Politischer Aschermittwoch : Im Land der Dirndl und Denker

Die Patzer der Konkurrenz, am politischen Aschermittwoch weiden sie die alle noch einmal aus. Brüderles Altherrenwitz liegt da in den bayerischen Festsälen ganz vorne. Im Wahljahr lacht es sich aber nicht ganz so befreit.

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Oben auf. Horst Seehofer lässt sich feiern, Edmund Stoiber hält sich auf diesem Bild eher zurück. Für den richtigen Jubel gab’s Pappen mit der Aufschrift: „Seehofer Superstar“ – und „Stoiber wunderbar“.
Oben auf. Horst Seehofer lässt sich feiern, Edmund Stoiber hält sich auf diesem Bild eher zurück. Für den richtigen Jubel gab’s...Foto: Stephan Jansen/dpa

Der Drehhofer hat sie echt geärgert. Politische Scherze auf Kosten der anderen sind in Bayern eigentlich der CSU vorbehalten. Es ist aber die SPD gewesen, die den Namen des Landesvaters derart zu Wahlkampfzwecken verballhornt und obendrein eine Website nach dem ehrabschneiderischen Wortspiel benannt hat: www.drehofer.de. Da machen sie jetzt böse Witze über den Seehofer als Wetterfahne oder wie er rote Linien zieht, nur sind die nicht grad, sondern ganz wirr und durcheinander.

Der christsoziale Gegenschlag liegt auf jedem Biertisch in der Passauer Dreiländerhalle, viereckig, blau, mit weißer Schrift. „Seehofer Superstar“ steht auf der einen Seite der Drehpappe zum Hochhalten, „Stoiber wunderbar“ auf der anderen. Aus Gründen der Ausgewogenheit gibt es eine zweite Variante, auf der Edmund Stoiber der Superstar ist und Seehofer nur wunderbar. Man hat also als Zuhörer die Wahl. Die Wahl fällt, wenn man den Beifall zum Maßstab nimmt, übrigens gleich zu Anfang eigenwillig aus: Als der niederbayerische Bezirkschef Manfred Weber die Prominenz begrüßt, bekommt Seehofer Beifall, Stoiber Jubel und die Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner einen derart donnernden Applaus, dass er dem amtierenden Ministerpräsidenten zu denken geben könnte.

Ansonsten bleibt einem als Zuhörer aber nur, sich an die langen Biertische zu quetschen und beim Bier Kühlung zu suchen. Die SPD im benachbarten Vilshofen hat nämlich in diesem Jahr ein Bierzelt aufgestellt, damit sie endlich mal den Wer-hat-die-meisten-Wettbewerb des politischen Aschermittwoch gewinnt. Bei der CSU haben sie daraufhin die Bänke so eng gerückt, dass – christsozial-amtlich gezählt – 7000 Köpfe reinpassen. Es dampft und kocht im Saal. Die Frauen aus der CSU-Spitze wirken richtig erleichtert, dass sie sich praktisch ausnahmslos fürs Dirndl entschieden haben. Das ist keine antifreidemokratische Kundgebung, sondern üblich. Schließlich ist das hier eine Traditionsveranstaltung.

Deshalb hat sich ja auch der Horst Seehofer einfallen lassen, dass er den Edmund Stoiber nach dessen großem Erfolg vor einem Jahr am gleichen Ort wieder mitbringt. Für Seehofer ist der Aschermittwoch kein gutes Format. In einem Saal wild zum Jubel entschlossener Kampfrentner kommt Ironie nicht an. Man muss hier holzen und brüllen, weil überliefert wird, dass Franz Josef Strauß auch geholzt und gebrüllt habe.

Sein Schüler Stoiber beachtet die Tradition. Die Roten kriegen eins drüber, „avanti dilettanti“ ruft der Ehrenvorsitzende, „das war früher nix, des wird heute nix, und im September wird es glei’ gar nix!“ Und dass er sich schon wundere über diesen Kanzlerkandidaten, der in einem Alter anfangen wolle, „in dem ich aufgehört habe“. Der Schüler Stoiber erweist sich allerdings auch in einem nicht ganz programmgemäßen Sinne als guter Strauß-Adept. Der Alte hat gerne mal drei Stunden geredet. Stoiber bleibt ein bisschen darunter. Aber je länger er sich da oben in Fahrt redet, vom Länderfinanzausgleich über den Euro und alles, was ihm sonst noch so am Herzen liegt – je länger also Stoiber stoibert und selbst hinten im Saal murmelnde Unruhe aufkommt, desto betonter schaut Seehofer drunten am Präsidiumstisch in die ausgedruckten Agenturmeldungen von den Auftritten der politischen Konkurrenz. „Der verwechselt etwas“, knurrt einPräsidiumsmitglied. „Da war zu viel Vorfilm.“ Dann findet er doch ein Ende. Seehofer lässt die „Oh, was war das schön“-Gesänge verebben, dann geht er auf die Bühne. „Meine erste Frage nach Edmund Stoiber lautet: Was soll ich eigentlich jetzt noch sagen?“

