Politik : Porträtiert: Zwei erfahrene Krisenmanager

JÖRGEN DETLEFSEN/ALEXANDER LOESCH

Unter den vielen Schlichtern, die zur Lösung der Kosovo-Krise gerufen worden sind, ist der Schwede Carl Bildt der einzige, der auf einschlägige Erfahrungen von Befriedungsbemühungen auf dem Balkan zurückgreifen kann.1995 nahm er sich im Auftrag der EU des Falles Bosnien an und brachte gemeinsam mit dem Amerikaner Richard Holbrooke in Dayton die damaligen Kontrahenten zur Einigung.Anschließend überwachte er als Hoher Beauftragter der internationalen Völkergemeinschaft bis 1997 die Umsetzung des Abkommens.Seine intimen Kenntnisse des Konfliktstoffs auf dem Balkan prädestiniert Bildt für den abermaligen Einsatz.Er sieht die Probleme nicht nur auf seiten Belgrads.Wenngleich Bildt ein Verfechter des Nato-Beitritts Schwedens und ein glühender Anhänger der europäischen Integration ist, übte er scharfe Kritik an der ultimativen Art, wie die Allianz mit den USA an der Spitze die kriegerische Auseinandersetzung und die von ihm vorausgesagte Vertreibungskatastrophe heraufbeschwor.

In Washington ist man zwar nicht direkt glücklich über diese "Einmischung" der UN.Andererseits ist aber Bildt (konservativer Ministerpräsident 1991-94), der Anfang der 90er Jahre erfolgreich zwischen den USA und Rußland bei den Unabhängigkeitsbestrebungen der baltischen Länder vermittelte, in Washington hoch angesehen.

Zur "Konkurrenz der Emissäre" sagte der sarkastische Schwede, an einem "Wettlauf" nach Belgrad werde er sich nicht beteiligen.Doch er sieht seinen Auftrag zeitlich begrenzt, denn das einstige, politische Wunderkind, das heute bald 50 Jahre alt ist, ist der Hoffnungsträger des gesamten bürgerlichen Lagers in Schweden.Nur ihm wird zugetraut, den Sozialdemokraten die Macht entreißen zu können.

Der slowakische Berufsdiplomat Eduard Kukan (Jahrgang 1939) gilt als Pragmatiker, im persönlichen Gespräch wirkt er sympathisch zurückhaltend.Eine mögliche Kollision zwischen dem Außenministeramt seines Landes und der aufreibenden Aufgabe eines Ko-Vermittlers der UN in der verfahrenen Kriegslage in Jugoslawien sieht er nicht.Im Gegenteil: Kukan glaubt an eine sinnvolle Ergänzung beider Tätigkeiten - nicht zuletzt auch, weil seine internationale Mission nebenbei die angestrebte, verspätet in Angriff genommene Westintegration der Slowakei unterstützen könnte.

Entscheidend für seine Nominierung zum neuen Balkanvermittler durch Kofi Annan waren offenbar nicht nur seine Erfahrungen als UN-Diplomat; zuerst als letzter tschechoslowakischer Botschafter bei den Vereinten Nationen (1990 bis 1992), danach als Missionschef der seit 1993 unabhängigen Slowakischen Republik (bis 1994).Seine Feuertaufe als Vermittler in einer verfahrenen Krisenlage holte er sich Mitte der 80er Jahre, als er mehrere tschechoslowakische Bürger aus der Geiselhaft im angolanischen Bürgerkrieg durch geduldiges Verhandeln befreien konnte.Auch seine guten Kenntnisse Rußlands könnte Kukan nutzen, um Moskau zur aktiveren Beteiligung an der Friedenssuche für Jugoslawien zu gewinnen.Er hatte in den 60er Jahren das Moskauer Institut für Internationale Beziehungen absolviert, bevor er in Prag zum Doktor der Jurisprudenz graduierte.In den 70er und 80er Jahren arbeitete er an den damaligen CSSR-Botschaften in Angola, Äthiopien und in den USA.Nach der Wende entwickelte er sich vom Weggefährten des zusehends autoritären Regierungschef Vladimir Meciar zu einem seiner wichtigen demokratischen Widersacher.

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