deutschland ist wieder geteilt. Durch eine hohe Mauer mit einem Fundament aus politischer Überzeugung und ideologischem Kampf. Es gibt sie erst seit einigen Monaten. Auf der einen Seite stehen jene, die mit Blick auf den Ukraine-Krieg Verständnis für Wladimir Putins Vorgehen äußern. Man müsse den Kremlchef verstehen. Der Westen habe Russland nach dem Ende des Kalten Krieges immer wieder gedemütigt. Und dann noch versucht, Kiew auf seine Seite zu ziehen. So kann man nicht mit dem Land umspringen, dass unter hohem Blutzoll Hitler-Deutschland niedergerungen hat. Und die Annexion der Krim? Halb so wild. War ja ohnehin immer russisch.

Auf der anderen Seite der Ideologie- Grenze wird lautstark darüber geklagt, Russlands Staatschef trete das Völkerrecht mit Füßen. Setze knallhart und ohne Rücksicht auf Verluste seine machtpolitischen Interessen durch. Wolle das alte Sowjetimperium wiederbeleben, es zu alter Größe führen. Ein Skandal.

Peter Scholl-Latour hätte auf eine derartige Aufgeregtheit sicherlich nur mit einem mitleidigen Lächeln reagiert. Und sich gedacht: diese Ahnungslosen, sie verstehen überhaupt nichts von den Grundfesten globaler Politik. Schon gar nicht von einer Großmacht und ihren legitimen Interessen. Da brauche es nun mal analytische Fähigkeiten und profunde Kenntnisse der Akteure. Doch an beidem herrscht gerade hierzulande nach Überzeugung des im August verstorbenen Welterklärers großer Mangel.

Der Fluch der bösen Tat

Neben dem Vormarsch der Terrormilizen des "Islamischen Staats" hat vor allem der neue Ost-West-Konflikt Scholl- Latour zum Ende seines Lebens offenkundig umgetrieben. Sein posthum erschienenes letztes Buch "Der Fluch der bösen Tat" beginnt zumindest mit einer scharfen Abrechnung der amerikanischen und europäischen Ukraine-Politik. Die Verantwortlichen in Washington, Brüssel und Berlin haben – so Scholl-Latours Verdikt – einfach alles falsch gemacht.

Und wie man ihn aus dem Fernsehen und seinen anderen Büchern kennt (zum Beispiel "Tod im Reisfeld"), teilt der Journalist wortstark aus. Das liest sich dann gewohnt deftig: "Was war die Rechtfertigung für den aus Amerika gesteuerten ,Drang nach Osten‘ der Atlantischen Allianz, der schon bei der Orangenen Revolte des Jahres 2004 mithilfe subversiver NGOs und obskurer Finanzmächte eine Ausweitung der amerikanischen Militärpräsenz in der Ukraine, in Weißrussland, in Georgien, ja sogar im zentralasiatischen Kirgistan anstrebte?"

Ach ja, der Westen. Dieser Hort der vorgeblich Ahnungslosen bekommt gleich zu Beginn des Buches sein Fett ab. Die Europäer? Wahlweise schwächliche Tugendprediger oder eitle Maulhelden. Deutschlands Kanzlerin? Eine besserwisserische Oberlehrerin. Washington? Verblendet und überheblich. Die Nato? Ein Pudel der USA. Man muss Scholl-Latour lassen: Mit seiner Meinung hält er nicht hinter dem Berg.

Das liest sich flott, weil es erfrischend provokant ist. Aber auf Dauer kommt das Analytische doch arg eindimensional daher. Denn für Scholl-Latour gibt es nur einen, der an allen Miseren dieser Welt die Hauptschuld trägt: Amerika. Ohne Unterlass prangert der ehemalige, weitgereiste ARD-Korrespondent Washingtons Politik an. Wo immer die Supermacht versuchte, Einfluss zu gewinnen, endete das Ganze in einem Desaster. Vietnam, Irak, Persien, Syrien, Ukraine – ein einziges Versagen. Scholl-Latours Attacken gegen die Regierenden in Washington sind so zahlreich, ja zuweilen ohne jedes Maß, dass man den Eindruck bekommt, hier ist ein erklärter Feind der USA am Werke. Einer, der seiner Wut Luft machen muss.

Verschwörungstheorien

Und einer, der im Eifer des Gefechts sogar abstrusen Verschwörungstheorien das Wort redet. "Ich bin mir bewusst, dass ich mich mit dieser Einführung dem Vorwurf des Antiamerikanismus aussetze", schreibt Scholl-Latour. "Aber wir erliegen spätestens seit dem zweiten Irak-Feldzug einer umfassenden Desinformation, die in den USA, Großbritannien und Israel durch perfekt organisierte Institutionen betrieben wird …" Nur gut, dass wenigstens Scholl-Latour diese Propaganda-Maschinerie durchschaut hat.

Verdient nach Ansicht von Scholl-Latour mehr Respekt: Kremlchef Wladimir Putin.
Verdient nach Ansicht von Scholl-Latour mehr Respekt: Kremlchef Wladimir Putin.Foto: imago

Zum Glück begibt sich der Autor nicht allzu oft auf solche Abwege. Ein Großteil der 350 Seiten zeichnet das aus, was Scholl-Latour bis zuletzt hohe Einschaltquoten und Anerkennung einbrachte: Es werden Geschichten erzählt, so relevant wie gehaltvoll und nützlich. Vor allem, wenn er den Leser an die Hand nimmt und mit ihm die arabische Welt erkundet.

Denn dort gärt und brodelt es. Syrien und der Irak sind längst in einem grausamen Bürgerkrieg versunken. Präsident Erdogan versucht, aus der laizistischen Türkei einen islamischen Staat zu machen. In Ägypten ist die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings ebenso Vergangenheit wie in anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens. Die gesamte Region, schon immer von Krisen und Konflikten geplagt, scheint im Daueraufruhr. Nun schicken sich selbst ernannte „Gotteskrieger“ sogar an, im Namen eines „Kalifats“ diesen einzigartigen Kulturraum mit Sturmgewehren und dem Koran in der Hand zu zerstören.

Scharfsinnig und provokant: Ein würdiges Vermächtnis

Kenntnisreich, scharfsinnig und mit großer Empathie beschreibt Scholl-Latour, wie sich der Vordere Orient vor allem in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Um das deutlich zu machen, taucht der im August verstorbene Bestsellerautor oft tief in die Historie ab. Diese Zeitreisen, sei es in die Frühzeit der modernen Türkei oder zu den Anfängen der islamischen Revolution im Iran, helfen, das religiöse, politische und ideologische Durcheinander der Gegenwart zumindest ansatzweise zu erklären.

Dabei kommt dem Leser zugute, dass Peter Scholl-Latour ein eleganter Geschichtenerzähler war. Eine Anekdote hier, ein Bonmot dort, dazu immer wieder landeskundliche Ausflüge – er war ein Reporter alter Schule. Und einer, der klar Stellung bezieht. Man muss mit seinen Einschätzungen nicht übereinstimmen. Doch es bereichert, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. "Der Fluch der bösen Tat" ist Scholl-Latours würdiges Vermächtnis. Es endet passend mit einem Gedicht des persischen Philosophen Omar Khayyam: "Alle die Heiligen, die hochgeachtet / philosophierten, sind des Todes Raub. / Auch ihre Stimme wird nicht mehr gehört, / ihr Mund ist vollgestopft mit Sand und Staub."

Peter Scholl-Latour: Der Fluch der bösen Tat: Das Scheitern des Westens im Orient. Propyläen Verlag, Berlin 2014. 368 Seiten, 24,99 Euro.

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