Politischer Aschermittwoch : Horst Seehofer: Affekte und Infekte

Er ist nicht gut drauf, wirkt unkonzentriert. Haut gar nicht auf die Pauke, wie man’s sonst tut auf der bierseligen Aschermittwochsbühne. Die Leute spüren es. Was ist mit Seehofer los? Ist es ein Grippevirus, das ihn so zahm macht? Oder ist es politisches Kalkül?

Robert Birnbaum[Passau]
Politischer Aschermittwoch
Prost! Politprominenz am Aschermittwoch.Foto: ddp

Der Mann mit dem Plakat ist eine Art Partisan. Das Plakat hat er selbst gemalt, es ist klein und schwebt schüchtern weit hinten in der Passauer Dreiländerhalle über Köpfen und Bierseideln. „Die CSU muss wieder 50 plus X erreichen“, steht da. Vier Jahrzehnte lang war das eine Selbstverständlichkeit, schon gleich beim politischen Aschermittwoch, wo die CSU seit alters her die Backen noch dicker aufbläst als sonst. Vor einem Jahr wäre das Plakat immerhin noch eine verzweifelt hochgehaltene Hoffnung gewesen. Heute ist es fast ein Affront. 50 plus X war gestern. Die aktuelle Formel ist komplizierter. Seine Mission sei, sagt Horst Seehofer, dass die CSU die „modernste, frischeste und kompetenteste Partei“ im Land werden solle.

Man kann der Riege älterer Herren rechts vorne nicht verdenken, dass sie bei diesem Satz nicht in den ortsüblichen Jubel ausbricht. Die Herren kommen aus Peine in Niedersachsen, ihr CDU-Ortsverband pilgert seit 37 Jahren hierher, die Treue wird mit dem Ehrenplatz am Podium belohnt. Treu bleiben sie dem Aschermittwoch, weil es natürlich eine Gaudi ist, einmal im Jahr quer durch die Republik zu reisen und ansehnliche Mengen Bier zu trinken. Treu bleiben sie ihm aber vor allem, weil man’s hier jenseits aller politischen Korrektheit mal so richtig krachen lassen kann. Bloß: Seehofers Formel kracht so gar nicht.

Andererseits hat der neue starke Mann seine erste Aschermittwochsrede als CSU-Chef gerade erst angefangen. Und außerdem ist er im Moment überhaupt nicht stark, sondern blass und bleich um die Nase, weil ihm ein Grippevirus derart in den Knochen steckt, dass er sich zeitweilig am Pult festhalten muss.

Aber auch sonst ist es mit der Stärke bei der CSU derzeit so eine Sache. Die Spruchbänder an der Saalwand, die von der Parteileitung abgesegnet sind und deshalb als halbamtlich zu gelten haben, spiegeln weniger Entschlossenheit als die Ungewissheiten der entthronten Staatspartei. „Wir stehen zusammen für unser Land“ klingt zeitlos, „Jetzt geht’s los“ ziellos, und selbst ein „Horst, wir glauben an dich“ hat einen leicht flehentlichen Unterton. Ein älteres Ehepaar hat gleich ganz tief in die Hoffnungskiste gegriffen: „Horst, sei du unser Obama“.

Es steckt viel Hoffnung in alledem und eine kräftige Portion Zweifel. Wer sich in diesen Tagen umhört in der CSU, hört Widersprüchliches. Ja sicher, wir sind wieder da in Berlin, sagt einer, „aber hier im Land sind wir es noch nicht“. Sicher, Seehofer hat starke Auftritte in der Hauptstadt hingelegt und das Personal in München kräftig durchgerüttelt. Aber worauf das hinauslaufen wird? „Die Zukunft war früher auch besser“, zitiert ein altgedienter Christsozialer den Münchner Ur-Komiker Karl Valentin.

Seehofer hat fast drei Jahrzehnte Bundespolitik gemacht, ist ein souveräner Spieler der Mediendemokratie; das prägt. Der neue Stil in der Partei und aus der Staatskanzlei schmeckt nicht jedem. Man wisse oft nicht recht, woran man sich beim neuen Chef halten solle, inhaltlich, auch in Personalfragen, sagen viele. Die „neue CSU“, von der so oft die Rede ist – was soll das sein? Immer wieder muss Seehofer erleben, dass sein Versuch, die CSU nach eigenem Gutdünken zu formen, auf Widerstände stößt. Der krachende Abgang des Bundeswirtschaftsministers Michael Glos war da nur der auffälligste Akt des Widerstands.

Ein Akt übrigens, der der CSU einen neuen Helden beschert hat. Glos’ Nachfolger Karl-Theodor zu Guttenberg löst Jubelstürme in Passau aus. „Ich organisiere hier gerade meine eigene Nachfolge“, kommentiert Seehofer. Man weiß wie so oft bei ihm nicht genau, ob das nur ironisch gemeint ist oder zugleich als Warnung. Auch der Hinweis, dass Angela Merkel begeistert sei vom neuen Kabinettsmitglied – „sie hat dich in drei Tagen mehr gelobt als mich in 30 Jahren“ – enthält einen Hintersinn. Seehofer hatte Guttenberg als Generalsekretär behalten wollen. Aber seinen eigenen Favoriten ins Kabinett zu setzen, den Unternehmer Thomas Bauer, hat ihm die Kanzlerin verweigert. Auch das ist in Bayern sorgsam registriert worden, als Hinweis, dass es selbst für einen Seehofer Grenzen gibt.

Seehofer seinerseits hat danach der CDU-Chefin versprochen, dass er sich nicht mehr ausschließlich auf Kosten der großen Schwester profilieren will. Er hat sogar öffentlich eine neue Phase der Einigkeit ausgerufen. Seitdem beäugen sie in Berlin misstrauisch, wie lange die Phase diesmal wohl anhalten wird.

Man muss das wissen, weil es den Hintergrund bildet, vor dem Seehofer sein Debüt in Passau gibt. Man muss außerdem wissen, welch ernste Sorgen sich die CSU um den 7. Juni macht, den Tag der Europawahl. Es ist der Tag, an dem die Christsozialen sich zum ersten Mal seit dem Debakel der Landtagswahl wieder ihren Wählern stellen müssen. Die Umstände sind denkbar ungünstig. Erstens sind Europawahlen immer schwierig, weil die Leute oft keine Lust darauf haben. Zweitens muss die CSU auf fünf Prozent der Stimmen kommen, bundesweit.

Als das Verfassungsgericht in Münster kürzlich der NRW-Regierung verbot, ihre Kommunalwahl ebenfalls auf den 7. Juni zu legen, ging ein Aufatmen durch die CSU. Bei Kommunalwahlen ist die Beteiligung meist gut. Die Gefahr war akut, dass viele Nordrhein-Westfalen ins Wahllokal gehen, bei der Gelegenheit gleich das EU-Parlament mitwählen und die CSU so unter die Fünf-Prozent-Marke drücken. Auch, dass die CSU neuerdings Europa-Direktmandate fordert, hat weniger mit Demokratie zu tun als mit der Sorge ums eigene Überleben. Sie müsste dann die fünf Prozent nicht mehr fürchten.

Inzwischen ist es warm geworden in der Halle, stickig sogar. Auf den langen Holzbänken sitzen etwa 4000 Gäste, nicht gerade rekordverdächtig, außerdem stammt ein Großteil aus der engeren Region: Als der niederbayerische Bezirkschef Manfred Weber die bayerischen Stämme einzeln begrüßt, sind seine Landsleute unüberhörbar die größte Gruppe. Auch Seehofer hat alle begrüßt, jedenfalls sofern sie da sind. Edmund Stoiber ist nicht da. Der Ehrenvorsitzende hält einen eigenen Aschermittwoch, in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Rüttgers hat ihn eingeladen. Erwin Huber hingegen ist da und wird vom Nachfolger gelobt als „echter Parteisoldat“.

Dann hebt die Rede an. „Liebe schwarze Brüder und Schwestern“, sagt Obama Seehofer. Er hat das Plakat genau registriert. Die schwarzen Brüder und Schwestern lachen, auch die, die nicht wissen, dass das ein Zitat des echten Obama war. Es wird solche Einsprengsel noch öfter geben, Seehofer ist ein guter Redner. Aber er ist nicht gut drauf, und irgendwie spüren sie das im Saal. Sicher, bei den CSU-Dauerbrennern wird gejubelt: dass die Türkei nicht in die EU gehöre, Gefangene aus Guantanamo nicht nach Bayern – „Wir sind doch nicht das Sozialamt für die ganze Welt!“ – und dass, wer hier leben wolle, gefälligst die deutsche Sprache zu erlernen habe – „auch wir Bayern mussten einmal Deutsch lernen“.

Die Bauern im Saal nehmen wohlwollend zur Kenntnis, dass ihr Landesvater für günstigeren Agrardiesel kämpfen und das notfalls, wenn die Koalition nicht mitspielt, auch aus eigener Tasche bezahlen will. Doch er wirkt bei aller Brillanz unkonzentriert, und der Saal wird es auch. Seehofer schaut in die Reihen. Dann entschließt er sich zur Offenheit, sagt, dass er Grippe hat, dass er nicht wusste, ob er das heute durchsteht. Plötzlich ist der Saal gespannt dabei, ein Murmeln geht durch die Reihen: Deshalb also! „Aber ich hab’s durchgestanden!“ Jetzt applaudieren sie. Grippe kann Helden schaffen.

Sie kann aber auch Unklarheit schaffen. Man weiß nicht, ob es die Krankheit war, die Seehofer davon abgehalten hat, mit der großen Schwester CDU hier und jetzt den nächsten Großkonflikt anzufangen. Wenn es nach ihm geht, soll im Europawahlprogramm der CSU der Ruf nach Volksabstimmungen in wichtigen Europafragen stehen. Seehofer hat das als Gast der CDU-Vorstandsklausur im Januar schon mal angedeutet – und genau registriert, mit welcher Vehemenz ihm widersprochen wurde: Das fördere nicht die Demokratie, sondern bloß antieuropäische Affekte. Seehofer weiß seither: Das Thema tut der CDU weh, und Merkel auch. Um so lustvoller verfolgt die CSU-Spitze ihren Plan. In Seehofers Manuskript ist er genüsslich ausgebreitet. Auf dem Podium bleibt nur der Satz übrig, dass über einen EU-Beitritt der Türkei „das Volk entscheiden“ müsse.

Hat er den Rest aus politischer Einsicht weggelassen? Oder war’s das Virus?

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