Politik : Porträt: Lech Walesa

Lech Walesa lehnte sich auf dem roten Ledersofa zurück und versuchte erfoglos, bescheiden auszusehen, als er bei einer Diskussionsveranstaltung vor wenigen Tagen als "Held des August" angekündigt wurde.

Warschau (30.08.2005, 13:43 Uhr) - Hier sei der Mann, der Geschichte schrieb und die Welt verändert habe, sagte der Moderator stolz. Worte wie diese hört Walesa, Ex-Präsident, Ex-Arbeiterführer und Friedensnobelpreisträger, in diesen Tagen oft und gerne.

Während sich die Feiern zur Erinnerung an den Kampf der polnischen Arbeiter und die Gründung der Gewerkschaft Solidarnosc im August 1980 ihrem Höhepunkt nähern, ist Walesa wieder allgegenwärtig. Der 62-Jährige, der vor 25 Jahren den Streik anführte und die Verhandlungen mit der Regierung leitete, ist eben eine Symbolfigur, das Gesicht des Streiks, der doch letztlich nur durch die Beteiligung von Zehntausenden zum Erfolg wurde.

Die historischen Verdienste des einstigen Elektrikers sind unbestritten. Doch sein Mythos ist verblasst, auch wenn angesichts der Jubelchöre ein anderer Eindruck entsteht. Als polnischer Präsident verscherzte sich Walesa viele Sympathien auch einstiger Weggefährten - zu rechthaberisch, zu machtverliebt, zu sehr darauf bedacht, die Macht des Präsidenten gegenüber Regierung und Parlament auszubauen.

Seine Stilblüten wie «Ich bin dafür und sogar dagegen», die häufigen Widersprüche, finden manche originell, viele aber einfach nur peinlich. Als Walesa vor fünf Jahren erneut für das Präsidentenamt kandidierte, wählte nicht einmal ein Prozent der Polen den Helden von einst. Er selbst fühlt sich eher missverstanden und sonnt sich vor allem im Ausland im alten Glanz. «In hundert Jahren wird es keinen Präsidenten geben, der soviel getan hat wie ich», rühmte er sich kürzlich in einem Interview. Inzwischen wendet er sich lieber von der schnöden Alltagspolitik ab und seinem neuen Lieblingsthema zu - der Solidarität in Zeiten der Globalisierung.

Doch auch mit dem viel beschworenen Geist der Solidarität tun sich viele Polen heute schwer. Die Hoffnungen von einst haben sich längst nicht für alle erfüllt. Knapp 18 Prozent der Polen sind ohne Arbeit, auch viele der Werftarbeiter an der Ostsee. Die Arbeiter der Danziger Werft, auf der im August 1980 alles begann, müssen am Mittwoch ohne Bezahlung frei nehmen. Aus Sicherheitsgründen wird die Werft an diesem Tag geschlossen, denn Walesa, die Spitzen der polnischen Politik und Staats- und Regierungschefs aus fast 30 Ländern feiern auf dem Platz vor der Werft den Jahrestag des Danziger Abkommens. Die Arbeiter, so heißt es in polnischen Medien, dürfen nicht einmal Blumen an «ihrem» Denkmal niederlegen. (tso)

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