Womit die Sache dann aber auch erledigt ist. „Der Stoiber tut uns schon gut“, sagt hinterher einer aus der CSU-Führung. Stoiber wird auf seine alten Tage zum Maskottchen der Partei. Und dem Seehofer fällt natürlich doch noch was ein. Der Wowereit zum Beispiel mitsamt Flughafen und Länderfinanzausgleich: „Wir Bayern sind reich, aber nicht blöd.“ Und der Steinbrück: Er wisse jetzt, ätzt der CSU-Chef, weshalb der SPD-Kandidat sich mehr Beinfreiheit gewünscht habe: „Damit er leichter von einem Fettnäpfchen zum nächsten kommt.“

Die Patzer der Konkurrenz – am politischen Aschermittwoch weiden sie sie alle nochmal aus. Brüderles Altherrenwitz mit dem Dirndl liegt da ganz vorne.

In Landshut beispielsweise bei den Grünen. „Wir versuchen alle, unseren inneren Schweinehund zu überwinden. Die FDP macht ihn zum Spitzenkandidaten“, johlt Spitzenkandidat Jürgen Trittin.

Und in Tiefenbach bei der Linken. „Ich hatte wirklich vor, mich heute in ein Dirndl zu zwängen. Dann aber hat mich der Mut verlassen. Ich habe nämlich gehört, Rainer Brüderle soll heute hier in der Nähe sein“, ruft Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Bundesvorsitzende.

Die Witze können noch so lahm sein, das Trachtenkleid zündet überall – außer in Dingolfing. Hier versteht die junge Liberale im schwarz-purpurnen Dirndl die Welt in Preußen nicht mehr. „Wenn wir hier Tracht anhaben, dann ist man doch stolz drauf. Und wenn ich ein Kompliment bekomme, sage ich: Danke fürs Kompliment.“ Nicole Bauer, 25, Ingenieurin und stellvertretende FDP-Kreisvorsitzende in Landshut, findet die „Dirndl-Debatte“ um Rainer Brüderle völlig daneben. Der marschiert Punkt elf winkend zusammen mit Landeschefin und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und dem bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil durch den Saal. Die örtliche Blaskapelle „Atemlos“ spielt den bayerischen Defiliermarsch, und 200 Liberale erheben sich, klatschen, Brüderle lacht.

Sie heißen ihren Spitzenkandidaten ohne Wenn und Aber willkommen. Hier in Bayern, im „Land der Dirndl und Denker“, wie Zeil sagt, schätzen sie Menschen wie Brüderle, die sich „von nichts und niemandem“ ihre „natürliche Fröhlichkeit“ nehmen lassen. „Deshalb mögen dich die Menschen, und deshalb mögen wir gerade in Bayern solche Mannsbilder wie dich!“ Während sich Brüderle im Saal umschaut, blickt er in viele aufmunternd nickende Gesichter.

Als der 67-Jährige an der Reihe ist, hüpft er leichtfüßig auf das Podium und legt los. Er lobt Bayern als „Powerhouse Deutschlands, das in einer Liga mit Kalifornien spielt“, er preist Leutheusser-Schnarrenberger, sie sei die „Powerfrau“ in Bayern. „Liebe Sabine, das bist du.“ Dann geht er in den Angriff über, die CSU kriegt ihr Fett ebenso weg wie die SPD und die Grünen. Der Spitzenkandidat zieht über den „Möchtegern-Sparkassendirektor“ Steinbrück her, lästert über den „Champagner-Sozialismus à la Wowereit“, über Seehofer aus der „Herz-Jesu-Sozialistenabteilung“ und Trittin, dessen Weltbild sich aus „Mao und Dosenpfand“ zusammensetze. Dann wird Brüderle ernster, spricht über Geldwertstabilität, finanzierbare Energie, ein geeintes Europa…

