Porträt : Charlotte Knobloch gehört noch zur Schoah-Generation

Die neue Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch (73), gehört noch zur Schoah- Generation. Ihre Großmutter starb im Vernichtungslager Auschwitz.

München - Sie selbst, Tochter des Münchner Rechtsanwalts und späteren bayerischen Senators Fritz Neuland, überstand die Jahre der Nazi-Herrschaft in einem Versteck auf einem Bauernhof im nordbayerischen Franken. Dort wurde sie als uneheliches Kind einer Katholikin ausgegeben.

Seit Jahren gilt Knobloch als eine der führenden Figuren im jüdischen Leben in Deutschland. Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, der mit rund 9300 Mitgliedern zweitgrößten Jüdischen Gemeinde in Deutschland. Seit 1997 war sie bereits Vizepräsidentin im Zentralrat. Ebenfalls Vizepräsidentin ist sie seit 2005 im Jüdischen Weltkongress.

Knobloch ist gebürtige Münchnerin, am 29. Oktober 1932 war sie dort zur Welt gekommen. Nach der Scheidung ihrer Eltern wuchs sie zunächst bei der Großmutter auf, bevor sie auf dem Bauernhof versteckt wurde. Ihr Vater wurde von den Nazis als Zwangsarbeiter verschleppt, erst nach dem Krieg fand sie ihn in einem Münchner Krankenhaus wieder. Er gehörte zu den führenden Kräften bei der Neugründung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern im Juli 1945, in der er zunächst als Vizepräsident und später als Präsident wirkte.

Wollte eigentlich Deutschland verlassen

Jahrzehnte später, als ihre drei Kinder die Schulzeit hinter sich hatten, trat Knobloch bei der Jüdischen Gemeinde in München in die Fußstapfen ihres Vaters. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sie 1951 Samuel Knobloch geheiratet, einen Überlebenden des Krakauer Gettos. Eigentlich hatte das Ehepaar das Land der Täter verlassen und in die USA auswandern wollen, aber die erste Schwangerschaft ließ diese Pläne platzen. Knobloch, seit einigen Jahren verwitwet, hat sieben Enkelkinder.

In ihren Ämtern warnt Knobloch unablässig vor den Gefahren des Rechtsextremismus und eines neuen Antisemitismus. Als eine «Frau der deutlichen Worte» wurde sie in der «Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung» einmal beschrieben. Besonderes Ansehen erwarb sie sich mit ihrem Einsatz für den Bau des rund 60 Millionen Euro teuren Jüdischen Zentrums in der Münchner Innenstadt mit Synagoge, Gemeindehaus und Museum. Am 9. November dieses Jahres soll die Synagoge eröffnet werden - exakt am 68. Jahrestag der Pogromnacht und drei Jahre nach der Grundsteinlegung. Mitten im Herzen Münchens werde damit «eine Vision Realität», hat Knobloch einmal gesagt. «Mit dem Projekt wird das Judentum in München wieder so präsent sein, wie es das vor der Nazi-Zeit gewesen ist.» (tso/dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben