Porträt : Wer ist Kim Jong Il?

Die Welt fürchtet ihn, weil er die Atombombe hat. Ein Diktator, der Absätze trägt, weil er so klein ist. Der die Macht, das Filmgeschäft und Frauen liebt. So sehr, dass er den Staat die Schönsten suchen lässt.

Harald Maass[Peking]

KIM JONG IL BEDROHT DIE WELT MIT SEINEN ATOMWAFFENPLÄNEN. WIE GEFÄHRLICH IST ER?



Gäbe es einen Preis für den Erzbösewicht der Weltpolitik, Kim Jong Il hätte gute Chancen. Nordkoreas Diktator mit der Pomadenfrisur, der wegen seiner geringen Größe hochhackige Lederstiefel trägt, schreckt weder vor Mord noch Terror zurück. Bis zum Tod seines Vaters Kim Il Song im Jahr 1994, von dem er die Macht über Nordkorea erbte, war Kim für den Geheimdienst verantwortlich. 1983 zündeten seine Agenten bei einem Staatsbesuch des südkoreanischen Präsidenten Chun Doo Hwan in Rangoon eine Bombe – und töteten so das halbe südkoreanische Kabinett. Vier Jahre später sprengten Nordkoreaner ein südkoreanisches Passagierflugzeug mit 115 Menschen an Bord. Berichten von Überläufern zufolge soll Kim beide Anschläge persönlich befohlen haben. „Er ist verrückt. Nie gab es in unserer Geschichte einen brutaleren Herrscher“, sagt Lee Young Guk, ein früherer Leibwächter, der elf Jahre an Kims Seite lebte.

Noch unter der Ägide seines Vater ließ Kim riesige Arbeitslager im Norden an der Grenze zu China aufbauen. Schätzungen zufolge leben heute Hunderttausende in diesen Todeslagern. Wer Kims Machtanspruch bezweifelt oder in Ungnade fällt, wird mit seiner ganzen Familie in die Lager umgesiedelt. Es habe den Befehl gegeben, die Gefangenen „auf drei Generationen hin zu beseitigen“, berichtete der ehemalige Wächter Ahn Myong Chol, der heute in Südkorea im Exil lebt. Auch in seinem Hofstaat in der Hauptstadt Pjöngjang ist Kims Macht absolut. Als sein Friseur die Haare nicht zur gewünschten Tolle habe aufbauschen können, habe Kim den Mann einfach töten lassen, erzählt Leibwächter Lee.

Wenn es um die Durchsetzung seiner Ziele geht, kennt Kim keine Skrupel. Weil er Filme liebt und Nordkoreas Filmproduktion aufbauen wollte, ließ Kim 1978 den berühmtesten Filmregisseur Südkoreas, Shin Sang Ok, und dessen Ehefrau entführen. Acht Jahre lebten beide als Gefangene in Nordkorea und mussten für Kim Propagandafilme produzieren.

Zwar hat Kim dem staatlichen Terrorismus mittlerweile abgeschworen, seine Agenten beschränken sich heute auf das Produzieren von Falschgeld und den Handel mit Raketentechnologie. Doch um seine Macht zu erhalten, sei Kim zum Äußersten bereit, sagen Beobachter. Die Militärs arbeiten seit Jahren am Bau von Atombomben. US-Geheimdienste glauben, dass Kim genug radioaktives Material für ein halbes Dutzend Bomben hat. Aber auch ohne Nuklearwaffen ist er gefährlich. Nordkorea hat entlang der Demarkationslinie zum Süden Tausende ballistische Raketen stationiert. Ein Knopfdruck reicht aus, um Seoul zu vernichten.

WAS HAT IHN GEPRÄGT?

Für Söhne ist es nie einfach, in die Fußstapfen eines erfolgreichen Vaters zu treten. Kim Jong Il wuchs mit einem Vater auf, der schon zu Lebzeiten von der nordkoreanischen Propaganda als Gott verehrt wurde – als „Obonim“ (väterlicher Führer). Kim selbst war es, der den Personenkult um seinen Vater auf die Spitze trieb. 1970 übernahm er die Propagandaabteilung der Arbeiterpartei und ließ überall im Land Statuen für Kim Il Sung bauen. 1982, zum 70. Geburtstag des alten Kims, waren es bereits 30 000.

