Polizei in Afghanistan : "Ich gehe nicht, um die Welt zu retten"

Es ist gefährlich. Lebensgefährlich sogar. Vor allem nach den Zwischenfällen zuletzt. Und dennoch entscheiden sich deutsche Polizisten dafür, nach Afghanistan zu gehen, um dort beim Aufbau einer funktionierenden Polizei zu helfen. Tagesspiegel.de hat sich während eines Ausbildungsseminars mit drei Polizisten getroffen, die sich für das Land am Hindukusch entschieden haben - und mit ihnen über ihre Ängste, die Ausbildung von Analphabeten und den Rückhalt in ihren Familien gesprochen.

Interview von Simone Bartsch
Afghanistan Polizei
Konzentration bei der Vorbereitung auf die schwere Mission. -Foto: Simone Bartsch

HamburgSie werden nach Afghanistan gehen. Haben Sie Angst?



Bonnekamp: Ich habe Angst im positiven Sinne. Keine Angst zu haben, wäre meiner Ansicht nach nicht nur fatal, sondern auch gelogen. Es ist ein Kriegsgebiet, in das wir gehen, und da passiert einfach eine ganze Menge. Wenn man die Angst im positiven Sinne sieht, zieht man nur Vorteile daraus - sie macht sensibel und wachsam.

Wolf: Ich habe Sorge, keine Angst. Angst zu haben geht einfach nicht, wenn man in so ein Gebiet geht. Man muss auf jeden Fall natürlich vorsichtig sein, aber direkt Angst haben sollte man nicht.

Kurt*: Ja, Angst habe ich irgendwie schon. Ich muss ja ganz anders auf mich aufpassen, als sonst. Ich muss darauf achten, wohin ich meinen Fuß setze, ich muss Menschen ganz anders einschätzen: Selbst, wenn ich Interesse an jemandem dort habe, muss ich immer auf der Hut sein. Da kann ich nicht einfach hinlaufen und "Hallo" sagen. Ich kann dort in Afghanistan nicht das Leben führen, das ich gewohnt bin, ich muss alles auf Sicherheit abstimmen. Beispielsweise muss ich meinen Kollegen um das Mehrfache vertrauen, als ich es hier in Deutschland tue.

Glauben Sie, in Afghanistan etwas ändern zu können?

Bonnekamp: Ich bin so realistisch, nicht zu glauben, die Welt verbessern zu können. Aber auf der anderen Seite denke ich, dass wir uns selbst mit der kleinsten Arbeit und den minimalsten Möglichkeiten etwas einbringen können, was letztendlich positive Auswirkungen haben wird.

Kurt: Ich habe Angst davor, dass das Bild, welches wir gerne von unserer Arbeit haben möchten, vor Ort völlig desillusioniert wird und dass wir mit viel zu hohen Erwartungen herangehen. In Deutschland hier leben wir in einer Art Kokon und dort, in einem Land, in dem furchtbarer Krieg herrscht, sieht man, was überhaupt die echten Probleme sind. Wo in dieser Welt der Zündstoff liegt.

Bonnekamp: Ja, das stimmt. Wir müssen uns einfach von dem Gedanken trennen, überall Gerechtigkeit hin tragen zu können. Das geht schon in unserem Land nicht und das geht noch weniger in Afghanistan. Ich fahre da nicht hin, um die Welt zu retten und die Freiheit zu verteidigen. Aber ich möchte wenigstens einen kleinen Beitrag leisten. Es können immer nur kleine Schritte sein. Diese Schritte sind der stete Tropfen, der den Stein aushöhlt.

Was möchten Sie den afghanischen Polizisten mitgeben, wofür stehen Sie?

Wolf: Ich bringe Vertrauen. Ich möchte den Auszubildenden etwas beibringen, wodurch sie hinterher mit verstärktem Selbstvertrauen wieder hinaus gehen, wodurch ihr Vertrauen in die eigene Fähigkeit gestärkt wird.

Bonnekamp: Was wir nach Afghanistan bringen können, ist mit Sicherheit etwas Positives von Europa, gegenseitigen Respekt, voneinander lernen.

Wolf: Manchmal reicht es, zu zeigen, dass der Ausländer nicht der westliche Teufel ist.

In Afghanistan gibt es das Problem, dass viele der von Ihnen und Eupol ausgebildeten Polizisten nicht bei der Polizei bleiben: Das Image ist schlecht, die Bezahlung war bis vor kurzem mehr als dürftig, der Job ist gefährlich. Ist das nicht desillusionierend?

Bonnekamp: Ich freue mich einfach über die, die dabei bleiben. Wenn man nur die eine Hälfte erreicht, und diese später als Vorbild für andere Afghanen dienen kann, ist das für uns ein Schritt nach vorne. Aber natürlich ist es auch frustrierend, dass eine bestimmte Anzahl der afghanischen Polizisten für zwei Arbeitgeber gleichzeitig arbeitet, oft für genau entgegengesetzte. Ich will über sie aber nicht den Stab brechen. Die müssen eben auch sehen, wo sie bleiben und ihre Familien ernähren.

Kurt: Im Vergleich zu Deutschland ist das Image der Polizei leider in den meisten Teilen der Welt sehr schlecht. Wir kommen hier aus so einem Wattebäuschchen und versuchen dort, Leuten etwas beizubringen, die noch nicht mal wissen, wo auf der Weltkarte ihr eigenes Land liegt. Als deutscher Beamter ist alles geregelt, man hat seinen Status. Ich war bislang noch in keinem Auslandseinsatz und bin gespannt darauf, wie es in anderen Teilen der Welt aussieht. Und so, wie in Afghanistan, ist es wohl in einem Großteil der Welt. Polizei gilt da einfach nichts, sie ist korrupt.

