Wolfgang Schäuble über Franz Josef Strauß : Eine Biografie, wie sie jedem Politiker zu wünschen ist

Gnadenlos, überempfindlich, stur: Die Biografie von Peter Siebenmorgen über Franz Josef Strauß verschweigt nichts. Auch nicht das Positive. Wolfgang Schäuble rezensiert.

Wolfgang Schäuble
Wolfgang Schäuble und Franz Josef Strauß 1984.
Wolfgang Schäuble und Franz Josef Strauß 1984.Foto: picture alliance

Dies ist eine Biografie, die es in sich hat: sprachlich ein Vergnügen, in einem eleganten, hochunterhaltsamen Stil von großem literarischen Sog, durchweg im historischen Präsens; und intellektuell ein Vergnügen, von großer Bildung und Umsicht, voller über die unmittelbaren Zusammenhänge hinausweisender Einsichten, prägnanter Zitate und stimmiger historischer und literarischer Seitenblicke. Das Buch ist intensiv aus den Quellen heraus gearbeitet. Peter Siebenmorgen, Politikwissenschaftler, Journalist, Autor, und dem Verfasser dieser Rezension vor zwanzig Jahren bei einem Buch zur Hand gegangen, hatte Zugang zum Nachlass von Franz Josef Strauß, auch zu den Tagebüchern seiner Frau Marianne. Siebenmorgen bereitet das alles auf – mit treffendem Blick fürs erhellende Detail und feinem Sinn fürs Psychologisch-Menschliche.

Der Metzgersohn, der sich autodidaktisch Zutritt zur Welt der alten Sprachen verschafft

Was kann der Sinn einer solchen Biografie sein? Ihr Sinn dürfte nicht in erster Linie eine breite, flächige, nach allen Seiten hin abgewogene Darstellung einer bestimmten Zeit sein. Wobei das Buch immer wieder auch das ist: eine politische Geschichte der alten Bundesrepublik. Eine solche Biografie soll vielmehr zuallererst einen Menschen nahebringen. Wenn dies gelingt, kann daraus große Literatur werden. Hier ist es gelungen.

Gelegentlich allerdings bleibt undeutlich, ob die Dinge nun aus der Sicht von Strauß oder von Siebenmorgen geschildert und beurteilt werden. Gerade auch Helmut Kohl wird aus der Perspektive von Strauß gesehen und kommt deswegen oft nicht gut weg – man muss insgesamt sagen: zu schlecht. Kohls Größe im Zuge der Wiedervereinigung hat Strauß zwar nicht mehr erlebt; aber auch vorher war die Bundesregierung besser, als sie bei Siebenmorgen/Strauß erscheint.

Siebenmorgen zeichnet nach, wie Strauß die Schranken seiner Herkunft überwindet: Der Metzgersohn, der sich autodidaktisch Zutritt zur Welt der alten Sprachen verschafft, am Ende mit dem besten Abitur seines Jahrgangs in Bayern, dann ein altphilologisches Studium absolviert und nebenbei süddeutscher Rad-Straßenmeister wird. Siebenmorgen berichtet von den „moralischen Impfungen“ des jungen Strauß gegen den Nationalsozialismus durch die katholisch-monarchistische Atmosphäre seines Elternhauses. Strauß’ tiefe Ablehnung der Nationalsozialisten und ihres Krieges sind vielfältig dokumentiert.

„Zu grob, zu unmäßig, zu direkt“

Dann – nach den politischen Anfängen des jungen Landrats und Münchner Regierungsrats in der unmittelbaren Nachkriegszeit und den Prägungen durch den ersten CSU-Vorsitzenden Josef Müller und durch Ludwig Erhard – der rasche Aufstieg: der Gewinn des Bundestags-Direktmandats im Wahlkreis Weilheim/Schongau 1949 und der große Eindruck, den der Debattenredner Strauß in Bonn schnell macht. Er ist bald der wortmächtigste Parlamentarier an der Seite Adenauers, 1953 der jüngste Minister in dessen Kabinett, erst für „Sonderaufgaben“ (Strauß selbst nannte sich im Rückblick den „Bundesminister für selbstgestellte Aufgaben“), dann Atomminister.

In das Feld der atomaren Energie, das in den fünfziger Jahren wie kaum ein anderes für Zukunft und Fortschritt steht, arbeitet sich der Altphilologe akribisch ein. Hier bildet sich, wie Siebenmorgen zeigt, der wirtschaftspolitische Grundzug des „konservativen Modernisierers“, wie man ihn später auch bei seiner Förderung der Luft- und Raumfahrtindustrie sieht: „Strukturpolitik sticht Ordnungspolitik.“ Für Ludwig Erhard hingegen ist hier von Anfang an viel zu viel Staat im Spiel. Im Urteil von Atomwissenschaftlern der Zeit wird Strauß gleichwohl zum „Erhard der Atomenergie“. Schließlich ab 1956 dann der Verteidigungsminister beim Aufbau der Bundeswehr mit seinen nuklearen Ambitionen – von ihm selbst betrachtet als eine Frage der Gleichberechtigung der Bundesrepublik im westlichen Bündnis: Strauß’ „beste Jahre“, „auf dem Weg ins Kanzleramt“, schreibt Siebenmorgen.

Dabei verschweigt Peter Siebenmorgen nichts – nicht Strauß’ drastische Sprache, die schroffen Formulierungen, mit denen er immer wieder polarisiert, „zu grob, zu unmäßig, zu direkt“; nicht seinen schwierigen Charakter, gnadenlos im Recht-bekommen-Wollen, überempfindlich und stur, ungezügelt und brachial; nicht den übermäßigen Alkoholkonsum, die Ehe-Nöte seiner Frau Marianne, die politischen Affären, Gerüchte und Vorwürfe, die seine Karriere begleiteten. Im Zusammenhang des Strauß’schen Geheimprojekts der Rüstungslieferungen an Israel meint Siebenmorgen, dass hier das Verhalten von Strauß und den engen Mitarbeitern im Verteidigungsministerium rechtlich gravierender und strafbewehrter war als sein Verhalten in der späteren „Spiegel“-Affäre.

