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Polizeiausbildung in Afghanistan : Tatort Kabul

Schwer bewaffnet rücken die Ermittler an. Eine Frauenleiche liegt da, eine Puppe, es ist nur eine Übung. Europäische Beamte trainieren zurzeit 150.000 afghanische Polizisten. Denn die sollen ab 2014, wenn die Nato abzieht, für Sicherheit sorgen. Die Reportage.

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Modellversuch. Auf einem Übungsgelände in Kunduz lernen afghanische Polizisten das Einmaleins der Kriminaltechnik. Regel Nr. 1: Tatort sichern.
Modellversuch. Auf einem Übungsgelände in Kunduz lernen afghanische Polizisten das Einmaleins der Kriminaltechnik. Regel Nr. 1:...Foto: Ziedler

Es fehlt offenbar an nichts in der Welt von Kommissar Amanullah. Im Büro seiner Chefin hängen ein Flachbildschirm und ein großes Konterfei von Präsident Hamid Karsai an der Wand, davor steht ein Schreibtisch aus dunklem Holz, darauf ein neuer Computer. Nur dass die Polizeichefin gerade ihren Stellvertreter zusammenstaucht, weil der eine junge Kollegin belästigt haben soll, passt nicht so recht ins Bild. Oder doch?

Tatort Kabul. Kommissar Amanullah ist der Held einer nach ihm benannten afghanischen Fernsehserie. Und Saba Sahar spielt die resolute Polizeichefin. Sie wird laut, gibt den Ton an, trifft harte Entscheidungen. Das kommt so gut an, dass an diesem Tag schon Folge 28 gedreht wird und der Privatsender Ariana die Krimireihe nun zur besten Sendezeit in die islamische Welt ausstrahlt. „Mit dieser Serie“, sagt Sahar, die auch als Regisseurin hier die Kommandos gibt, „wollen wir junge Männer und Frauen ermutigen, in den Polizeidienst einzutreten.“ Die Szene ist im Kasten.

Proteste gegen Bundeswehreinsatz in Afghanistan
Friedensaktivisten und linke Gruppen protestieren in Berlin gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: dpa
08.10.2011 15:58Friedensaktivisten und linke Gruppen protestieren in Berlin gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan.

„Die Serie ist so realistisch wie Karl May“, sagt Najibullah Samsoor. Er ist der Mann, der normalerweise auf dem Chefstuhl im neunten Polizeibezirk von Kabul sitzt. Im echten Leben eines afghanischen Ermittlers ist nicht viel Platz für den Glamour einer Fernsehserie. Samsoor zeigt auf die Gedenktafel für die sechs Kollegen seiner Wache, die im Kugelhagel aufständischer Talibankämpfer und bei einem Selbstmordanschlag getötet wurden. Bis September 2012 haben 1500 afghanische Polizisten den Kampf für die Sicherheit des Landes mit ihrem Leben bezahlt. Auch Saba Sahar wird im echten Leben wegen der mangelnden Unterwürfigkeit der Figur, die sie im Fernsehen verkörpert, mit dem Tod bedroht. Nur 1926 Frauen sind unter den 150 000 Polizisten, hat das Innenministerium gezählt. Die Polizei hat mehr Opfer zu beklagen als die Armee, da braucht es Nachwuchs und Furchtlosigkeit. „Ich habe keine Angst zu sterben“, sagt Samsoor, „wer für dieses Land stirbt, ist ein Held.“

Am heutigen Mittwoch hat das Bundeskabinett einem neuen Mandat zur Reduzierung der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan zugestimmt. Die Zahl der Soldaten soll demnach bis Ende Februar 2014 von derzeit 4600 auf dann 3300 sinken. Dem neuen Fortschrittsbericht zufolge verbesserte sich die Sicherheitslage in diesem Jahr erneut leicht, bereitet aber in vielen Gebieten noch Anlass zur Sorge. Im Raum stand auch die Frage: Wie soll zivile Polizeiarbeit eingeführt werden, während gleichzeitig in weiten Teilen Afghanistans blutige Auseinandersetzungen anhalten?

Sie gibt den Ton an. Saba Sahar spielt in der Serie "Kommissar Amanullah" die Polizeichefin.
Sie gibt den Ton an. Saba Sahar spielt in der Serie "Kommissar Amanullah" die Polizeichefin.Foto: Ziedler

„Das ist die große Frage“, sagt der deutsche Diplomat Hansjörg Haber, dem die nicht militärischen EU-Missionen unterstehen. Er ist in Afghanistan, um von den Afghanen selbst zu hören, was man in Zukunft noch besser machen könnte. „Das Datum 2014 treibt uns an“, sagt Haber und meint mit „uns“ die Nato und die Afghanen. Mit dem Datum wiederum ist die Zeit gemeint, da die Nato ihre Kampftruppen abziehen wird. „Gleichzeitig ist klar, dass dann noch nicht alles geschafft sein wird und die Polizeiausbildung auch an den politischen Rahmenbedingungen hängt.“

Ab 2014 sollen die Afghanen selbst Ruhe und Ordnung herstellen können. Die Polizei ist dabei noch wichtiger als die Armee, soll doch ein demokratischer Staat seine Feinde im Innern mit zivilen und nicht mit militärischen Mitteln stoppen. Die Ausbildung dafür teilen sich Amerikaner und Europäer. Vor allem die Nato übernimmt die Grundausbildung der Rekruten; um die Spezialisten, Spitzenkräfte und Strukturen kümmert sich eine 350 Beamte umfassende europäische Polizeiausbildungsmission namens Eupol Afghanistan. Nach massiver Kritik in deren Anfangsphase 2007 ist das Mandat eben erst bis Ende 2014 verlängert worden. Den europäischen Steuerzahler kostet das etwa 60 Millionen Euro pro Jahr. Beide Seiten sprechen von ersten Erfolgen, zu denen sie nicht nur zählen, dass die von Eupol ersonnene Krimi-Serie so gut läuft.

Da ist auch dieser Ring aus Stahl, eine Idee der europäischen Kollegen. Er stoppt den Verkehr. An Checkpoint 7, einem dieser 30 befestigten Kontrollposten, die sich wie eine Schlinge um Kabuls Innenstadt ziehen, kontrollieren Polizisten die Autos. Mit gezücktem Maschinengewehr suchen sie im Verkehr nach Verdächtigen. Seit kurzem sind getönte Pkw-Scheiben verboten.

Der Chef der EU-Ausbilder, ein Schwede, ist ebenfalls vor Ort. Doch er darf seinen gepanzerten Wagen am stählernen Ring nicht länger als 15 Minuten verlassen, um die Aufständischen nicht auf sich aufmerksam zu machen. Unweit seines Hauptquartiers an der Straße nach Dschalalabad waren vergangene Woche zwei Raketen eingeschlagen. Dennoch spricht der schwedische Polizist von „täglich großen Fortschritten bei der Sicherheitslage“.

An diesem Tag finden sie an Checkpoint 7 unweit des Flusses, der Kabul seinen Namen gibt, weder Waffen noch selbstgebaute Bomben. Das ist eher die Ausnahme.

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