Bonnekamp: Hier im Westen hat die Polizei ein ganz anderes Image. Dort tritt ein Polizist seinen eigenen Leuten viel mehr auf die Füße, er zerstört mehr: Wenn ein afghanischer Polizist beispielsweise eine Drogenplantage zerstören muss, sein Stamm aber durch den Anbau überhaupt nur überleben kann, dann bedroht er die Existenz seines Stammes. Das sind Dinge, die man dort einfach berücksichteigen muss.

Fühlen Sie sich sie gut vorbereitet?


Kurt: Ich muss zugeben: Ich bin sehr naiv an diesen Auslandseinsatz herangegangen und merke jetzt, worauf ich mich eigentlich einlasse. Afghanistan ist einfach eine komplett andere Welt. Ich bin wirklich sehr gespannt darauf, die Perspektive der afghanischen Polizei kennen zu lernen.

Wolf: Ich war bereits in mehreren Auslandseinsätzen, zum Beispiel Kosovo und Dafur. Von meiner Erfahrung her reicht die Ausbildung, die wir hier bekommen. Man kriegt ein vernünftiges Paket an die Hand, um dort auszukommen. Allerdings lernen wir eines nicht: Wie bilde ich eigentlich aus?

Bonnekamp: Wenn man kein ausgebildeter Ausbilder ist wie ich, fahre ich da runter und werde dann vor eine Situation gestellt, bei der ich gucken muss, wie ich sie meistern werde. Klar, man könnte hier bei der Ausbildung noch eine Schippe drauf legen hinsichtlich des "Wie bilde ich aus". Aber andere Sachen sind vielleicht erstmal wichtiger. Zum Beispiel die Ausbildung an speziellen Waffen, die wir hier machen. Da muss man schon ein bisschen üben. Genau so ist es mit dem Fahren von gepanzerten Fahrzeugen.

Wolf: Jeder, der in so einen Einsatz geht, muss auch für sich selbst gucken, ob er das packen kann und wo seine Ansprüche sind. Kann ich das, was von mir verlangt wird? Kann ich lehren? Habe ich das Wissen, um das, was dort verlangt wird, beizubringen? Was wir hier lernen, ist das Handwerkszeug, mit dem wir dort arbeiten. Das andere muss man selbst mitbringen.

Bonnekamp: Wie wir unterrichten, kommt natürlich auch darauf an, wen wir da vor uns haben.

Kurt: Eben, das können ganz unterschiedliche Leute sein. Polizisten in höherem Dienst oder „Anfänger", Menschen mit Schulbildung oder Analphabeten...

Wolf: Apropos: Wie unterrichte ich eigentlich Analphabeten? Das überlege ich mir schon die ganze Zeit. Das andere kann ich, aber Analphabeten unterrichten....

Bonnekamp: Wahrscheinlich musst du einfach vormachen, was du meinst, oder?

Wolf: Na, das wird auf jeden Fall interessant.

Wen sie wann und wo ausbilden, wissen sie jetzt aber schon, oder?

Bonnekamp: Nein. Ich werde wohl bald gehen wollen. Wir können uns das ja selbst aussuchen.

Wolf: Wen wir ausbilden? Wann wir gehen? Keine Ahnung!

Wenn schon so weit weg: Warum dann nur für ein paar Wochen?

Wolf: Das hat schon familiäre Gründe. Der Einsatz als Kurzzeitexperte ist für mich in Ordnung. Ich bin erst vor kurzem von einem Einsatz wieder gekommen und hätte eigentlich drei bis vier Jahre bis zur nächsten Mission gewartet. Aber ein paar Wochen, das ist ein Zeitraum, den ich meiner Familie zumuten kann. So eine Kurzmission kann die Familie öfter wuppen.

Bonnekamp: Ja, Familie ist ein nicht unerheblicher Faktor. Es ist schon wichtig, ob sie das akzeptiert, ob sie den Rückhalt gibt. Wenn ich weiß, dass die Familie darunter leidet, dann belastet mich das. Wenn ich aber weiß, dass eine Akzeptanz besteht, dann kann ich damit viel besser umgehen. Ich würde auch sofort für ein Jahr nach Afghanistan gehen, allerdings habe ich mit meiner Tochter die Erfahrung gemacht, dass sie nicht so gut damit klar kommt, wenn ich so lange weg bin.

Martin Bonnekamp
ist 45 Jahre alt und Dienstgruppenleiter einer Wache in Wuppertal. Er war bereits an verschiedenen Polizeimissionen beteiligt, beispielsweise in Bosnien.

Matthias Wolf
ist 43 Jahre alt und Ermittlungsbeamter in Bielefeld. Er engagierte sich in mehreren Polizeimissionen, unter anderem im Kosovo und in Darfur.

Andreas Kurt*
ist 36 Jahre alt und arbeitet beim SEK. Der Afghanistan-Einsatz wird die erste Polizeimission im Ausland sein, an der er teil nimmt. Wie die beiden anderen will er als Kurzzeitexperte, also für etwa 6-8 Wochen, nach Afghanistan gehen.

*Name von der Redaktion geändert

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