Porträt : Kurt Westergaard - Zeichnen der Zeit

Für Kurt Westergaard war es nur ein Job. Stelle den Propheten Mohammed dar. 2005 malte er ihn mit Zündschnur am Turban – und weltweit tobten Muslime. "Ich bin Zeichner. Und kein Verbrecher", sagt der Däne, der nun ausgezeichnet wurde.

von und Christian Helten[Joachim Huber]
Ziel des Zorns. Die Toten und die Ausschreitungen hat Kurt Westergaard bereut – seine Karikatur nicht.
Ziel des Zorns. Die Toten und die Ausschreitungen hat Kurt Westergaard bereut – seine Karikatur nicht.Foto: The NewYorkTimes/Redux/laif

In deutschen Kinos läuft gerade ein Film, den anzusehen sogar der Regisseur selbst nicht empfiehlt. Während die Zuschauer sich im Sitz zurücklehnen, auf die Leinwand starren und sich ihnen vielleicht die letzte Gelegenheit bietet, den bereits dunklen Saal zu verlassen, sagt Dani Levy aus dem Off, dass es sich im Folgenden nicht um Unterhaltungskino handele. Es geht ja auch wirklich um eine ernste Sache – Humor. Das Wichtigste, das er sich vorstellen könne, wäre es, eine Komödie über den Karikaturenstreit zu drehen, sagt Levys Alter ego Alfi Seliger in „Das Leben ist zu lang“. Levy hat ihn erfunden, um eine Satire über das Komödien- Business zu drehen, darüber, wie es ist, einen lustigen Film zu drehen, bei dem einem das Lachen vergeht. Diese Komödie soll vom Karikaturenstreit und vom Ende des Humors handeln, Arbeitstitel: „Mo-ha-ha-mmed“. „Der Humor ist eine der letzten Freiheiten, die wir noch haben“, heißt es darin. „Wenn irgend so ein Mullah daher kommt und uns vorschreiben will, worüber wir zu lachen haben und worüber nicht, da muss doch jemand kommen und darüber ’ne Komödie drehen ... auch fünf Jahre später.“ Die Komödie kommt nie zustande. Es ist wirklich kein komischer Film.

Kurt Westergaard taucht in Levys Film nicht auf. Und auch in Potsdam, wo dem dänischen Zeichner der Mohammed-Karikatur am Mittwoch der Medienpreis M 100 übergeben werden sollte, war er erstmal nicht zu sehen. Dafür war die Trophäe in der Orangerie in Sanssouci da. Und sie hätte auch in einer Komödie von Dani Levy auftauchen können, wie sie so in einer Plastiktüte am Handgelenk von Adelheid Tuta baumelte. Adelheid Tuta vom Verein Potsdam Media International e.V. stand mit der Tüte vor dem Eingang und wusste nicht so recht, wohin mit dem guten Stück, das vier Stunden später dem dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard übergeben werden sollte. „Muss ich die jetzt die ganze Zeit in der Hand halten?“, fragte Tuta. Zunächst musste sie. Sie nahm ihn mit zum Buffet, und weil sie den Teller und die Plastiktüte gleichzeitig in der linken Hand halten musste, tat sie sich schwer mit dem Auffüllen von Spätzle und Filetspitzen.

Aber die Trophäe als solche ist ohnehin nicht in Gefahr. Kurt Westergaard zahlt den hohen Preis für die Freiheit des Witzes. Der Däne lebt nicht mehr sein Leben, sondern das, welches ihm der Geheimdienst PET vorgibt zu leben. Seine Wohnsitze wechselt er ständig, nie kann er sich unbewacht bewegen, und üben soll er sich darin, diskret und unauffällig in der Öffentlichkeit aufzutreten. Nicht gerade das Leben, das ein 75-Jähriger erträglich findet.

