Politik : Porträt: Jorge Mario Bergoglio

Der Erzbischof von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio (68), ist ein eher stiller Intellektueller. Der Jesuit wurde zunächst Chemiker, bevor er sich für das Priesteramt entschied.

Buenos Aires (15.04.2005, 12:27 Uhr) - Später studierte er in seiner Heimat, in Chile und in Deutschland, wo er einen Doktortitel erwarb. 1998 wurde er Bischof von Buenos Aires und 2001 Kardinal. Sein Sprecher Guillermo Marcó bezeichnete seine Chancen auf die Papst-Nachfolge als «eine von 117 sicheren Möglichkeiten».

Bergoglios Rolle während der Militärdiktatur (1976-1983) ist wie die der gesamten, besonders konservativen katholischen Kirche Argentiniens nicht unumstritten. Die Kirche, der ein enormes Gewicht in der fast ausschließlich katholischen Bevölkerung zukommt, trat nicht eindeutig für die Wahrung der Menschenrechte ein, während die Militärs tausende Menschen in geheimen Folterlagern umbringen ließen.

Bergoglios Anhänger heben hervor, dass er viele sozial orientierte Priester vor der Verfolgung durch die Todesschwadronen der Militärs rettete; andere werfen ihm Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal «linker» Priester vor.

Der Sohn eines Eisenbahnangestellten kam am 17. Dezember 1936 in Buenos Aires zur Welt. 1958 trat Bergoglio in den Jesuitenorden ein. Später studierte er Philosophie und Theologie und unterrichtete Literaturwissenschaften und Psychologie. Nach der Priesterweihe 1969 folgten zahlreiche Kirchenämter, darunter bis heute das Bischofsamt der Hauptstadt. Immer wieder mischte sich der Geistliche aktiv in die politischen Debatten seines Landes ein und warb für mehr soziale Gerechtigkeit. Eine politische Rolle der Priester lehnt er jedoch ab.

Kurz vor dem Tod von Papst Johannes Paul II. kam es zu schweren Spannungen mit Präsident Néstor Kirchner. Der vom Vatikan bestimmte und vom argentinischen Staat bezahlte Militärbischof Antonio Basetto hatte im Zorn gesagt, die Befürworter eines Abtreibungsrechts sollten ins Meer geworfen werden. Das allerdings hatten die Militärs während der Diktatur mit ihren Opfern getan, und die Kirche hat damals vor allem geschwiegen. (tso) (tso)

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