45 Minuten geht das so. Mit gefalteten Händen steht Brüderle am Pult, ohne eine Spur von Nervosität. Seit fast 40 Jahren ist er bei den Liberalen, Brüderle weiß, wie er im Saal die Saiten zum Klingen bringen kann. Mit der Prophezeiung beispielsweise, dass die FDP nicht von der politischen Landkarte verschwinden werde. „Die Freien Demokraten gehören zu Deutschland wie die Fußball-Nationalelf zu Deutschland“, ruft er und erhält dafür tosenden Beifall. Die Wohlfühltemperatur steigt, gewissermaßen proportional zum Promillegehalt in den Reihen. Zum Abschied bekommt Brüderle noch ein gelbes T-Shirt mit dem Aufdruck „Sturmspitze“ und der Nummer neun überreicht.

Im Festzelt der Bayern-SPD in Vilshofen geht es zu dieser Zeit nicht ganz so gelöst zu, hier gibt gerade SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sein Bestes – eine Mischung aus Faktenaufzählung, kräftigen Sprüchen und zumindest einem Hauch von Eingeständnis eigener Fehler. Steinbrück ist wenig bierzelterprobt. Stocksteif steht er erst mal da, will die etwa 5000 Anhänger mit Scherzchen auftauen, obwohl die eigentlich schon durchaus gelöst und heiter wirken.

Mal duzt er die Zuschauer, wie unter Genossen üblich, mal fällt er ins Sie. Beim Renten-Thema erklärt er den Unterschied zwischen „Versicherungs- und Beitragsjahren“, redet von „Alterskohorten“ und zwingt das Publikum dann mit schlechten Witzen zum betretenen Gelächter. „Das Frauenbild der Union gehört in die Zeit von Peter Frankenfeld“, sagt Steinbrück und fragt dann, ob die Jüngeren, überhaupt noch wüssten, wer das sei. Einige seiner Äußerungen in der Vergangenheit seien „nicht hilfreich gewesen“, gibt Steinbrück zu. Manchmal schieße er eben über das Ziel hinaus, weil er kein „öliger Politiker“ sei.

Die Genossen wollen sich diesen letzten Aschermittwoch vor der Landtagswahl nicht vermiesen lassen, auch nicht von den Umfragen, die sie in Bayern derzeit bei 20 Prozent und die CSU-Konkurrenz bei 47 sehen. Diese Christsozialen als einen „Granitfels“ wahrzunehmen, so ruft es der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude, gehöre für ihn schon „zu den Jugenderinnerungen“. Hunderte rote Schildchen mit dem Slogan „Genau! Ude.“ werden geschwenkt. Vom Rednerpult aus macht der SPD-Kandidat für das Amt des bayerischen Ministerpräsidenten mit der Kamera ein Foto. „Das stelle ich gleich bei Facebook ein.“

In dem Zelt am Donauufer kämpfen die Genossen, die in vielen Bussen aus allen Teilen Bayerns angereist sind, gegen diese verheerenden 20-Prozent-Umfragen an. Mit den anderen Oppositionsparteien, den Grünen und den Freien Wählern, käme man auf 42 Prozent – das würde nie und nimmer reichen.

Die Parteigänger aus Bayern wollen Stärkung, Ude liefert ihnen einen Rückblick auf die stolze 150-jährige Vergangenheit der SPD und eine halbe Stunde Kabarett. Es scheint fast, als sei nicht Seehofer, sondern der vorherige Regent Edmund Stoiber sein Lieblingsobjekt für Kritik und Spott. Mit ihm, der zeitgleich in Passau rede, feiere die CSU eine „Nostalgieshow“. Edmund Stoiber müsste sich vielmehr wundern, wie vor allem seine Regierungsprojekte eines ums andere von der Partei einkassiert werden, wie Seehofer seine Positionen „von der SPD abschreibt“ – Ausstieg aus der Atomkraft, Abschaffung der Studiengebühren, Verzicht auf den umstrittenen weiteren Donauausbau.

Die SPD aber, die könne es „wirklich besser“. Bayern sei „kein Land im Gleichgewicht“, trotz guter Pisa-Ergebnisse hingen die Bildungschancen nirgendwo anders so stark vom Geldbeutel der Eltern ab wie im Freistaat. Jubel, Gejohle, „Ude, Ude“-Rufe. Im dampfigen Zelt zu Bier, Brezn und Weißwürsten.

Dieser Text ist auf der Reportage-Seite erschienen.

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