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Polizistenmorde von Baton Rouge : Angreifer war Irak-Veteran - und hatte zur Gegenwehr aufgerufen

Bereits 30 getötete Polizisten in diesem Jahr: In den USA verhärten sich die Fronten. Der Bürgermeister ruft nach dem Angriff in Baton Rouge zur Versöhnung auf. Einzelheiten über den Täter werden bekannt.

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Auf Halbmast: Trauer und verhärtete Fronten in den USA nach dem tödlichen Angriff auf Polizisten in Baton Rouge.
Auf Halbmast: Trauer und verhärtete Fronten in den USA nach dem tödlichen Angriff auf Polizisten in Baton Rouge.Foto: REUTERS/Joe Penney

Ein Streifenwagen steht an einer Kreuzung, Schüsse peitschen, ein Polizist duckt sich hinter dem Fahrzeug, um nicht getroffen zu werden: Ein Handy-Video hält am Sonntagmorgen die jüngste Eskalation zwischen der Polizei und militanten Schwarzen in den USA fest. Drei Polizisten und ein Angreifer sterben bei der Schießerei in Baton Rouge im Bundesstaat Louisiana, einer Stadt, in der die Lage seit dem Tod eines Afroamerikaners bei einem Polizeieinsatz am 5. Juli höchst angespannt ist. In den USA herrscht Angst – wegen der fortgesetzten Gewalt, aber auch wegen der wachsenden Wut und Polarisierung im Land.

Erst zehn Tage ist es her, dass der afroamerikanische Gewalttäter Micah Johnson am Rande einer Protestkundgebung gegen Polizeigewalt im texanischen Dallas fünf Beamte erschoss. Baton Rouge war eine der Stationen auf dem Weg zu diesem Massaker: Johnson reagierte mit seiner Jagd auf weiße Polizisten darauf, dass Polizisten in Baton Rouge am 5. Juli den Schwarzen Alton Sterling erschossen und einen Tag später in Minnesota den Afroamerikaner Philando Castile getötet hatten.

Eine Spirale der Gewalt, von der niemand weiß, wie sie gestoppt werden kann, auch Präsident Barack Obama nicht. Die Schüsse von Baton Rouge nennt er das „Werk von Feiglingen, die niemanden vertreten“. „Dies sind Attacken gegen öffentliche Bedienstete, gegen die Rechtsstaatlichkeit und gegen die zivilisierte Gesellschaft, und sie müssen aufhören“, sagte Obama. Es klingt hilflos. Im Land geht die Angst vor der Bildung afroamerikanischer Terrorzellen um.

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Schusswaffen in den USA (Videografik)
Schusswaffen in den USA (Videografik)

Vor ein paar Tagen war die Polizei in Baton Rouge mit der Nachricht an die Öffentlichkeit gegangen, Ermittlungen nach einem Einbruch in einem Pfandhaus hätten möglicherweise einen geplanten Angriff auf die Sicherheitskräfte verhindert. Ein 17-jähriger afroamerikanischer Einbrecher sagte demnach aus, er habe bei dem Einbruch zusammen mit drei Komplizen mehrere Handfeuerwaffen geraubt. „Wir sind auf der Suche nach Munition, um Polizisten zu töten“, sagte der Teenager demnach.

Bürgermeister spricht von Hinterhalt gegen Polizisten

Am vergangenen Freitag hatte in Baton Rouge eine Trauerfeier für Sterling stattgefunden, bei der vom „Kampf für soziale Gerechtigkeit und für eine Polizei-Reform“ die Rede war. Knapp zwei Kilometer vom Polizei-Hauptquartier, das nach Sterlings Tod zum Schauplatz von gewalttätigen Protesten geworden war, fallen an diesem Sonntag erneut tödliche Schüsse in der Stadt am Mississippi. Die letzte Bluttat ist noch nicht verarbeitet, da geschieht schon die neue. „Die Gewalt und der Hass müssen aufhören“, beschwört Gouverneur John Bel Edwards seine Landsleute.

Gegen 9 Uhr Ortszeit am Morgen wird die Polizei zum Airline Highway in Baton Rouge gerufen. Bürgermeister Kip Holden sagt später dem Fernsehsender MSNBC, in dem Notruf sei von Schüssen die Rede gewesen. Als die Beamten an der fraglichen Stelle in der Nähe des Einkaufszentrums Hammonds Aire Plaza ankommen, geraten sie sofort unter Beschuss: Sie seien in einen Hinterhalt geraten, sagt der Bürgermeister.

Polizisten erschießen einen der Angreifer, der laut Medienberichten vermummt und ganz in Schwarz gekleidet war. Es soll sich um einen 29-jährigen Afroamerikaner namens Gavin Eugene Long gehandelt haben. Er soll die Polizisten mit einem fingierten Notruf in die Falle gelockt haben. Bestätigt wird das zunächst nicht. Mindestens einer der getöteten Polizisten war ebenfalls Afroamerikaner.

