Porträt : Aus krummem Holz geschnitzt

Vordenker, Vielschreiber, Vielredner lauteten einige der nicht immer schmeichelhaften Titulierungen. Peter Glotz liebte die Provokation.

Berlin (26.08.2005, 14:35 Uhr) - In seinen über 30 Büchern und zahllosen weiteren Veröffentlichungen prägte Peter Glotz wirkungsmächtige Begriffe wie die «Zweidrittelgesellschaft» oder die «Innenausstattung der Macht». Die Rolle des aktiven Politikers hatte der intellektuelle Sozialdemokrat, der seine Partei mit oft schonungslosen Analysen in Bedrängnis brachte, schon seit mehr als zehn Jahren abgestreift. Sich selbst bezeichnete Peter Glotz in den letzten Jahren häufig als «beschleunigten Menschen», der sich bereit für die Aufgaben des «digitalen Kapitalismus» macht.

«Was aus einem krummem Holz geschnitzt wird, kann nie ganz gerade werden.» Dieser Satz des Philosophen Immanuel Kant bezeichnete der asketisch wirkende Glotz als sein Lebensmotto. Für ihn bedeutete diese Einsicht: «Man muss die strukturellen Schwächen der Menschen akzeptieren und auf vernünftige Weise damit leben.» Seine ganze Arbeit habe dem Ziel gedient, die Welt ein bisschen sozialer, vernünftiger und vor allem rationaler zu machen, erzählte er einmal. Nach Beendigung der letzten festen Berufsstation als Professor im schweizerischen Sankt Gallen wollte er noch einige Bücher schreiben und sich vor allem um seinen achtjährigen Sohn kümmern. «Schließlich ist es bei unserem Altersunterschied gut möglich, dass ich nicht mehr lebe, wenn er noch nicht auf eigenen Beinen steht», sagte Glotz einige Zeit vor seinem Tod.

«Karriere ist der Weg durchs Leben und zwar oft genug von links unten nach rechts oben.» Dies war eine der oft geschliffenen Formulierungen von Peter Glotz, die mancher Parteifreund in den vergangenen Jahren auch auf den Satzschöpfer selbst übertrug. Mit der Forderung nach Einführung von Studiengebühren und weiteren provozierenden Thesen ging er vielen Sozialdemokraten mitunter mächtig auf die Nerven.

Auch das Engagement des gebürtigen Sudetendeutschen, der die Spuren seiner Heimat zunehmend wiederentdeckte und aufarbeitete, für die Errichtung einer Vertriebenen-Gedenkstätte in Berlin störte viele in der SPD. Das galt auch für die wachsende Nähe zu der Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, die den Schwerkranken in der vergangenen Woche in der Klinik in Zürich noch besuchte.

Als Junge habe er eine Mischung aus Goethe und Gottfried Benn werden wollen, sagte Glotz zu seinen frühen Berufswünschen. «Das wurde dann später durch die Idee abgelöst, in die Wissenschaft zu gehen». Die Begegnung mit dem bayerischen Sozialdemokraten Waldemar von Knoeringen in den frühen 60er Jahren bewog ihn, in die Politik einzusteigen. «Er hat mich so mitgerissen, dass ich mich schon mit 32 Jahren erstmals in den bayerischen Landtag wählen ließ.»

Im Rückblick sagte er einmal, politisch am meisten habe er Ende der 70er Jahre als Berliner Senator für Wissenschaft und Forschung bewirkt: «Dort konnte ich die völlig zerschlagene Kommunikation zwischen Studentschaft und Staat wiederherstellen». In den späteren Bonner Jahren als SPD-Bundesgeschäftsführer und Bildungsstaatssekretär gelang dem Verehrer Willy Brandts nicht der große Sprung in die erste Reihe.

«Ich bin einerseits Wissenschaftler und andererseits Politiker. Ich habe die Wissenschaft nie aus den Augen verloren. Auch nicht in den Jahren, in denen ich Berufspolitiker war», sagte Peter Glotz vor seinem Tod. Dies hat ihm auch die Unabhängigkeit verschafft, ohne große Rücksichtnahme seine Meinung immer wieder unter die Leute zu bringen. (Von Joachim Schucht, dpa)

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