Porträt : Der libysche Dandy

Sein Name bedeutet "Schwert des Islam", aber er ist pragmatisch und berechnend. Jetzt hat Saif al-Islam al-Gaddafi im Fall der bulgarischen Krankenschwestern ausgepackt. Wer ist der Sohn von Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi?

Anne-Beatrice Clasmann[dpa]
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Saif al-Islam al-Gaddafi -Foto: dpa

TripolisSaif al-Islam al-Gaddafi gefällt sich als Dandy. Nach einem entspannten Tag auf der Yacht handelt er Millionengeschäfte aus und klopft Vereinbarungen mit Regierungen fest. Mit seinen freimütigen Offenbarungen über das Schicksal der fünf bulgarischen Krankenschwestern, die in seiner Heimat mehr als acht Jahre lang als Sündenböcke herhalten mussten, lehnt sich der Sohn des libyschen Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi nun weit aus dem Fenster. Offen spricht er darüber: Die Ausländer, denen man in Tripolis bis heute offiziell vorwirft, sie hätten 460 Kinder absichtlich mit dem HI-Virus infiziert, wurden in libyscher Haft gefoltert.

Aussagen über Folter mit schockierender Lässigkeit

Dass sich in einem arabischen Land der Sohn des Staatschefs als starker Mann präsentiert, ist nicht ungewöhnlich. Der Syrer Baschar al-Assad hat es vorgemacht. Und auch Gamal Mubarak, der ägyptische Präsidentensohn, ist inzwischen der Wortführer in der Partei seines Vaters. Was an den Auftritten des Gaddafi-Sohnes schockierend wirkt, ist die Lässigkeit bis hin zum Zynismus, die Saif al-Islam in Interviews mit westlichen Medien an den Tag legt. Etwa, wenn er über Folter und Rüstungsgeschäfte spricht - Themen, die von arabischen Politikern sonst meist umschifft werden.

Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Der 35-Jährige, der als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge an der Spitze Libyiens gilt, pflegt zwar einen etwas schrillen Stil. Doch im Vergleich zu seinem Vater, den der frühere ägyptische Präsident Anwar al Sadat einst "den Verrückten aus Libyen" nannte, wirkt der Absolvent einer Londoner Universität nüchtern und pragmatisch. Anders als der Vater findet er weder gefallen an stundenlangen, dogmatischen Reden noch trägt er farbenprächtige Gewänder. Und im Gegensatz zu seinem Bruder Saadi, der bei dem Versuch scheiterte, in Italien als Profifußballer zu reüssieren und wegen Trunkenheit mehrfach Ärger mit der Polizei hatte, ist Saif al-Islam bislang nicht durch Skandale aufgefallen. Schwester Aisha gehörte übrigens zu den Verteidigern von Saddam Hussein.

"Wir in Libyen träumen von Demokratie"

Seit Jahren wird viel spekuliert darüber, welches Verhältnis zwischen Saif al-Islam und seinem Vater herrscht. Denn der Sohn tritt regelmäßig mit Äußerungen zum politischen System Libyens an die Öffentlichkeit, die offen dem widersprechen, was der Vater sagt. Einmal erklärt er: "Wir in Libyen träumen von Demokratie." Ein anderes Mal kritisiert er, dass sein Heimatland keine richtige Verfassung habe. Welchen Spielraum ihm der Vater lässt, dazu äußert sich Saif al-Islam immer nur sehr vage.

Saif al-Islam - "Schwert des Islam":  So haben Muammar al-Gaddafi und seine zweite Ehefrau Safija ihren Sohn genannt. Doch durch besonderen religiösen Eifer ist der "Kronprinz" aus Tripolis bislang nicht aufgefallen. Nur in der Kontroverse um die Mohammed-Karikaturen hatte er Position bezogen und die Muslime zu Protesten gegen die Darstellung ihres Propheten aufgerufen. Dabei ist Saif al-Islam selbst gerne bildnerisch tätig: Er malt. Seine Bilder wurden auch schon in Berlin präsentiert, Titel der Ausstellung „Die Wüste schweigt nicht“.

Nun war es seine Stiftung, die im Aids-Prozess die Einigung zwischen den Angehörigen der infizierten Kindern und der EU eingefädelt hat. Dies und seine freimütigen Äußerungen über die Verhandlungen deuten daraufhin, dass er wohl künftig eine wichtigere Rolle in Libyens Politik spielen wird.

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