Porträt : Der Mann, der Joschka Fischer entließ

Hessens Ex-Ministerpräsident Holger Börner ist tot. Der SPD-Politiker führte die bundesweit erste rot-grüne Koalition an und trug aus Angst vor der RAF eine Pistole.

Kassel - Einmal hat der als unbeirrbar geltende Börner nachgegeben und damit Politikgeschichte geschrieben. Der SPD-Politiker bot den Grünen 1985 die Regierungsbeteiligung in Hessen an. Kurz nach der Landtagswahl 1983 hatte Börner noch beteuert: "Fotos von mir und den Grünen an einem Verhandlungstisch werden noch nicht einmal als Montage zu sehen sein." Welch ein Irrtum. Das Bild Börners, der dem Turnschuh tragenden Joschka Fischer (Grüne) zwei Jahre später im Wiesbadener Landtag den Amtseid abnahm, ging in die Geschichtsbücher ein. Börner ist am Mittwoch im Alter von 75 Jahren gestorben.

Die Grünen waren in Hessen unter anderem durch die Protestbewegung gegen die Startbahn West groß geworden. Börner verteidigte stets die Erweiterung des größten deutschen Flughafens, auch wenn der Bau der Startbahn West Anfang der 80er Jahre zu "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" (Börner) im Rhein-Main-Gebiet führte.

Bekannt wurde Börner in diesen unruhigen Zeiten unter dem Spitznamen "Dachlatten-Holger". In einem von Demonstranten umlagerten Auto hatte er einem Journalisten gesagt: "Vor 40 Jahren auf dem Bau hätte ich einen Angriff auf meine Person mit der Dachlatte beantwortet".

"Politik ist Einsicht in die Notwendigkeit"

Das Regierungsangebot an die Grünen war ein Ausdruck für Börners Pragmatismus: "Politik ist Einsicht in die Notwendigkeit." Die Grünen als Koalitionspartner waren notwendig geworden, weil die FDP nach der Wende in Bonn 1982/83 auch für die Landes-SPD nicht mehr als Bündnispartner in Frage kam.

Heute wird Börners tragende Rolle bei der Bildung der bundesweit ersten rot-grünen Landesregierung allenthalben gewürdigt, auch wenn die Koalition nur 452 Tage hielt. Sie zerbrach schließlich am Streit um die Hanauer Plutoniumfabrik Alkem und das Atomkraftwerk Biblis. Nachdem Börner seinen grünen Umweltminister entlassen hatte, trat er einen Tag später am 10. Februar 1987 zurück. Börners Ausscheiden bedeutete für die SPD das Ende einer jahrzehntelangen Vorherrschaft im "roten Hessen". Die nächste Wahl 1987 gewann die CDU und Walter Wallmann wurde neuer Ministerpräsident.

Die politische Karriere des gelernten Betonfacharbeiters Börner begann mit seinem SPD-Beitritt 1948. Nach neun Jahren in der Kasseler Kommunalpolitik wurde er 1957 mit 26 Jahren jüngster Bundestagsabgeordneter, 15 Jahre später wählte ihn die SPD zu ihrem Bundesgeschäftsführer.

Der Wechsel in die Landespolitik folgte in einer Zeit, in der der Links-Terrorismus der "RAF" die Bundesrepublik erschütterte. Nur ein knappes Jahr später erlebte der Sohn aus sozialdemokratischem Hause einen seiner bewegendsten Momente in seiner elfjährigen Amtszeit als Ministerpräsident: Am Frankfurter Flughafen empfing er die in Mogadischu aus einer Lufthansa-Maschine befreiten Geiseln. Das Flugzeug hatten Terroristen in ihre Gewalt gebracht, um die in Stammheim inhaftierten Mitglieder der "RAF" freizupressen.

"Diese ständige Bedrohung konnte einen fast zermürben"

"Diese Zeit möchte ich nicht noch einmal erleben", sagte Börner rückblickend später. Und dies wohl auch, weil er selbst gefährdet war. Als 1981 in den Tumulten um den Bau der Startbahn West sein Stellvertreter und Freund Heinz-Herbert Karry ermordet wurde, hatte Börner kurz zuvor den gleichen Drohbrief erhalten wie Karry. Vier Jahre zuvor, während des "Deutschen Herbstes", hatte ihn der damalige Arbeitgeberpräsident Hanns-Martin Schleyer nach der Beerdigung des ermordeten Dresdner-Bank-Chefs Jürgen Ponto bereits gefragt: "Und wer wird der Nächste sein?"

Börner selbst fuhr aus Sicherheitsgründen nie zwei Tage hintereinander denselben Weg, nahm Schießtraining und führte fortan permanent eine Pistole bei sich. "Diese ständige Bedrohung konnte einen fast zermürben", gestand Börner. Seinen Abschied als Ministerpräsident nahm der damals 56-Jährige auch aus gesundheitlichen Gründen.

Nach dem Ausscheiden aus der aktiven Politik war Börner noch bis 2003 Präsident der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die im vergangenen Jahr gebildete große Koalition sah er als "Notwendigkeit". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte er eine "kluge Frau", die er unterschätzt habe. Über Oskar Lafontaines Wandlung äußerte sich Börner "tief enttäuscht". Joschka Fischers Turnschuhe hatten ihren Schrecken für den ehemaligen Regierungschef dagegen verloren. "Jetzt kann ich darüber lachen", bekannte Börner Anfang des Jahres. (tso/ddp)

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