Polizei sucht Heckenschützen : Schwedens Einwanderer in Todesangst

Viele Schweden fühlen sich auf grausame Weise an den Anfang der 90er Jahre erinnert. Damals schoss ein Rassist in Stockholm auf insgesamt elf Menschen – alle mit dunklerer Hautfarbe. Jetzt sucht die Polizei in Malmö wieder einen Heckenschützen.

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Viele Schweden fühlen sich auf grausame Weise an den Anfang der 90er Jahre erinnert. Damals schoss ein Rassist in Stockholm auf insgesamt elf Menschen – alle mit dunklerer Hautfarbe. Jetzt schreibt die Polizei im südschwedischen Malmö 15 Mordversuche an Einwanderern mit einer Schusswaffe aus dem Hinterhalt einem vermutlich rechtsextremen Heckenschützen zu. Die ersten Fälle liegen vermutlich schon fast ein Jahr zurück. Die Polizei gab den Sachverhalt allerdings erst jetzt bekannt. Die Ermittler kamen nicht weiter in dem Fall und wollten Panik vermeiden, aber auch Nachahmer nicht ermutigen.

Nun ist genau das passiert, was sie befürchtet hatten: Nachdem am Mittwoch ein ausländisch aussehender Mann mit einem Rückenschuss ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, fielen am Donnerstag weitere Schüsse. Ein 16-Jähriger wurde am hellichten Tag vor einem Kindergarten beschossen, zwei Frauen am Abend in einer Wohnung von der Straße durch das Fenster. Die Polizei war sich am Freitag jedoch nicht mehr sicher, ob es sich in beiden neueren Fällen tatsächlich um den gleichen Täter handelt, der für die vorherigen Anschläge auf südländisch aussehende Menschen verantwortlich ist.

Nach den Schüssen auf die Frauen in der Wohnung immerhin konnten Zeugen erstmals brauchbare Angaben über den flüchtenden Täter machen. „Wir müssen uns darauf einrichten, dass er wieder zuschlägt“, sagte Fahndungschef Mats Lassen. Das Muster ist immer dasselbe. Opfer sind stets dunkelhäutige Frauen und Männer, die in abendlicher Dunkelheit von hinten beschossen werden. Oft beim Warten an der Bushaltestelle. In keinem Fall hat sich ein konkretes Motiv ermitteln lassen. Der wahrscheinlich 20 bis 40 Jahre alte Täter ziele stets auf den Oberkörper, teilte die Polizei mit. Das bedeute, dass er den Tod der Opfer in Kauf nehme.

Getötet wurde zu Beginn der Anschlagsserie im letzten Oktober eine junge Frau. Sie war als einziges der bisherigen Opfer hellhäutig und wurde in ihrem Auto zusammen mit einem dunkelhäutigen Begleiter beschossen.

Die nationale Ermittlungskommission und der schwedische Integrationsminister Erik Ullenhag besuchten am Freitag Malmö. Als „Angriff auf Schweden“ verurteilte Ullenhag die Vorgänge. „Das, was in Malmö geschehen ist, ist tragisch nicht nur für Menschen mit Einwanderungshintergrund. Sondern für ganz Schweden.“ Einwanderer kritisieren, dass die Ermittlungen nicht vorankommen. Und in der Tat fragen sich viele Menschen in Malmö, nicht nur Einwanderer: Wie kann jemand monatelang auf Menschen schießen und nicht gefasst werden? Ein Polizeisprecher sagt dazu: „Es ist recht einfach für einen Heckenschützen, nachts einfach spurlos zu verschwinden, wenn er die Flucht vorher genau geplant hat.“ Besonders pikant: Vor nicht langer Zeit wurden Tonbänder in den schwedischen Medien veröffentlicht, die vom rassistischen Jargon der Polizei in Malmö selbst Zeugnis ablegten. In einem Einsatzwagen sitzend, sagen Beamte dort unter anderem: „Verdammte Affen, denen geben wir es.“

Inzwischen hat die Malmöer Polizei Ermittler aus dem „Lasermann“-Fall in den Neunzigern zu Rate gezogen. Der Heckenschütze von Malmö lässt viele Schweden auf den damaligen Fall zurückblicken. Damals trieb der später gefasste „Lasermann“ sein rassistisches Unwesen in Stockholm. Er schoss 1991 und 1992 mit einem Gewehr mit Laserstrahl-Zielsuche auf elf Menschen, denen nur ihr etwas dunkleres Äußeres gemein war. Eines der Opfer starb, die anderen trugen teils schwere Verletzungen davon. Gefasst werden konnte er Mann nach einem Bankraub – er wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Damals herrschte eine gedrückte Stimmung im Land. Erstmals gab es Massenarbeitslosigkeit, eine ausländerfeindliche Partei war in den Reichstag eingezogen. Sie verschwand allerdings schnell wieder von der Bildfläche. Auch die schwedische Neonaziszene, die damals zu den militantesten Europas zählte, ist längst nicht mehr so stark. Damals verübten die Extremisten Morde an Gewerkschaftern, Polizisten und Journalisten.

Bei der letzten Wahl im September zog wieder eine rechtspopulistische Partei in den Reichstag ein. Die „Schwedendemokraten“ hatten im Wahlkampf ausländerfeindliche Ressentiments geschürt. Besonders viel Zuspruch erfährt die Partei in Südschweden.

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