Politik : Positionen: Mehr als eine Frage der Sicherheit

Rafael Seligmann

Deutschland ist betroffen. Wie bereits so oft zuvor in seiner Geschichte. Erneut werden Anschläge gegen Juden und ihre Synagogen verübt. Paul Spiegel, Präsident des "Zentralrats der Juden in Deutschland", hat Zweifel daran geäußert, ob es richtig gewesen sei, wieder jüdische Gemeinden in diesem Lande erstehen zu lassen. Das verstört das Gewissen der deutschen Judenfreunde von eigenen Gnaden. Prompt eilt der Bundeskanzler an den Ort des Düsseldorfer Brandanschlages und proklamiert den "Aufstand der Anständigen". Eine Kostprobe davon war bereits am Vortag zu besichtigten. Da protestierten sage und schreibe fast 500 Düsseldorfer gegen das Attentat.

Unterdessen fragen aufgeregte Journalisten und andere Bedenkenträger die Öffentlichkeit: "Schweben Deutschlands Juden in ständiger Lebensgefahr?" Gemach! Hier wird mit deutscher Gründlichkeit und Hysterie wieder allerhand Böses miteinander vermengt und Grundsätzliches übersehen.

Deutschland ist seit dem Ende des Hitlerreiches für Juden ein relativ sicherer Platz. Zumindest physisch. Mental schweben die Juden dieses Landes am Abgrund. Deutschlands Hebräer sind die Parias des Judentums. Sie werden von einer nur unbefriedigend beantwortbaren Frage gequält: Wie kann man als Jude in Deutschland leben? Mit dieser Frage werden die Juden Deutschlands konzentrisch beschossen. Von den Deutschen. Zunächst von den Philosemiten. Sie, die die Juden lieben wie Schmetterlingssammler ihre Lieblinge, betrauern am liebs-ten tote Juden. Ihnen fehlt das Verständnis, dass lebende Hebräer im Land der Mörder ihres Volkes ein Zuhause suchen.

In der Konsequenz ähnlich, im Ansatz jedoch brutaler, denken selbstgerechte Israelis und amerikanische Juden. Auf Unart des früheren israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizman werfen sie Deutschlands Juden Ehr- und Charakterlosigkeit vor. Den Hebräern im ehemaligen Lande der Nazis gehe es wohl einzig um materielle Vorteile. Auch die Antisemiten unterstellen die gleichen Motive. Sie hassen die Juden aus vollem Herzen und wollen sie zumindest nicht in Deutschland sehen.

Und schließlich das Gewissen der deutschen Juden. Wie können sie in einem Land unter Menschen leben deren Eltern und Großeltern den Erz-Antisemiten Hitler gewählt haben und Millionen Juden ermordeten? Darauf gibt es, wie gesagt, keine generelle Antwort, doch jeder Jude in Deutschland hat seine Gründe, hier zu leben. Sie sollten respektiert werden.

Zur Verwirrung der Gefühle und Gedanken trägt nicht zuletzt die moderne, politisch korrekte deutsche Sicht der jüdischen Frage bei. Die Juden werden dreigeteilt. In erster Linie setzt man sie mit den Opfern gleich. Die Israelis sieht man lieber als Täter. Knüppelschwingend oder schießend gegen unschuldige arabische Kinder. Das Bild des Totschlag-Israelis soll das durch die Nazi-Erblast kollektiv schlechte deutsche Gewissen erleichtern helfen.

Und Deutschlands real existierende Juden? Ein verlorenes Häuflein 80 000 gewissensgeplagter Seelen. Gerade ein Promill der deutschen Bevölkerung. Kaum einer kennt sie. Sie werden nur wahrgenommen bei den Totengedenkfeiern des Holocaust-Tages am 27. Januar oder am 9. November, dem Jahrestag der so genannten Reichskristallnacht.

Diese Sichtweise ignoriert nicht nur die Juden in unserer Mitte, sie verleugnet darüber hinaus die deutsche Geschichte. Juden leben in diesem Land seit über 1600 Jahren - ein halbes Jahrtausend, ehe Deutschland entstand. Jüdische Menschen, ihre Sprache und Kultur, ja ihre Geschichte haben sich untrennbar mit der deutschen Geschichte und Gesellschaft verklammert. Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Liebermann, Walter Rathenau, Ferdinand Lasalle, Kurt Weill - sie waren Deutsche und Juden zugleich. Hier Jüdisches von Deutschem trennen zu wollen, wäre Haarspalterei.

Und doch ist es immer wieder versucht worden. Bis Hitler wollten die Juden Deutsche sein. Sie liebten dieses Land, kämpften für Deutschland, machten hier ihre Geschäfte und schufen Kultur. Die meisten lebten ebenso wie ihre christlichen Nachbarn mehr recht als schlecht. Doch die Nichtjuden wollten die Hebräer nicht als ihresgleichen annehmen.

"Die deutsch-jüdische Symbiose ist jüdisches Wunschdenken", und "der deutsch-jüdische Dialog ein jüdisches Selbstgespräch", konstatierte der geborene Berliner Gerschom Scholem, nachdem er gen Israel ausgewandert war.

Die Wahl Hitlers durch 18 Millionen Deutsche war kein ausschließlich antisemitischer Akt. Der Völkermord wurde vielmehr möglich durch eine Mischung von Judenfeindschaft und Gleichgültigkeit.

Gleichgültigkeit und Ignoranz sind auch heute eine weit größere Gefahr für das deutsche Judentum als Antisemitismus. Nicht nur für die Juden, sondern für die deutsche Gesellschaft insgesamt. Die Bevölkerung dieses Landes setzt sich aus unzähligen Minderheiten zusammen, die sich vielfach überschneiden. Die Juden taugen dabei als ein Seismograph. Wie die Gänse auf dem Römischen Capitol, die bei aufziehender Gefahr schnatterten. Der Antisemitismus ist mehr als ein jüdisches Leiden. Judenfeindschaft ist eine Krankheit der Gesellschaft.

Vor Jahren äußerten 22 Prozent der Bevölkerung ihren Widerwillen gegen jüdische Nachbarn. Fast doppelt so viele wollten keine Ausländer in ihrer Umgebung haben. Jeder zweite Deutsche möchte keinen Schwarzen im Haus haben und fast siebzig Prozent lehnen Zigeuner in ihrer Nähe ab. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen: Homosexuelle, Behinderte, Alte, Kranke, Arme, aber auch allzu Erfolgreiche.

Gewalttätern muss das Handwerk gelegt werden. Antisemiten, Ausländerfeinden und anderen politischen und gewöhnlichen Kriminellen. Diese Gewalt ist ein Symptom der Schwäche unserer Gesellschaft. Demokratie und Freiheit sind kein Gottesgeschenk, sondern Werte, die permanent verteidigt werden müssen. Nicht allein durch Politik und Polizei, sondern vom Gros der Gesellschaft. Wenn wir uns für die Menschenwürde so engagieren wie für den Benzinpreis, dann können Juden und andere sich in diesem Lande wieder sicher fühlen.

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