Bei allem bemüht sich Siebenmorgen dennoch um Nachvollziehen und Verstehen. Die staatlichen Exzesse in der „Spiegel“-Affäre etwa seien nur zu verstehen, wenn man begreife, dass das Politische in der Ära Adenauer ganz wesentlich Sicherheitspolitik war und es Geheimeres als Fragen der Sicherheit nicht gab – und dass dies die Mentalität des politischen und administrativen Personals prägte.

Man lernt aus diesem Buch nebenbei viel über die zwiespältige Rolle der Medien

Siebenmorgen zeichnet nach, wie es kam, dass man Strauß seit Ende der fünfziger Jahre mehr und mehr für einen „gefährlichen Politiker“ hielt – wobei er in der Sache oft genug auf der Seite von Strauß ist. Doch benennt er deutlich etwa den „rabiaten Pragmatismus im Umgang mit verbrecherischen Herrschern in allen Teilen der Welt“ oder die „gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Geld nach Maßgabe seiner Privatmoral“. Und er sieht „dieses Jahrhunderttalent“ am Ende gescheitert: Strauß war seit seiner Niederlage bei der Bundestagswahl 1980 gebrochen – Siebenmorgen zeigt das eindrücklich –, auch wenn dann noch erfolgreiche Jahre als Modernisierer Bayerns folgten. Im Grunde, so legt Siebenmorgen mehrfach nahe, habe es Strauß an der „sozialen Intelligenz“ gemangelt, ohne die man Kämpfe um Gewinn und Erhalt höchster Macht nicht bestehe.

Ich habe Strauß seit 1972 im Deutschen Bundestag erlebt. Es stimmt wohl, wie Siebenmorgen schreibt, dass er da, obwohl bis 1969 erfolgreicher Finanzminister der ersten großen Koalition, vielen Jüngeren in der Fraktion schon fast wie „ein Relikt aus ferner Zeit“ erschien. Seinen Widerstand gegen die Entspannungspolitik dürfte er in späterer Rückschau selbst infrage gezogen haben, auch wenn seine entscheidende Rolle für die Klage der bayerischen Landesregierung beim Bundesverfassungsgericht gegen den Grundlagenvertrag zu berücksichtigen ist – und damit für die klärende Wirkung des Urteils von 1973, das den fortdauernden Einheitsanspruch und das Selbstbestimmungsrecht aller Deutschen bekräftigte.

Wie die Gegnerschaft gegen die Ostpolitik oder, zuvor, die Befürwortung einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr, so waren auch andere Positionen von Strauß nicht nur umstritten, sondern wurden im Laufe der Zeit durch die weitere Entwicklung widerlegt. Die Pläne für die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, die nach seinem Tod 1988 aufgegeben wurden, waren schon vorher gesellschaftlich nicht mehr durchsetzbar. Ich erinnere mich an ein Gespräch, als Kanzleramtschef mit Veba-Chef Rudolf von Bennigsen-Foerder, in dem er mir im Grunde eröffnete, dass die Wirtschaft aus den Plänen aussteige, und damit die Politik in der damaligen Auseinandersetzung alleine zurückließ.

Etwas zu stark gewichtet Siebenmorgen die Bedeutung des Abstechers von Erich Honecker nach München während seines Deutschlandbesuchs 1987, dessen Verlauf und Ergebnis ein Erfolg der Bundesregierung war. Auch dass Strauß Honecker in München als Staatsgast behandelte, hätte man kritisch anmerken können. Wir hatten in Bonn den Besuch ganz bewusst auf der protokollarischen Stufe eines Arbeitsbesuchs des Generalsekretärs gehalten. Strauß’ Verhandlungen mit Alexander Schalck-Golodkowski um den Milliardenkredit an die DDR 1983 sind lediglich das Vorspiel der Deutschlandpolitik der Bundesregierung ab 1984 gewesen: Gegen wirtschaftliche Beziehungen erhandelten wir menschliche Erleichterungen, gerade auch im Besucherverkehr. Dies trug dann wesentlich zu den Entwicklungen des Jahres 1989 bei.

Peter Siebenmorgen: Franz Josef Strauß. Ein Leben im Übermaß. Siedler Verlag, München 2015. 768 Seiten, 29,99 Euro.
Peter Siebenmorgen: Franz Josef Strauß. Ein Leben im Übermaß. Siedler Verlag, München 2015. 768 Seiten, 29,99 Euro.Siedler

Man lernt aus diesem Buch nebenbei viel über die zwiespältige Rolle der Medien in diesen Jahrzehnten. Sehr bezeichnend ist eine Episode Ende 1978, in der die „Rheinische Post“ nach einem Interview mit Strauß, das ihr zu wenig Nachrichtenwert abzuwerfen schien, durch Verfälschungen des Wortlauts in einem redaktionellen Artikel einen heftigen und längeren Streit zwischen CDU und CSU um die kommende Kanzlerkandidatur auslöste – Manipulationen, die auch heute nicht völlig unbekannt sind.

Alles in allem: ein bewundernswertes Buch. Man kann jedem Politiker einen solchen Biografen nur wünschen.

Wolfgang Schäuble ist Bundesfinanzminister und war langjähriger Wegbegleiter des früheren CSU-Chefs und bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß.


– Peter Siebenmorgen: Franz Josef Strauß. Ein Leben im Übermaß. Siedler Verlag, München 2015. 768 Seiten, 29,99 Euro.

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