Politik : Polizeischutz für Pariser Busse

Ein Jahr nach den Vorstadtkrawallen in Frankreich wird gegen zwei Beamte ermittelt

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Mit einem Schweigemarsch zum Gedenken an den Tod zweier Jugendlicher haben Demonstranten am Freitag an die Vorstadtunruhen in Frankreich erinnert, die vor einem Jahr begonnen hatten. Der Tod der beiden jungen Männer war der Auslöser der Krawalle gewesen. Die Pariser Polizei begleitete den Schweigemarsch mit einem Großaufgebot und verstärkte die Präsenz in den Vorstädten.

Nach den Brandanschlägen vom Mittwoch auf vier Linienbusse in mehreren Vororten verlief die Nacht zum Freitag zwar relativ ruhig. Lediglich in Grigny im Süden und Montfermeil im Norden von Paris kam es zu Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und der Polizei. Doch am Freitagabend kam es zu weiteren Zwischenfällen: Im Nordosten von Paris überfielen zwei Vermummte einen Bus, zwangen die Fahrgäste zum Aussteigen und zündeten das Fahrzeug an. Am späten Abend setzte eine Gruppe Jugendlicher einen zweiten Bus in der selben Vorstandt in Brand. Aus Sorge, dass der Jahrestag von gewaltbereiten jungen Leuten zum Anlass genommen werden könnte, der Ereignisse auf ihre Weise zu gedenken, beschloss Innenminister Nicolas Sarkozy „alle verfügbaren mobilen Kräfte“ zur Sicherung des Nahverkehrs in den Vorstädten einzusetzen.

„Wir werden alles tun, damit nirgends die öffentlichen Dienstleistungen unterbrochen werden“, sagte Sarkozy. Die Nahverkehrsgesellschaften hatten nach den Anschlägen zunächst angekündigt, den Abendverkehr in die problematischen Stadtteile einzustellen. Die Fahrer einer Buslinie waren in einen Ausstand getreten. Die Beamten sollen auf „sensiblen Linien“ eingesetzt werden, teilte Sarkozy mit, ohne weitere Einzelheiten bekannt zu geben. Nach Mitteilung der Polizeigewerkschaft Unsa soll es sich um 500 zusätzliche Polizisten handeln, die zusammen mit dem Sicherheitspersonal der Verkehrsbetriebe Dienst tun sollen. Sie würden in den Bussen mitfahren oder sie in Begleitfahrzeugen eskortieren.

Die Einwohner von Clichy-sous-Bois gedachten am Freitag des 15 Jahre alten Bouna Traoré und des 17 Jahre alten Zyed Benna. Sie waren am Abend des 27. Oktober 2005 nach einem Fußballspiel vor einer Polizeikontrolle davongelaufen, weil sie keine Papiere bei sich hatten, und in einem Hochspannungstransformator ums Leben gekommen, in dem sie sich verstecken wollten. Ihr Tod hatte die gewalttätigen Proteste ausgelöst, in deren Verlauf in zahlreichen Orten der Hauptstadtregion 10 000 Autos in Brand gesetzt und 200 öffentliche Gebäude verwüstet wurden. Hinter einer Banderole mit der Aufschrift „Morts pour rien“ (tot für nichts) begaben sich etwa tausend Menschen mit den Familien der beiden Jungen zum Umspannwerk, dann zu der Schule, die die beiden besucht hatten. Dort wurde eine Stele zu ihrem Gedenken enthüllt.

Zur Aufklärung der genauen Todesumstände sollen nach mehr als einem Jahr jetzt erstmals die Polizeibeamten vernommen werden, vor denen die beiden Jungen geflohen waren. Innenminister Sarkozy hatte damals behauptet, die beiden seien gar nicht verfolgt worden. Nachdem diese Aussage durch den Mitschnitt des Polizeifunks widerlegt worden war, leitete die Staatsanwaltschaft eine Untersuchung gegen unbekannt ein. Im Rahmen dieses Verfahrens sind die elf infrage kommenden Beamte Ende November vom Untersuchungsrichter vorgeladen worden. „Ich kann den jungen Leuten in den Vorstädten endlich glaubhaft versichern, dass Recht für alle gilt“, sagte dazu Jean-Pierre Mignard, der Anwalt der Familien der beiden Jungen.

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