Porträt der Aufständischen : Libyens Opposition: In einem Ziel vereint

Geschäftsleute, Studenten, Che-Guevara-Fans – noch sind die Rebellen in Libyen eine bunte Truppe. Doch sie beginnen, sich zu organisieren. In den USA wächst derweil die Skepsis.

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Verschleiert. Die Opposition bekommt erste Konturen. Es gibt aber die Sorge, dass sich dahinter Islamisten verbergen.
Verschleiert. Die Opposition bekommt erste Konturen. Es gibt aber die Sorge, dass sich dahinter Islamisten verbergen.Foto: Katharina Eglau

Wer sind die Revolutionäre?

„Wir haben es noch nicht geschafft zu definieren, wer wir sind und worum es uns geht“, sagte Ali Tarhouni und bezeichnete den bisherigen Übergangsprozess als „immer noch reichlich chaotisch“. Er muss es wissen, sein Leben lang hat sich der 60-Jährige mit Zahlen, Tabellen und Systemen beschäftigt. Zuletzt lehrte der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Washington. Als junger Mann von Muammar Gaddafi zum Tode verurteilt, floh er in den siebziger Jahren in die USA und kehrte erst kürzlich nach 35 Jahren Exil in seine Heimat zurück. Im befreiten Ostteil Libyens soll er nun die Wirtschaft am Laufen halten und die Vermarktung des Öls organisieren. Als erstes leitete er 1,4 Milliarden von Gaddafi bestellte und in Großbritannien gedruckte Geldscheine in den Osten um. „Momentan haben wir keinen Mangel an Bargeld“, versicherte er. „Wir können alle wichtigen Ausgaben bestreiten und alle Gehälter bezahlen.“

Ob Rechtsanwälte, Geschäftsleute, Soldaten oder Wissenschaftler, Studenten mit Che-Guevara-Kappen oder ehemalige Gaddafi-Minister, die Aufständischen in Libyen sind eine bunt zusammen gewürfelte Schar. Sie eint vorerst nur ein Ziel: der Sturz des seit 42 Jahren herrschenden Muammar Gaddafi.

Ein Drittel der gut sechs Millionen Einwohner Libyens wohnen im Osten des Landes, der Provinz Cyrenaika. In Bengasi etwa – so schätzen die Revolutionäre – lag die Zahl der Gaddafi-Getreuen nie höher als 10.000 Personen. Die allerdings saßen bei Staatssicherheit, Geheimdienst und Revolutionsgarden an den Schalthebeln der Macht. Einige hundert verstecken sich immer noch als „Schläferzellen“ in der Hafenstadt unter den 700 000 Einwohnern, jederzeit bereit, wieder für ihren „Bruder Führer“ zur Waffe zu greifen. Wie viele Anhänger die Revolutionäre dagegen im Westen des Landes haben, der Provinz Tripolitanien, ist unklar. In Städten wie Zintan und Misrata liefern sich die Rebellen schwere Kämpfe mit Gaddafis Eliteeinheiten. In anderen Orten, vor allem aber in der Hauptstadt Tripolis, ist es dem Gewaltherrscher gelungen, Proteste brutal zu unterdrücken. Zwei weitere wichtige Machtbasen sind Gaddafis Heimatstadt Sirte sowie die im Süden liegende Wüstenstadt Sabha, wo Teile seines Stammes leben.

Welche Vorbilder haben sie?

Am Anfang der „Revolution vom 17. Februar“ standen die Familien der 1200 Opfer, die 1996 bei einer Revolte im Gefängnis Abu Salim nahe Tripolis sowie am 17. Februar 2006 bei einer Demonstration gegen das Gaddafi-Regime ums Leben kamen. Inzwischen haben sich die Aufständischen zwei mächtige Symbole gegeben – die alte Flagge der Monarchie von der Unabhängigkeit 1951 bis zu Gaddafis Putsch 1969 sowie den Freiheitshelden Omar Mukhtar, der nach zwanzigjährigem Kampf gegen die italienischen Kolonialherren 1931 in Bengasi hingerichtet wurde. Muammar Gaddafi ließ dessen Denkmal in den achtziger Jahren aus dem Zentrum der Hafenstadt verbannen und ins 30 Kilometer entfernte Souluq abschieben. Die weißen Marmorplatten dort sind inzwischen mit den Farben der Revolution übermalt, auch wenn sich nur wenige Menschen in den gottverlassenen Ort verirren, wo die Italiener einst ein Konzentrationslager hatten. „Wir werden siegen oder wir werden sterben“, war das Motto des legendären Rebellen, was seine jungen Bewunderer jetzt tausendfach an die Hauswände sprühen.

