Politischer Wandel : CDU überholt SPD: Rund 800 Mitglieder mehr

Die CDU hat die SPD als mitgliederstärkste Partei abgelöst, das bestätigen jetzt auch die offiziellen Zahlen vom Montag. SPD-Politiker Johannes Kahrs gibt dafür seiner eigenen Partei zumindest eine Mitschuld. Politikwissenschaftler sehen jedoch einen politischen Wandel in Deutschland - die Volkspartei könnte aussterben.

Baden-Baden/Berlin Der Sprecher des rechten SPD-Flügels, Johannes Kahrs, hält die Mitgliederverluste seiner Partei für teilweise selbst verschuldet. Kahrs erklärte am Montag im SWR, Schuld daran sei unter anderem die ungeklärte Frage der Kanzlerkandidatur hinzu. Für viele Menschen sei das "unbefriedigend, weil sie natürlich wissen wollen, in welche Richtung" die SPD steuere.

Die SPD stecke in einer "strategischen Klemme". Auf der einen Seite stehe die CDU, die mit teilweise unfinanzierbaren Vorschlägen "immer weiter auch in das SPD-Klientel" einbreche. Auf der anderen Seite biete die Linkspartei immer etwas mehr an als die Sozialdemokraten bieten könnten, "weil wir in die Gefahr kommen, das umsetzen zu müssen", erklärte Kahrs.

CDU jetzt mitgliederstärkste Partei

Die CDU hat inzwischen die SPD als mitgliederstärkste Partei in Deutschland abgelöst. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla hat am Montag in Berlin als offizielle Zahl 530.755 CDU-Mitglieder genannt. Dies seien rund 800 mehr als bei der SPD. Die letzten offiziellen Zahlen der Sozialdemokraten - Stand Ende Juni - gingen von 529.994 Mitgliedern aus. Aktuellere SPD-Zahlen liegen bisher nicht vor.

Anlass zum Jubeln hat aber auch die Partei der Kanzlerin nicht; die großen Volksparteien verlieren beide kontinuierlich Mitglieder - wobei die CDU scheinbar weniger hart getroffen wird als die SPD. Auch Pofalla gestand einen Mitgliederverlust ein. In zwei der ersten sechs Monate dieses Jahres habe die CDU im Trend jedoch mehr Eintritte verzeichnet als Mitgliederverluste "aus politischen oder finanziellen Erwägungen".

Wandel der politischen Kultur in Deutschland

Der Mitgliederschwund bei den großen Parteien in Deutschland wird sich nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Jürgen Falter noch fortsetzen. "Es ist ja nicht so, dass der jetzt stoppen würde, nur weil die CDU die SPD auf dem Weg nach unten ausgestochen hat", erklärte Falter.

Der Parteienforscher Peter Lösche sieht in den sinkenden Mitgliederzahlen von CDU und SPD einen Wandel in der politischen Kultur Deutschlands. "Der alte Typus der Volkspartei ist überholt", sagte Lösche der "Berliner Zeitung"

Amerikanisierung der politischen Kommunikation wird wahrscheinlich

Der Verlust des Status als mitgliederstärkste Partei rührt Lösche zufolge am Selbstvertrauen der SPD. "Die Sozialdemokraten haben ihren Gestaltungsanspruch für die Gesellschaft immer auch aus der Zahl ihrer Mitglieder und der Stärke ihrer Organisation bezogen", sagte Lösche.

Gleichzeitig betonte er, dass der Wandel in der politischen Kultur Deutschlands "nichts Schlechtes" sei. Es handele sich lediglich um eine Verschiebung politischer Partizipation. Lösche geht davon aus, dass der Einfluss klassischer Funktionäre sinkt sowie die inhaltliche und organisatorische Arbeit stärker von Parlamentariern und ihren Mitarbeitern übernommen werden.

Ferner erwartet Lösche Veränderungen parteiinterner Kommunikation und prognostiziert den Typus der "Medienpartei". Die Parteispitze werde sich künftig direkt über die Medien an die Basis wenden. Zudem erwartet der Parteienforscher eine Professionalisierung der Parteiarbeit sowie der Wahlkampfplanung und -gestaltung durch externe Agenturen. Lösche sieht in dieser Entwicklung eine aufkommende Amerikanisierung politischer Kommunikation. (jg/ddp/dpa)

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