Porträt: Wolfgang Neskovic : Der Widerständige

15 Jahre war er bei der SPD – dann trat er aus. Darauf bei den Grünen – und trat wieder aus. Danach war er für die Linke im Bundestag. Nun probiert es Wolfgang Neskovic ganz allein: „Die Parteien sind mir abhanden gekommen“.

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Einzelkämpfer. Die Parteien, sagt Wolfgang Neskovic, haben ihre eigenen Werte verraten. Deshalb tritt er bei der Bundestagswahl als Unabhängiger an.
Einzelkämpfer. Die Parteien, sagt Wolfgang Neskovic, haben ihre eigenen Werte verraten. Deshalb tritt er bei der Bundestagswahl...Foto: Mike Wolff

Er müsste das nicht machen. Wolfgang Neskovic war Bundesrichter und fast acht Jahre lang Bundestagsabgeordneter. Er ist gerade 65 geworden. Er müsste nicht mehr von Berlin in die Lausitz fahren, mit Terminen von morgens um neun bis abends spät plus einer zweistündigen Fahrt zurück nach Berlin, um am nächsten Tag wieder im Bundestag zu sitzen, als der einzige fraktionslose Abgeordnete. Neskovic könnte bald am Ostseestrand spazieren gehen und ein böses Buch über den Berliner Politikbetrieb schreiben – über Zwänge und Verlogenheiten, den Demokratie-Verdruss im Land und dessen Gründe, die – das ist seine Überzeugung – mit der Dominanz der Parteien zu tun haben.

Aber er will weiter drei Leben leben zwischen Lübeck, woher er kommt und seine Familie hat, Berlin mit dem Politikbetrieb und Südbrandenburg, der Gegend um Cottbus und Spremberg mit ihren Dörfern, Tagebaulöchern und diesen in sich gekehrten, sperrigen Leuten. Also trifft sich Wolfgang Neskovic mit einer Bürgerinitiative in Cottbus oder streitet mit alten Genossen von der Linkspartei in einer Kneipe in Guben. Er trinkt Tee und redet, bis Diskussionen in Gang kommen, er sieht abends müde aus und freut sich doch über jedes bisschen Feedback, das er spürt. Volksvertreter will er bleiben. Er tritt an als Wahlkreisbewerber ohne Unterstützung einer Partei, ohne die Absicherung einer Landesliste: allein gegen den Politikbetrieb. Gäbe es mehr Unabhängige im Bundestag, sagt er – „wir hätten eine andere Republik“.

Vor vier Jahren hat er den Wahlkreis Cottbus–Spree–Neiße direkt gewonnen, damals noch nominiert auf der Liste der Linken, ohne der Partei anzugehören. Jetzt hofft er, in der Lausitz so angesehen und bekannt zu sein, dass die Leute ihn um seiner selbst willen wählen: Wolfgang Neskovic, unabhängig und parteilos – so steht es auf seinem Flyer.

Nicht viele werden bei der Bundestagswahl als Unabhängige antreten. Wer kandidieren will, braucht 200 Unterschriften von Wahlberechtigten aus seinem Wahlkreis. Neskovic hat sie bei Weitem übertroffen. Am gestrigen Samstag hat der Kreiswahlausschuss seine Kandidatur zugelassen. Wahlkampfkostenerstattung kann er allerdings nicht erwarten. Bei der Bundestagswahl am 22. September muss er 30 000 Stimmen gewinnen, um den Wahlkreis zu holen.

Dazu hat er in erster Linie: sich. Ein schlanker Mann, mittelgroß, mit einer Vorliebe für schwarze Hosen und abstrakt gemusterte Hemden. Rot muss vorkommen, Violett ist möglich. Der Blick freundlich-skeptisch. Die Kondition ist die eines Sportlers. Viele Jahre habe er Fußball im Verein gespielt, erzählt er. Die Spielfreude merkt man ihm noch immer an. Sein Konzept beruht, er sagt es so, auf Ehrlichkeit. Zum Wesen der Politik gehöre die Täuschung, er wolle anders sein.

Ob das naiv ist oder überzeugend, wird sich am Wahltag zeigen. Im „City Treff“ der Grenzstadt Guben sitzen zwei Dutzend Genossen versammelt, auch Mitglieder der Links-Fraktion der Stadtverordnetenversammlung. Der „City Treff“ würde im gastronomischen Angebot von Berlin-Lichtenberg als hip durchgehen mit seinen DDR-Gardinen vor den Fenstern und den Stoffblumen auf dem Tisch. Der Wirt hat die Brille in die Stirn geschoben und zapft das große Radeberger zu 3,20. Das Publikum: kantige, wuchtige Gesichter, eher älter. Bürstenhaarschnitte, Stahlrandbrillen, die Mundwinkel abwärts orientiert, die Blicke grimmig, als wäre man zur Versammlung beordert worden. Ein Mann salzt heftig sein Omelette, eine Frau packt knisternd die mitgebrachte Stulle aus. Neskovic redet seit einer halben Stunde über Staatsfinanzen, Steuersünder, „Selbstbereicherungstendenzen“ in der Gesellschaft. Es ist nicht weit zu den Städten, denen das Geld fehlt. Plötzlich ertönt das Signalhorn einer Lokomotive – das Mobiltelefon eines Zuhörers, der gleich hinausläuft. Ein anderer lässt sich endlich ein auf Neskovics Thesen zu den Steuersündern: „Wo ist denn der Rechtsstaat?“, poltert er, „es stimmt doch nichts in diesem Staat!“ Neskovic hält dagegen: Auf den Rechtsstaat lässt er nichts kommen. Das Recht ordnet seine Welt.

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