Gavin Long tötete und starb an seinem 29. Geburtstag

In der Nacht zu Montag werden erste Details aus der Biografie des Angreifers bekannt. Long sei ein Armeeveteran gewesen sein, berichtet die "New York Times". 2005 habe er sich in seiner Heimat Kansas City, Missouri, zum Dienst gemeldet und den US-Marines bis 2010 als IT-Spezialist gedient, ein halbes Jahr auch im Irak. Seine Akte enthalte eine Reihe von Auszeichnungen. Der Sonntag, an dem er tötete und selbst starb, soll sein 29. Geburtstag gewesen sein.

Long hatte in den vergangenen Tagen über Twitter mit Blick auf die jüngsten Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze zu Gegenwehr aufgerufen. "Gewalt ist nicht die Antwort (es ist eine Antwort)", schrieb er. Weiter hieß es: "Wann erhebt Ihr Euch endlich, damit Eure Leute nicht wie die Ureinwohner ausgerottet werden?" Seinen eigenen Angaben zufolge war er vor kurzem nach Dallas gereist, den Schauplatz eines Heckenschützen-Angriffs auf Polizisten. Im vergangenen Jahr änderte er seinen Namen in Cosmo Ausar Setepenra und bezeichnete sich als Mitglied der Washitaw-Nation; dies ist eine Gruppe von Afroamerikanern, die angibt, ihre Vorfahren hätten als Ureinwohner auf dem amerikanischen Kontinent gelebt.

Zwei mutmaßliche Komplizen des getöteten Angreifers könnten entwischt sein, nimmt die Polizei zunächst an, später spricht sie von einem Einzeltäter. Zu einem möglichen Zusammenhang zwischen dem Angriff auf die Polizisten und den Demonstrationen nach Sterlings Tod will sich Polizeisprecher L’Jean McKneely nicht äußern. „Im Moment können wir überhaupt nichts mit Sicherheit sagen“, sagt er.

Großeinsatz in Baton Rouge: Die Polizei blockiert Straßen auf der Suche nach möglichen Mittätern.
Großeinsatz in Baton Rouge: Die Polizei blockiert Straßen auf der Suche nach möglichen Mittätern.Foto: REUTERS/Joe Penney

Andere sind weniger zurückhaltend. Obwohl aus Polizeikreisen verlautet, die tödliche Schießerei habe offenbar nichts mit dem Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß zu tun gehabt, hagelt es im Internet gegenseitige Schuldzuweisungen. Auf der einen Seite stehen jene, die einen von der Obama-Regierung zumindest geduldeten Generalangriff auf die Polizei sehen, auf der anderen Seite findet sich eine Gruppe, die vor allem die Gewalt der Sicherheitskräfte gegen Schwarze beklagt.

Schuldzuweisungen gegen "Black Lives Matter" im Internet

Die Protestbewegung „Black Lives Matter“ – Das Leben von Schwarzen zählt – habe die neuen Polizistenmorde zu verantworten, schreiben rechtsgerichtete Kommentatoren auf Twitter. Einer von ihnen präsentiert Stellungnahmen von Polizeigegnern, die den Tod der Beamten in Baton Rouge als gute Nachricht gefeiert hätten. Andere halten dagegen, es sei kein Wunder, dass einige Schwarze angesichts der ständigen Diskriminierungen durch die Polizei zur Selbstjustiz greifen. „Die Zeiten, in denen Weiße ungestraft Schwarze töten konnten, sind vorbei,“ heißt es in einem Kommentar.

Schon vor dem jüngsten tödlichen Zwischenfall sahen sich Mitglieder der Protestbewegung schweren Vorwürfen ausgesetzt. In diesem Jahr sind bisher 30 Polizisten bei Einsätzen getötet worden, das sind nach einem Bericht der „Washington Post“ fast doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres. Eine Polizeigewerkschaft beklagt „unprovozierte“ Gewaltaktionen gegen die Beamten. Bürgerrechtler entgegnen, Kritik an Missständen zu äußern bedeute nicht, dass man ein Feind der Polizei sei.

Auch Donald Trump meldet sich am Sonntag zu Wort, um die Ereignisse in Baton Rouge kurz vor dem am Montag beginnenden Wahlparteitag der Republikaner für sich zu nutzen. Amerika versuche, gegen den Islamischen Staat (IS) zu kämpfen, „und jetzt töten unsere eigenen Leute unsere Polizisten“, schreibt der Präsidentschaftsbewerber auf Twitter. „Wie viele Polizisten und andere Menschen müssen sterben, weil es in unserem Land keine politische Führung gibt? Wir verlangen Recht und Ordnung.“

Angesichts der verhärteten Fronten kann Bürgermeister Holden, selbst Afroamerikaner, nur hilflos wirkende Appelle an die Bürger richten. Der Vorfall vom Sonntag müsse als Gelegenheit zur Versöhnung begriffen werden, sagt er: wann, wenn nicht jetzt. Doch so ganz scheint er selber nicht zu glauben, dass dies möglich sein wird. „Wir stehen vor sehr, sehr schweren Zeiten.“

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