Portät : Wer ist Dieter Althaus?

Er ist ein gläubiger Katholik und konservativ. Dennoch will er ein solidarisches Grundeinkommen. Er ist das Gesicht der Thüringer CDU. Doch es ist unklar, ob er in die Politik zurückkehrt. Wer ist Dieter Althaus?

Matthias Schlegel

Wie sehr braucht die Thüringer CDU Dieter Althaus im Wahlkampf?



Auch mit dem Spitzenkandidaten Dieter Althaus kann die CDU die absolute Mehrheit bei der Landtagswahl am 30. August wohl nicht wieder gewinnen. Ohne ihn würde sie vermutlich einbrechen. Denn noch ist Dieter Althaus die Thüringer CDU. Das ist freilich die momentane Einschätzung. Die Situation könnte sich aber noch gravierend wandeln: Wenn Althaus trotz eines anhängigen Strafverfahrens, trotz Eingeständnisses seiner Schuld in Form von Schadenersatzzahlungen an die Familie der getöteten Beata C. und trotz eventuell bleibender Folgen des Skiunfalls vom Neujahrstag zur Wahl antritt. Dann könnte sich für die CDU das eiserne Festhalten an ihrem Spitzenkandidaten als Fehler erweisen.

Die Strategie steht seit langem fest: ein Personenwahlkampf. Ganz auf die Marke Althaus zugeschnitten. Die Wahlplakate in Thüringen mit dem Konterfei des Ministerpräsidenten sind gedruckt. Wenn sich für die CDU aber das Prinzip Hoffnung als trügerisch erweisen sollte, könnte es zu spät sein für eine abrupte Wende. Falls Althaus wegen der Belastungen im Wahlkampf aussteigt und ein neuer Spitzenkandidat aus dem Hut gezogen werden müsste – er stünde wohl auf verlorenem Posten.

Wofür steht Althaus politisch?

Bei Motor Heiligenstadt spielte er einst als rechter Verteidiger, und auch in seinem „Team Althaus“, der Fußballmannschaft seiner engsten Mitstreiter, platziert er sich meist in der Abwehr. In der Politik dagegen bevorzugt er die Offensive. Doch was er 2006 als „Familienoffensive“ in seinem Bundesland einführte, brachte ihm bei Opposition und Gewerkschaften eher den Ruf eines rückwärtsgewandten Verfechters der Herdprämie ein. Dabei sollte die den Eltern gebotene Wahlfreiheit zwischen Erziehungsgeld und Kindergartenplatz nur die im Osten tradierten Betreuungsmuster aufbrechen helfen. Der von den Gegnern angestrebte Volksentscheid scheiterte am Landesverfassungsgericht, auch die prophezeiten Massenabmeldungen aus den Kindergärten blieben aus.

Wirklich offensiv verfolgt Althaus seit Jahren ein anderes Thema – das solidarische Bürgergeld. 800 Euro will er jedem Erwachsenen, 500 Euro jedem Kind als bedingungsloses Grundeinkommen zubilligen. Alle Sozialbeiträge sollen entfallen. Einwände, etwa dass ein finanzielles Loch von 230 Milliarden Euro aufgerissen oder der Sozialstaat plattgemacht würde, kontert Althaus mit dem Hinweis auf den kollabierenden Sozialstaat. „Zukunft gestalten“ ist eine seiner Lieblingsformeln. Als wolle er so allen Zweifeln an der Lebensdauer seiner politischen Entscheidungen begegnen. Und als wolle der Katholik den Vorwurf entkräften, dem Konservativen, den er mitunter demonstrativ verkörpert, mangele es an Gestaltungskraft.

Welche Rolle spielt er in der Union?

Lange hatte der Kultusminister und spätere CDU-Fraktionschef das Image eines blässlichen Politikers. Auch noch, als Bernhard Vogel im November 2000 den CDU- Landesvorsitz an Althaus abgab – das endgültige Zeichen der Anwartschaft des klaglos Wartenden auf das Amt des Regierungschefs. Am 5. Juni 2003 war es so weit. Überraschend schnell wuchs er in die neue Aufgabe hinein und bald schon fast darüber hinaus. Als Merkel 2005 in den Wahlkampf zog, war der Thüringer in ihrem Team für den Aufbau Ost zuständig. Er äußerte sich zu fast allen bundespolitischen Fragen, wurde rasch bekannt. Nicht immer bestach er dabei durch Geradlinigkeit, gelegentlich fiel er Parteifreunden in den Rücken, aber stets wahrte er unbedingte Loyalität zur Kanzlerin. Weil er damals, wie kolportiert wurde, häufiger in Berlin als in der Erfurter Staatskanzlei auftauchte, geriet Althaus zu Hause in die Kritik. Nach der Wahl gab es in Berlin keinen Posten für ihn in einer großen Koalition. Es wäre wohl auch zu früh gewesen. Sein Eifer wurde 2006 mit einem Platz im CDU-Präsidium belohnt.

