Politkrimi : Hessen-SPD: Der Fall der Vier

Der Vorabdruck eines Buches über die SPD-Abweichler in Hessen erregt in Wiesbaden viel Aufsehen. Der Autor muss stundenlange Gespräche mit den vier Hauptakteuren geführt haben; sie gestatteten ihm tiefe Einblicke in ihr Seelenleben.

Christoph Schmidt Lunau[Wiesbaden]
SPD_Abweichler
Abseits. Jürgen Walter, Silke Tesch (u.), Dagmar Metzger, Carmen Everts (o.r.) -Foto: dpa

Schon vor seinem Erscheinen sorgte das Buch für Aufsehen. Die ehemaligen SPD- Abgeordneten Jürgen Walter und Carmen Everts beklagen sich über ein „einseitiges Bild“. Roland Kochs Regierungssprecher Dirk Metz muss bestätigen, dass er sich im Oktober 2008 vor der geplanten Wahl der damaligen SPD-Chefin Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin mit der SPD-Abgeordneten Silke Tesch getroffen habe. Schließlich habe er den Regierungswechsel verhindern wollen, sagt Metz. Beide Gesprächsteilnehmer berichten, man habe über die Möglichkeit der Gründung einer Fraktionsabspaltung gesprochen, weil zahlreiche SPD-Abgeordnete Ypsilantis Weg zu einer rot-grünen, von der Linkspartei tolierierten, Minderheitsregierung nicht hätten mitgehen wollen.

Der Politikchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, Volker Zastrow, hat mit seinem Politikrimi „Die Vier“, Untertitel: „Eine Intrige“, für viel Gesprächsstoff gesorgt. Seine Nachricht, die vier SPD-Abweichler planten eine Parteigründung rechts der SPD, wurde allerdings postwendend dementiert.

Auf 414 Seiten breitet der Autor den Aufstieg und Fall der Andrea Ypsilanti vor allem aus der Sicht der vier Landtagsabgeordneten aus, die am 3. November, einen Tag vor der geplanten Ministerpräsidentenwahl, Ypsilanti die Gefolgschaft aufgekündigt hatten. So erfahren wir, dass Tesch erst spät die wiederholte Einladung von Regierungssprecher Metz annahm. Am 26. Oktober trafen sie sich an dem von Tesch gewünschten „diskreteren Ort“, im Bergarbeiterhäuschen von Metz’ Mutter in Siegen. Bei Kaffee und Kartoffelkuchen habe man die hessischen Verhältnisse erörtert. Metz hatte für Tesch ein Lehrbeispiel parat. In Siegen hätten vor 20 Jahren unzufriedene SPD-Stadtverordnete die Partei verlassen und eine neue Fraktion gegründet, die noch heute im Parlament vertreten sei. Tesch, Carmen Everts und Jürgen Walter entschieden sich bekanntlich anders.

Nach Mandatsverlust und Neuwahlen sucht Tesch einen Job, Metzger ist zu ihrem Sparkassenjob zurückgekehrt und Walter praktiziert als Anwalt. Nur Everts bleibt vorerst dem Politikbetrieb erhalten. Am Montag vergangener Woche ist sie an ihren Schreibtisch als Referentin der SPD-Landtagsfraktion nach der Genesung von einer Krebserkrankung zurückgekehrt. Für was sie zuständig ist, will der Fraktionsgeschäftsführer nicht sagen. „Irgendeine historische Registratur“, sagt ein SPD-Landtagsabgeordneter.

Damit dürfte sie unterfordert sein. Denn folgt man dem Buch über die „Intrige“, dann hat vor allem sie Regie geführt vor der spektakulären Pressekonferenz der vier. Everts habe die Initiative gestartet und sie habe das Drehbuch gegen den Regierungswechsel mithilfe der Linkspartei geschrieben. Allerdings hätten sie und ihre Bündnispartner Walter fortwährend widersprüchliche Signale ausgesandt. „Während Walter und Everts den zweiten Anlauf vorbereiteten, stimulierten sie gleichzeitig unermüdlich weiteren Widerstand, warben für eine große Koalition.“ Erst als Ypsilanti Walter das Wirtschaftsressort verweigert habe, sei Everts klar auf Distanz zur rot-grünen Minderheitsregierung gegangen.

Über Walter schreibt Zastrow: „Er wollte Minister werden. Und er wollte Ypsilanti stürzen, die Frau, die ihm die schwerste Demütigung seines Lebens beigebracht hatte.“ In der FAZ waren Walter, Everts und Co. noch als „Die phantastischen Vier“ gefeiert worden. „Im Schraubstock der Parteiräson“ hätten sie sich zu ihrer (richtigen) Gewissensentscheidung gequält. In seinem Buch klingt das jetzt doch etwas anders. Für Ypsilanti habe Walter die Leiter an das Dach gestellt, um sie ihr schließlich wegzuziehen, so das Bild Zastrows.

Der Autor muss stundenlange Gespräche mit den vier Hauptakteuren geführt haben; sie gestatteten ihm dabei tiefe Einblicke in ihre Biografie und ihr Seelenleben. Entsprechend enttäuscht sind jetzt Everts und Walter über das Ergebnis: „Wir lassen uns diese Gewissensentscheidung wie auch die Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, nicht absprechen“, erklärten sie zum Vorabdruck in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

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