Das erste politische Manifest der heutigen Revolutionäre trägt den Titel „Vision für ein demokratisches Libyen“. Es fordert einen zivilen Staat und eine freie Gesellschaft, eine Verfassung, politische Parteien, freie Wahlen und eine unabhängige Justiz. Als wichtigstes Ziel nennt der Text den Aufbau eines demokratischen Rechtsstaates – und zwar durch „Dialog, Toleranz, Zusammenarbeit, nationalen Zusammenhalt und die aktive Teilhabe aller Bürger“. Die Aufständischen wollen keine Teilung ihres Landes. „Ein Libyen ohne Gaddafi, ein einiges Libyen, ein Libyen mit der Hauptstadt Tripolis“, lautet das Leitwort ihrer Revolution.

Wie sind die Rebellen politisch organisiert?

Sieben Wochen nach dem Beginn des Aufstands zeichnen sich erste politische Strukturen ab. Zunächst gründeten die „befreiten Städte“ im Osten Libyens kommunale Räte und schlossen sich zu einem so genannten „Provisorisch-Vorübergehenden Nationalrat“ (PTNC) zusammen. Der gewundene Titel soll demonstrieren, dass sich das 31-köpfige Gremium nicht als eine Gegenregierung zu Tripolis versteht. Auf seiner Homepage www.ntclibya.org veröffentlichte der Rat allerdings erst zehn Namen. Die übrigen Mitglieder bleiben vorerst anonym, weil sie im von Gaddafi beherrschten Westen des Landes leben. Ob der Rat schon einmal komplett zusammengetreten ist, ist fraglich. Jedes Mal tagt er an einem anderen Ort, seine Mitglieder werden rund um die Uhr von Leibwächtern beschützt. Lediglich Frankreich, Portugal, Qatar und die Arabische Liga haben das Gremium bisher als legitime Vertretung Libyens anerkannt.

Vorsitzender ist Ex-Justizminister Mustafa Abdel Jalil, der als erstes Regierungsmitglied Gaddafis wegen der „exzessiven Gewalt gegen Demonstranten“ sein Amt niederlegte. 1952 in Al Baida geboren, bewies der gelernte Richter 2010 erheblichen Mut, als er die Menschenrechtsverletzungen des Regimes in Anwesenheit Gaddafis öffentlich anprangerte.

Sein Stellvertreter ist der langjährige Vorsitzende der Rechtsanwaltskammer von Bengasi, Abdul Hakim Ghoga. Der eloquente Jurist hat sich einen Namen als Verteidiger politischer Gefangener gemacht. Von den Machthabern ließ er sich nie den Mund verbieten, was ihm bei seinen Mitbürgern Ansehen und Respekt verschaffte. Mitanwälte schildern ihn als integren und ehrlichen Mann mit großem Charisma. Ghoga gehörte auch zu einer Gruppe von vier Rechtsanwälten, die Muammar Gaddafi kurz vor dem ersten „Tag des Zorns“ zu sich in sein Zelt in Tripolis bestellte, um ihnen den Aufstand auszureden. Nach harten Diskussionen erklärte sich der Gewaltherrscher einverstanden, eine Verfassung zuzulassen. Dies über die Medien bekannt zu geben, lehnte er jedoch ab. Nach 90 Minuten war die skurrile Audienz beendet. Das Quartett ließ sich an einem Restaurant absetzen und rief den Aufstand für den 17. Februar aus.

Gibt es eine Übergangsregierung im Osten?