Von seinem Vater lernte Kim Jong Il, sich rücksichtslos durchzusetzen. Kim Il Sungs Weg an die Macht war ein blutiger: Seine Rivalen ließ er ermorden und ihre Gesichter später aus sämtlichen Fotografien retuschieren. Diese Welt aus Gewalt und Propaganda hat Kim geprägt. Seine Auftritte im Land gleichen denen eines Sonnenkönigs – stets ist ein Filmteam dabei, um sein Wirken für die Nachwelt festzuhalten. Trotzdem wäre es falsch zu glauben, dass Nordkoreas Führer nur ein übergeschnappter Despot ist. Hinter Kims Atomdrohungen steckt politisches Kalkül: Er will die USA zwingen, bilaterale Verhandlungen aufzunehmen und den Bestand seines Regimes sichern.

Südkoreanische Experten glaubten lange, dass Kim sprachbehindert und geistig verwirrt sei. So erklärte man, dass es über Jahrzehnte keine Aufzeichnungen von seiner Stimme gab und er nie ausländische Besucher traf. Beim Gipfeltreffen mit Südkoreas Präsident Kim Dae Jung im Jahr 2000, Kims ersten internationalen Auftritt, präsentierte sich der Diktator aber als wortgewandter Gastgeber. Kim sei mit Sicherheit „kein Bekloppter“, sagt die US-Diplomatin Wendy Sherman, die im Jahr 2000 die US-Außenministerin Madeleine Albright nach Pjöngjang begleitete. „Er war sehr höflich. Er hatte etwas zu sagen und strahlte eine enorme Selbstsicherheit aus.“

WIE LEBT KIM JONG IL?

Um Kims Reichtümer und sein ausschweifendes Laben ranken viele Gerüchte. Der Diktator soll mehr als zehn Paläste und Residenzen haben – mit Golfplätzen, Garagen voller Luxusautos und Motorräder, Schießanlagen, Kinos, Rummelplätzen und riesigen Parks für die Jagd. Kim, der von sich selbst sagt, dass er auch „Regisseur oder Künstler“ hätte werden können, lagert in seinen Häusern Tausende Videokassetten. Der britische Journalist Jasper Becker, der zahlreiche Interviews mit geflüchteten Nordkoreanern führte, beschreibt den heute 64-jährigen Kim als einen sexbesessenen Alkoholiker. Mindestens neun uneheliche Kinder soll er gezeugt haben, vorzugsweise mit Schauspielerinnen und Sängerinnen. Seit den 80ern soll es ein staatliches Programm geben, das die schönsten Mädchen im Land auswählt, um sie Kim zuzuführen. Die Mädchen, Mindestgröße 1,60 Meter, sollen in drei Gruppen eingeteilt sein: Ein „Befriedigungsteam“ zur Erfüllung sexueller Wünsche, ein „Happiness-Team“ für Massagen und eine Tanzgruppe.

Ob diese Geschichten alle wahr sind, weiß niemand. Sicher ist nur, dass Kim ein mehr als komfortables Leben führt. Während Ende der 90er-Jahre die Nordkoreaner die Blätter von den Bäumen aßen, um ihre leeren Mägen zu füllen und Hunderttausende verhungerten, schickte Kim seinen Privatkoch zum Delikatessenkauf quer durch die Welt. Sushi aus Tokio, Kaviar aus Teheran und Weine aus Paris – für Kim habe er immer nur das teuerste gekauft, berichtet Kenji Fujimoto in seinem Buch „Ich war Kim Jong Ils Koch“.

WIE SEHEN DIE NORDKOREANER IHN?

Nordkorea gleicht heute mehr einer religiösen Sekte als einem Staat. Unter der Herrschaft der Kims entstand eine perfekte Propagandamaschinerie: Jeder erwachsene Nordkoreaner muss einen Anstecker mit einem Bild der Kims auf der Brust tragen. In Buchläden gibt es nur Bücher von oder über die Kims. Zum Geburtstag von Kim Jong Il berichten die Staatszeitungen über „Albino-Seegurken“ und andere wundersame Naturerscheinungen. 23 Millionen Nordkoreaner leben in einer ideologischen Scheinwelt. Nordkorea ist das einzige Land der Erde, an dessen Spitze ein Toter steht – Staatsgründer Kim Il Sung ist bis heute offiziell Präsident. Seit drei Generationen ist das Land von der Außenwelt abgeschottet. Außer einigen hohen Kadern darf niemand ausreisen. Radios und Fernseher sind von der Fabrik aus so eingestellt, dass sie nur die staatlichen Propagandasender empfangen können.

Ein System, das erschreckend gut funktioniert. Selbst nordkoreanische Flüchtlinge sprechen mit Ehrfurcht über Kim Jong Il. Sein mieser Ruf im Rest der Welt stört ihn selbst offenbar nicht. „Ich weiß, dass ich überall kritisiert werde“, sagte er einmal. „Aber so lange man über mich spricht, muss ich ja was richtig machen.“

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