Aber das macht ihn nicht wütend. Wütend macht ihn, dass er bedroht wird. „Und das nur deshalb, weil ich meine Arbeit gemacht habe. Ich bin Zeichner. Und kein Verbrecher“, sagte er einmal dem Tagesspiegel. Die Arbeit, das war das Zeichnen einer Karikatur. Der Auftrag dafür wurde ihm von Flemming Rose erteilt, dem damaligen Kulturchef der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. Rose hatte im Herbst 2005 dänische Karikaturisten gebeten, Zeichnungen des Propheten Mohammed anzufertigen. Am 30. September erschienen sie. Doch erst Anfang 2006 kam es in der islamischen Welt zu jenem Sturm der Entrüstung, dem so genannten Karikaturenstreit. Weltweit protestierten Muslime, es kam zu gewalttätigen Ausschreitungen mit mehr als hundert Toten, dänische Produkte wurden boykottiert. Obwohl es sich um eine Reihe satirischer Zeichnungen gehandelt hatte, zog vor allem die von Kurt Westergaard den Zorn auf sich. Er hatte den Propheten mit einem Turban gezeichnet, aus dem eine glimmende Zündschnur hängt. Die Toten und die Ausschreitungen hat Westergaard bedauert, seine Karikatur nicht.

Die Zeichnung war nach Innen, ans dänische Publikum gerichtet. „Wenn sie einen Wert hat“, sagte Westergaard, „dann diesen, dass sie den Schleier der Political Correctness in Dänemark zerrissen hat, der bis dahin über allem lag, was mit dem Islam zu tun hat.“ Doch in der durch elektronische Medien globalisierten Welt flimmerte das in Dänemark veröffentlichte Bild bald über die Bildschirme im Iran, in Saudi-Arabien und Pakistan. Die globale Reaktion hat alle Beteiligten überrascht, überrannt, überwältigt.

„Die dänische Satire schont niemanden“, sagt Westergaard der „Welt“. „Nicht die Königin, den Premier, den Bischof, Jesus. Und auch nicht Mohammed.“ Und fügt hinzu „Satire ist immer Provokation.“ Allerdings müsse die Provokation zum Nachdenken führen, zur Erhellung und Erkenntnis. Für diese Haltung erhielt der Zeichner am gestrigen Mittwoch in Potsdam einen Medienpreis. Unter doppelt großen Sicherheitsvorkehrungen. Denn auch Bundeskanzlerin war zur Preisverleihung erschienen.

Angela Merkel hatte den Termin bereits Anfang August zugesagt. Damals reihte er sich noch nahtlos ein in jene Auftritte, die Angela Merkel zur emphatischen Verteidigung der Freiheit genutzt hatte. Jene Antrittsrede als EU-Ratspräsidentin vor drei Jahren, als sie den europäischen Toleranz-Begriff erneuerte und an die Freiheit koppelte. Sie sei „die Voraussetzung unserer Vielfalt“, schwärmte sie. „Die Freiheit, die eigene Meinung öffentlich zu sagen, auch wenn dies andere stört, ... braucht Europa wie sie Luft zum Atmen.“ Oder die imponierende Rede am 3. November 2009 vor beiden Kammern des US-Kongresses, als Merkel im Mutterland der Religionsfreiheit von der „Kraft der Freiheit als zentraler Antriebsenergie der westlichen Gesellschaften“ sprach. Man begriff, wie sie, die Ostdeutsche, die Erfahrung mit einem autoritären Regime gemacht hatte, den Freiheitsgedanken auflud, als sie sagte: „Es gibt nichts, was mich mehr begeistert, nichts, das mich mehr anspornt, nichts, das mich stärker mit positiven Gefühlen erfüllt als die Kraft der Freiheit.“

Nun sollte sich wieder eine Gelegenheit bieten, die Freiheit gegen alle Zweifler zu verteidigen, ein Signal zu setzen, ein mutiges Zeichen zumal, da das Foto, das die deutsche Regierungschefin an der Seite Westergaards zeigt, weit in die muslimische Welt ausstrahlen würde. Doch dann kam die Sarrazin-Debatte dazwischen. Und die Kanzlerin legte sich früh fest: wenig hilfreich, fand sie die Äußerungen des Bundesbankers zu Fragen der Immigration, und sie drängte auf seine Ablösung. Hat nun in Vorbereitung auf ihren Potsdamer Auftritt auf ihrem Schreibtisch neben dem Manuskript zur Pressefreiheit vielleicht das Papier gelegen, das diese Freiheit für Sarrazin nicht gelten lassen will?