Wie sieht seine landespolitische Bilanz aus?

Seit Jahren hat Thüringen die niedrigste Arbeitslosenrate im Osten. Für 2008/ 2009 legte die Landesregierung erstmals einen ausgeglichenen Haushalt vor. Und das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist höher als in den meisten Altbundesländern. Die aus SPD und Linkspartei bestehende Opposition im Drei-Parteien-Parlament setzt dennoch auf den Wechsel nach 19 Jahren CDU-Dominanz. Althaus und die CDU hätten „abgewirtschaftet“, sagt SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie. Er verweist auf die bundesweit niedrigsten Reallöhne und auf eine längst überfällige Gebiets- und Verwaltungsreform. Die Familienoffensive sei eine Luftnummer, und in den Kitas fehlten 2000 Stellen.

2008 waren die Umfragewerte für die Althaus-CDU zeitweise dramatisch gesunken und näherten sich denen der aufstrebenden Linkspartei. Als sich der Regierungschef im Mai zu einer überstürzten Kabinettsumbildung genötigt sah, weil zwei Minister ihr Ausscheiden angekündigt hatten, war das als Befreiungsschlag geplant, ging aber schief: Der Kultusministerkandidat Peter Krause entpuppte sich als einstiger Mitarbeiter rechtslastiger Medien. Er warf nach fünf Tagen heftiger öffentlicher Debatten entnervt hin. Und mit Justizministerin Marion Walsmann holte sich Althaus genau jene Debatte an den Hals, die er immer vermeiden wollte: Sie hatte für die Blockpartei CDU noch im Wendejahr ’89 in der DDR-Volkskammer gesessen.

Wie stark ist Althaus durch seine DDR-Vergangenheit geprägt?

Angriffen wegen seiner Mitgliedschaft in der DDR-CDU, der er 1985 beitrat, ist Althaus häufiger ausgesetzt. Das hat ihn dünnhäutig gemacht, denn die einstige Geschmeidigkeit beim Anpassen ans System bietet heute breiten Interpretationsspielraum. So wurde ihm vorgeworfen, er hätte als stellvertretender Schuldirektor ausgerechnet am Tag des Mauerfalls die Jugendweihe verteidigt. In Wirklichkeit hatte er sich dafür eingesetzt, dieses marxistisch-leninistische Initiationsritual aus der Schule zu verbannen.

In Heiligenstadt war Althaus Messdiener. Das Leben im katholischen Eichsfeld, in der Diaspora nahe der deutsch- deutschen Grenze, wo die Menschen mit tief verwurzelter Religiosität den Verführbarkeiten ideologischer Indoktrination widerstanden, hat ihn geprägt. Sein kürzlich verstorbener Vater hatte dort 1946 die CDU mitbegründet. Doch was damals noch ein Akt des Aufbegehrens von Christen gegen den aufziehenden Kommunismus war, kehrte sich nach der Gleichschaltung der CDU in den frühen 50er Jahren ins Gegenteil. Später wurde gerade im Eichsfeld eine Zugehörigkeit zur CDU weithin als Makel empfunden.

All das sagt wenig über seine politische Zukunft. Er sei „definitiv nicht der Alte, weder im Aussehen noch in seinen Verhaltensweisen“, sagte sein Bruder Bernd Uwe Althaus gerade erst. Auch Freunde meinen, unter dem Eindruck des Unfalls werde er als ein anderer zurückkehren.

ZUR PERSON

GEBOREN

Dieter Althaus kam am 29. Juni 1958 in Heiligenstadt zur Welt.


AUSBILDUNG

Obwohl er als Katholik die Jugendweihe verweigerte, konnte er das Abitur machen. Nach dem Grundwehrdienst bei der NVA studierte Althaus Physik und Mathematik. 1983 wurde er Lehrer, 1987 als 29-Jähriger stellvertretender Schuldirektor in Geismar. 1990 übernahm er die Leitung des Kreisschulamtes. Am 14. Oktober 1990 zog er in den Thüringer Landtag ein. Von 1992 bis 1998 war Althaus Kultusminister, danach CDU-Fraktionschef. Am 5. Juni 2003 wurde er als Nachfolger von Bernhard Vogel Ministerpräsident.

FAMILIE

Dieter Althaus ist seit 1982 mit der Lehrerin Katharina Althaus verheiratet. Sie haben die Töchter Alexandra und Andrea.

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