Die Aufständischen sprechen nicht von einer Übergangsregierung, sondern von einem „Komitee zur Krisenbewältigung“. Es soll – anders als der Provisorische Nationalrat – die täglichen Geschäfte der Region lenken. Bisher hat die Exekutive nur eine dreiköpfige Minimalbesetzung. An der Spitze steht Mahmoud Jibril. Der 59-Jährige, der in Kairo und Pittsburgh Ökonomie und Politologie studierte, zählt zu den führenden Intellektuellen der Opposition. 2007 kehrte der Autor zahlreicher Bücher aus den USA nach Tripolis zurück und half fortan als Chef des wichtigsten libyschen Think Tanks, ausländische Investoren anzulocken. Der Revolution schloss er sich bereits nach wenigen Tagen an. Unter seiner Regie arbeitet als Finanzminister der an der Universität von Washington lehrende Ökonomieprofessor Ali Tarhouni. Der ehemalige Botschafter in Indien, Ali Al Issawi, ist als Außenminister für die internationalen Kontakte zuständig.

Wie sieht die Militärführung aus?

Zwei Generäle führen das Kommando der Rebellen. Generalstabschef ist Abd al-Fattah Younis, dem viele der jungen Aufständischen nicht über den Weg trauen. Er war sein Leben lang bedingungsloser Gefolgsmann Gaddafis, mit dem er sich 1969 als 25-Jähriger an die Macht putschte. Nach einer Woche Aufstand wechselte er die Seiten, weigerte sich, Bengasi zu bombardieren, und ließ seine Soldaten die Katiba stürmen, Gaddafis gefürchtete Militärbasis im Herzen der Stadt. Er kennt hier jeden Offizier, ist bei den Soldaten beliebt. 41 Jahre lang war er Chef der Spezialkräfte, die vergangenen dreieinhalb Jahre auch Innenminister und damit die Nummer zwei hinter Gaddafi. Viele Menschenrechtsverletzungen gehen auf sein Konto. Jetzt soll der umstrittene Wendehals im Osten eine neue Armee aufbauen, um nach Tripolis zu marschieren. Doch davon ist bisher nicht viel zu sehen.

Kommandierender General ist Khalifa Heftar, der die täglichen Operationen leitet. Er kämpfte seit seiner Gefangennahme im Tschad-Krieg 1986 aus dem Exil heraus gegen das Regime und soll nun den Truppen Gaddafis Paroli bieten. Drei Dutzend erbeutete Panzer haben seine Männer nach den alliierten Luftangriffen mit Tiefladern in die Stadt holen können. Deren Technik jedoch lässt sich nur durch einen elektronischen Fingerabdruck starten. Und so wissen die Rebellen bislang nicht, wie sie die modernen Kettenfahrzeuge zum Laufen kriegen. Inzwischen bemüht sich die Militärführung um Waffenlieferungen und Ausbilder aus dem Ausland. „Wir brauchen vor allem Raketen zur Panzerabwehr, Waffen gegen schwere Artillerie und Grat-Batterien“, sagt sein Sprecher, Oberst Ahmed Bani.

Die USA vermuten Al-Qaida-Mitglieder unter den Aufständischen. Stimmt das?

Nach Wikileaks-Dokumenten halten die USA das Städtchen Derna an der Küste zwischen Tobruk und Al Baida für eine „Quelle ausländischer Gotteskrieger im Irak“. Neben Terroristen aus Saudi-Arabien stellten die Libyer im Zweistromland das zweitgrößte Kontingent an ausländischen, religiös motivierten Gewalttätern. „Wir sehen verschiedene Dinge. Aber zu diesem Zeitpunkt verfügen wir nicht über ausreichende Details, um zu sagen, dass es eine signifikante Präsenz von Al Qaida oder anderen Terroristen unter den Rebellen gibt“, erklärte Nato-Oberkommandeur, US-Admiral James Stavridis. Die USA wollen auf jeden Fall sicherstellen, dass mögliche Waffenlieferungen nicht in falsche Hände geraten und von Libyen aus in den Besitz von Al Qaida kommen.

Ahmed Bani, Militärsprecher der Aufständischen, bestreitet, dass sich Osama bin Ladens Anhänger unter die Rebellen gemischt haben. „Al Qaida hat keinen Platz in Libyen“, sagte er. Man werde niemals einen Islamistischen Staat akzeptieren, weil das die Herrschaft einer einzigen Partei bedeute, versicherte auch Ashor Burashed, der die 50 000 Einwohner Dernas im PTNC vertritt. „Denn das bedeutet Diktatur, genauso wie die von Gaddafi, vielleicht noch schlimmer.“

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