Porträt : Birgitta Ohlsson: Schwanger, liberal, feministisch

Schwedens neue EU-Ministerin Birgitta Ohlsson wünscht sich mehr Chancen für Mütter auf hohe politische Ämter in Europa.

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Birgitta Ohlsson befürwortet einen EU-Beitritt der Türkei - wenn Ankara die Kriterien erfüllt. -Foto: Mike Wolff

Berlin - Das Private ist das Politische. Birgitta Ohlsson, Schwedens neue Europaministerin, hat keine großen Schwierigkeiten mit diesem Satz. Gerne erzählt die 34-Jährige davon, dass sie im Juli ihr erstes Kind erwartet („Ich bin glücklich, Mutter zu werden“), von ihrem Ehemann („Er ist kein Dinosaurier“) und ihren Gleichstellungs-Grundsätzen („Ich bin Feministin, seit ich 13 bin“). Und sie verbindet damit eine Botschaft, die für deutsche Ohren zunächst einmal schmeichelhaft klingt, aber tatsächlich als Armutszeugnis für die Politik gedacht ist: „Angela Merkel ist ein großes Vorbild.“ Allerdings, fügt sie hinzu, sei es „sehr traurig“, dass Merkel unter den 27 Regierungschefs in der EU die einzige Frau sei. Keine Frau, fordert sie, dürfe heutzutage noch vor die Qual der Wahl gestellt sein – entweder ein hohes politisches Amt anzutreten oder sich dem Mutterdasein zu widmen.

Seit 2. Februar ist Ohlsson, deren erste Auslandsreise im Amt sie nach Deutschland führte, nun EU-Ministerin im Kabinett des Stockholmer Regierungschefs Fredrik Reinfeldt. Die Liberale, die seit 2002 dem schwedischen Parlament angehört, tritt die Nachfolge von Cecilia Malmström an. Malmström ist nach Brüssel gewechselt und dort in der EU-Kommission für die innere Sicherheit zuständig. In Berlin traf Ohlsson am Mittwoch Außenminister Guido Westerwelle und den Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer (beide FDP).

Schweden gehört zwar nicht zu den großen EU-Ländern. Was aber nach der Auffassung von Ohlsson nichts daran ändert, dass auch Stockholm in der Lage ist, die EU-Agenda ganz wesentlich mit zu bestimmen – beispielsweise beim Klimaschutz und dem Einsatz für größere Chancengleichheit für Frauen und Männer. Auf die Frage, ob Schweden die Macht eines informellen EU-Direktoriums der „großen drei“ (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) mit Argwohn betrachtet, antwortet sie, dass diese drei Staaten auch längst nicht bei allen europapolitischen Fragen auf einer Linie seien, etwa der EU-Erweiterung. Schweden wolle den Prozess der Erweiterung fördern, sagt Ohlsson: „Wir hoffen, dass die Türkei Mitglied der EU werden wird.“ Voraussetzung sei aber, dass Ankara die EU-Kriterien beim Schutz der Menschenrechte und der Minderheiten erfülle.

Menschenrechte, Minderheitenschutz, der Einsatz für Sinti und Roma, der Kampf gegen Frauenhandel – das sind auch einige der Themen, die Ohlsson demnächst auf EU-Ebene voranbringen will. So plant sie einen Besuch in den baltischen Staaten, um dort nach Wegen zu suchen, wie sich das über die Ostsee hinweg verlaufende Geschäft mit Prostitution und Drogen eindämmen lässt. Während sie dies erzählt, kommt einem unwillkürlich der 2004 verstorbene schwedische Bestsellerautor Stieg Larsson in den Sinn, der den Frauenhandel in einem seiner Romane der „Millennium-Trilogie“ ebenfalls zum Thema gemacht hat. Ohlsson hat Larsson kennengelernt, als sie vor einem Jahrzehnt noch Chefin der schwedischen Jungliberalen war. Larssons Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sei eine „echte Inspiration“ gewesen, erzählt sie.

Nach einer einmonatigen Babypause will die Liberale im Sommer wieder zurück im politischen Geschäft sein. Auch wenn in ihren Augen Privates auch Politisches ist, so kennt sie dennoch Grenzen. Ob sie beispielsweise ihren Babybauch in Demi-Moore-Pose ablichten lassen würde, so wie das die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin auch schon öffentlichkeitswirksam tat? „Nein“, sagt Birgitta Ohlsson, „so bin ich nicht“.

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