Porträt : Aufräumen, aber nichts umstürzen

In Schweden hat die Mitte-rechts-Allianz die jahrzehntelang dominierenden Sozialdemokraten in die Opposition geschickt. Ein Porträt des Wahlsiegers Fredrik Reinfeldt.

Stockholm - Fredrik Reinfeldt hat es gern sauber. Der 41 Jahre alte konservative Wahlsieger in Schweden erzählt in fast jedem Interview, wie gern er seine Küche putzt. Wirklich aufgeräumt hat er jedoch in seiner Moderaten Partei. Zerstritten und besiegt hatte er die Partei im Oktober 2003 übernommen, die internen Debatten beendet - und nun im ersten Anlauf einen Wahlsieg eingefahren. Die Leistung des jungen Politikers ist umso erstaunlicher, als das schwedische Wahlvolk die Konservativen eigentlich nicht leiden kann: in den vergangenen 74 Jahren haben die dominierenden Sozialdemokraten insgesamt 69 Jahre regiert.

Die Wähler haben für einen Wechsel, nicht aber für einen grundlegenden Wandel gestimmt. Reinfeldt schafft zwar Ordnung, aber mit Blick auf den schwedischen Wohlfahrtsstaat hat er keinen Kehraus verkündet. Das kam an. Reinfeldt ist ein "ruhiger, nachdenklicher und aufmerksamer Mann", analysiert Henrik Brors, Kommentator der anerkannten Tageszeitung "Dagens Nyheter". "Seine gemäßigten Aussagen gefallen den Wählern." Der bisherige Oppositionsführer sei kaum aus der Ruhe zu bringen und setze bei Wahlen darauf, die Wählerschaft der Sozialdemokraten "abzuknabbern". Dazu hat er seine Partei zielstrebig in Richtung Mitte des Wählerspektrums bewegt.

Mit seiner Vier-Parteien-Allianz kam Reinfeldt auf 48,1 Prozent der Stimmen, während die Linkskoalition von Ministerpräsident Göran Persson 46,2 Prozent erzielte. Reinfeldts eigene Partei, die Moderaten, kletterte von 15 Prozent auf 26,1 Prozent - der größte Zuwachs, den je eine schwedische Partei verbuchen konnte, sagten Beobachter.

Große Umwälzungen wurden von den Wählern nicht gewünscht - und Reinfeldt stellte sich darauf ein. "Wir sind nicht die Partei, die einen gewaltigen Sprung nach vorne verspricht", sagt der 41-Jährige ganz offen. "Die Gesellschaft ist das, was die Bürger daraus machen, nicht das, was von oben verordnet wird", weiß der Vater von drei Kindern. Den schwedischen Wohlfahrtsstaat zu revolutionieren, kommt ihm nicht in den Sinn.

"Ein Kind des Systems"

"Er ist sehr glaubwürdig, wenn er sagt, dass er das schwedische Modell beibehalten will", versichert Brors. Im Gegensatz zu vielen älteren Politikern ist der 1965 geborene Reinfeldt ein Kind dieses Systems. "Er ist darin aufgewachsen und kennt dessen Vorzüge", erläutert Brors. Hohe Steuern, aber staatlich finanzierte Kindergärten, Schulen und Gesundheitseinrichtungen sind die Grundpfeiler des Systems. Anders als der konservative Ex-Ministerpräsident Carl Bildt, der die Steuern drastisch senken und dafür staatliche Leistungen beschneiden wollte, sagt Reinfeldt, er wolle wohl das ein oder andere reformieren, aber nichts auf den Kopf stellen. Das läge wohl auch nicht im Naturell des ruhigen Handelsschul-Absolventen, der vor der Übernahme der Moderaten Partei elf Jahre lang deren Jugendorganisation leitete. Ansetzen will er hingegen beim Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, wo er den regierenden Sozialdemokraten vorwirft, "sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen". Mehr Anreize für Arbeitslose und weniger Arbeitslosengeld sollten Reinfeldt zufolge Bewegung in den Arbeitsmarkt bringen. Er setzt dabei auf mehr Initiative und wirft dem scheidenden Ministerpräsidenten Persson Tatenlosigkeit vor. "Persson leitet eine 'Partei für die Hilfsbedürftigen', wir sind die Partei der neuen Arbeiter", verkündet Reinfeldt. (Von Pia Ohlin, AFP)

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