Die Provokation der Satire ist eine andere als die, mit der Thilo Sarrazins Rede von dem Erbgut der Dummen auf die Überfremdungsängste der Deutschen reagiert. Sie unterscheidet sich auch von der Absicht, den Koran zu verbrennen, wie eine christliche Charismatiker-Sekte es in Florida angekündigt hat.

Dennoch sind die Grenzen nicht deutlich definiert, wo die Provokation von geistigem Nährstoff in Gift umkippt. Bis zu dem Zeitpunkt, da Westergaard seine Lebensführung dem Geheimdienst anvertrauen musste, hatte er ein ganz normales Leben geführt. Aufgewachsen unter „christlichen Fundamentalisten“, wie er sagte, entwickelte er einen störrischen Freiheitsdrang. Er reiste nach Tirana, Havanna, Moskau, lebte in einer Kommune und wurde Lehrer für geistig behinderte Kinder, der nebenbei zeichnete. Es ist der Weg vom protestantischen Provinzialismus zum skandinavischen Sozialdemokraten, „gewürzt mit der obligatorischen Scheidung“. Mitte der 80er Jahre wurde Westergaard bei der „Jyllands-Posten“, das in ganz Dänemark erscheint, im Kern aber ein Regionalblatt ist, fest angestellt. Und brachte routiniert auf Pappe, was ihm oder den Redakteuren zum politischen Geschehen in Dänemark und anderswo einfiel. Kurt Westergaard versteht sich als „demokratischen, toleranten und freundlichen Menschen“.

Ihn zu besuchen, war vor zwei Jahren noch kein Problem. Man ließ sich am Empfang der „Jyllands-Posten“-Redaktion zeigen, wo er saß in jenem unspektakulären Flachbau in Viby, einem Vorort von Aarhus. Heute kann man das nicht mehr. Das Gebäude ist von einem meterhohen Sicherheitszaun umgeben, mit Überwachungskameras darauf, hinein darf nur, wer sich einem aufwendigen Sicherheitscheck unterzogen hat. Die Meinungsfreiheit sitzt in einer Festung. Chefredakteur Jörn Mikkelsen sagt: „Das dänische Strohdach-Idyll ist damit Vergangenheit“.

Kurt Westergaard hat die Zeitung im Juni dieses Jahres aus Altersgründen verlassen, er zeichnet nicht mehr. Der Mann hat sich die Knorrigkeit eines Dickschädels bewahrt, unnachgiebig, klar in der Sache. Bunt ist die Lieblingsfarbe seiner Kleidung, der Bart und die Haare neigen zum Wildwuchs. Sicher ist er nicht. Am Neujahrstag stürmte ein Somalier seine geheime Unterkunft, mit einer Axt bewaffnet. Der Alte floh ins Bad, das zum Fluchtraum ausgebaut war, und rief mit einem Knopfdruck Hilfe herbei, während der Angreifer mit dem Beil gegen die Eisentür hieb. Nur die Schüsse der Polizei konnten ihn stoppen. „Diese Sache wird mich bis an mein Lebensende verfolgen, das ist klar.“

Das Gelände um die Orangerie wird deshalb von mehreren Hundert Beamten von BKA, LKA und Polizei Potsdam überwacht. „Der Sicherheitsaufwand der Preisverleihung übersteigt den der letzten Jahre gewaltig“, sagt Rudi Sonntag, Sprecher der Polizei Potsdam. An den Zugängen zum Gelände sind seit 6 Uhr morgens Metallgitter aufgebaut. Hinter dem Haus stehen Polizeifahrzeuge, auch eines mit Hunden im Kofferraum. Seit zwei Tagen haben sie die Umgebung nach Sprengstoff abgesucht. An den herrschaftlichen Treppen, die vom Park hinauf zum Gebäude führen, weisen Polizisten die Touristen zurück: „So sorry, you cannot enter here today.“

Es geht um Freiheit.

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