Porträt : Ein Falke greift nach der Macht

Das Charisma seines langmähnigen Vorgängers Junichiro Koizumi erreicht er nicht. Doch Shinzo Abe, der nächste japanische Ministerpräsident, macht seit langem mit markigen Worten auf sich aufmerksam.

Tokio - So will Abe dem pazifistischen Japan eine schlagkräftige Armee geben und provoziert die mächtigen Rivalen China und Südkorea. Selbstbewusstsein fehlt dem Mann mit dem schmalen Gesicht und dem melancholischen Blick nicht. Schließlich stammt die bisherige rechte Hand von Koizumi aus einer großen Politiker-Dynastie: Schon der Großvater war japanischer Ministerpräsident, der Vater war Außenminister. So dürfte nach dem für japanische Verhältnisse forschen Auftreten von Koizumi auch unter Abe für Kontroversen gesorgt sein.

Nach der Wahl zum Chef der Liberaldemokratischen Partei (LDP) am Mittwoch - einen Tag vor seinem 52. Geburtstag - kann Abe am kommenden Dienstag vom Parlament zum Regierungschef gewählt werden. Der wegen seiner harten Haltung "Prinz der Falken" genannte Abe wird der jüngste japanische Regierungschef aller Zeiten. Er ist auch der erste, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde. Seine Vorbilder stammen indes aus der Zeit vor 1945. Aus der Bewunderung für Großvater Nobusuke Kishi macht er keinen Hehl. Dieser war Mitglied des Kriegskabinetts und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA als Kriegsverbrecher festgenommen, aber nie verurteilt. Nach dem Krieg wurde Kishi Ministerpräsident und setzte gegen die Linke das Bündnis mit den USA um.

Abe, der Politikwissenschaften in Japan und den USA studierte, stieg 1982 in die Politik ein. Zuerst wurde er Privatsekretär seines Vaters Shintaro Abe, der damals Außenminister war und nach dem Amt des Regierungschefs strebte. Nach dem Tod seines Vaters erbte Abe 1993 dessen Parlamentssitz. Unter Koizumi wurde er schließlich Generalsekretär der regierenden LDP und Regierungssprecher.

Harte Haltung gegenüber Nordkorea

Profilieren konnte sich Abe im Juli nach dem testweisen Abschuss mehrerer nordkoreanischer Raketen in Richtung Japan, als er die Regierungsgeschäfte an Stelle von Regierungschef Koizumi führte. Seine harte Haltung gegenüber dem kommunistischen Regime in Pjöngjang verhalf ihm zu großer Popularität. Seine Kritiker dagegen werfen ihm seit langem mangelnde Erfahrung vor. Außerdem, kritisieren sie, habe er eine labile Gesundheit und sei stressanfällig.

Inhaltlich präsentierte sich Abe seit jeher konservativ. Schon in jungen Jahren forderte er, die pazifistische Verfassung Japans zu überarbeiten. Das Land solle in der Weltpolitik entschiedener auftreten. Koizumis Besuche am Yasukuni-Schrein, an dem auch Kriegsverbrecher geehrt werden, fanden immer die Unterstützung Abes. Während Koizumi aber nie so weit ging, die Prozesse unter US-Führung gegen Kriegsverbrecher nach dem Zweiten Weltkrieg anzuzweifeln, sprach Abe stets von "so genannten" Kriegsverbrechern. Ob er als Regierungschef selbst das Heiligtum besuchen will, ließ Abe offen.

Beobachter mutmaßen deshalb, Abe könnte als Regierungschef pragmatischer sein, als er nun vorgibt. Schließlich würden weitere Besuche an dem Schrein auch China und Südkorea weiter provozieren. Vor allem an ordentlichen Beziehungen mit dem aufstrebenden China, das wichtigster Handelspartner Japans ist, muss Abe gelegen sein. Innenpolitisch dürfte der neue Regierungschef den Sanierungskurs von Koizumi fortsetzen und den Rückzug des Staates aus zahlreichen Firmen vorantreiben. Außerdem hat sich Abe den Kampf gegen das dramatische Schrumpfen der japanischen Bevölkerung vorgenommen: Dazu soll es im konservativ geprägten Japan für Frauen besser möglich werden, Familie und Beruf zu vereinbaren. (Von Mié Kohioyama, AFP)

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