Porträt : Gordon Brown - Warten auf Blairs Rücktritt

Nach zehn Jahren im Wartestand nun kurz vor dem Ziel - Gordon Brown gilt als "Prinz Charles der Downing Street"

London - Seit zehn Jahren scharrt er mehr oder weniger deutlich mit den Hufen; jetzt steht Gordon Brown kurz vor dem Ziel: Am Donnerstag wird der britische Premierminister Tony Blair den Fahrplan für seinen Rücktritt verkünden - und den Briten aller Voraussicht nach Brown als Nachfolger ans Herz legen. Bis zuletzt hatte sich der Noch-Regierungschef vor einem klaren Bekenntnis für seinen Finanzminister gedrückt. Er soll insgeheim sogar versucht haben, einen Gegenkandidaten zu Brown aufzubauen. Doch das gelang nicht - und so biss Blair in den sauren Apfel und sagte dann vergangene Woche ausgerechnet zu seinem zehnjährigen Amtsjubiläum den Satz, auf den sein Schatzkanzler so lange gewartet hatte: "Brown würde einen großartigen Premierminister abgeben."

Dass Blair davon wirklich überzeugt ist, bezweifeln viele im Königreich. Zwar sollen die beiden Männer durch eine Geheimabsprache aneinander gebunden sein, die sie 1994 in einem Restaurant im Londoner Stadtteil Islington trafen. Danach übernahm Blair damals ohne eine Gegenkandidatur von Brown die Führung von Labour und erkämpfte mit ihm an der Seite dann 1997 das Amt des Premierministers. Im Gegenzug soll Blair versprochen haben, Brown zu seinem Nachfolger zu machen.

Kein leichtes Erbe für Brown

Auf die Einlösung dieses Versprechens hat der Schatzkanzler nun eine gefühlte Ewigkeit gewartet, in britischen Medien galt er deshalb schon als "Prinz Charles der Downing Street". Nun aber macht Blair endlich Platz. Er hinterlässt Brown allerdings kein leichtes Erbe: Labour liegt in den Umfragen auf dem tiefsten Stand seit Jahren, bei den Wahlen in Schottland und Wales sowie in den englischen Kommunen in der vergangenen Woche bekam die Partei von Blair und Brown einen Denkzettel verpasst.

Dabei drückt nicht nur der Irak-Krieg auf die Stimmung, auch innenpolitisch liegt inzwischen einiges brach. Viel Arbeit also für Brown, der als "hochintellektuell mit menschlichen Schwächen" gilt. Ein früherer Vertrauter warf dem 56-Jährigen unlängst in der Presse "stalinistische Rücksichtslosigkeit" vor, die Medien bezeichnen ihn gern als "Dampfwalze".

Brown der Wirtschaftsmotor?

Im britischen Parlament sitzt Brown seit 1983, zuvor arbeitete er als Universitätsrektor im schottischen Edinburgh und beim Fernsehen. Nach dem ersten Wahlsieg der von ihm und Blair ins Leben gerufenen "New Labour" übernahm der Schotte 1997 das Finanzministerium. In seiner Zeit als Schatzkanzler fielen Inflation und Arbeitslosigkeit in Großbritannien auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten. Blair lobte seinen Schatzkanzler vor einigen Tagen ausdrücklich dafür, die britische Wirtschaft "zu einer der stärksten in der Welt" gemacht zu haben.

Trotz all dieser Erfolge blieb Brown den Briten aber eher suspekt. Lange Zeit galt der unverheiratete Schotte als Einzelgänger, der im Gegensatz zum Familienvater Blair die Herzen nicht so recht gewinnen konnte. Hinzu kam, dass Brown, weil er in seiner Jugend bei einem Rugbyspiel sein Sehvermögen auf dem linken Auge verlor, immer etwas verkniffen guckt.

Er will aus Blairs Schatten treten

Menschlich nahbarer wurde der Schotte erst, als er mit knapp 50 Jahren Sarah Macaulay heiratete und beide bald darauf überglücklich verkündeten, dass sie Nachwuchs erwarteten. Als Töchterchen Jennifer Jane zehn Tage nach der Geburt starb, trauerte das ganze Land mit dem Minister. Fast einen Monat lang erschien Brown, der als Arbeitstier bekannt ist, nicht im Büro - und wurde seinen Landsleuten damit sympathischer. Inzwischen hat das Paar zwei kleine Söhne.

Diese wird Brown künftig noch seltener sehen. Denn er hat sich einen kompletten Neuanfang vorgenommen, aus dem Schatten Blairs will er nach Angaben von Mitstreitern "so schnell wie möglich heraustreten". Dazu will der 56-Jährige nicht nur so viele Minister wie möglich austauschen. Er will Medienberichten zufolge in einer symbolischen Geste auch auf den Landsitz Chequers verzichten, auf dem sich seit Jahrhunderten britische Premierminister am Wochenende erholen. Brown will sich nicht entspannen - er will endlich allen zeigen, was er kann. (tso/AFP)

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