Politik : Post aus dem Untergrund

In Kabul kursiert ein Brief, der von bin Laden stammen soll – und auch an den Kriegsherrn Hekmatyar erinnert

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Von Elke Windisch, Moskau

„Ich, euer Glaubensbruder Osama bin Mohammed bin Awad bin Laden, kann euch sagen, dass alle Verbeugungen vor der Supermacht nicht mal die Bedeutung eines Mückenstichs haben. All das ist nichtig im Ver- gleich zur Macht des Allerhöchsten, Allmächtigen und Seiner Hilfe für die gläubigen Mudschahedin.“

So beginnt ein Brief, der seit Ende der vergangenen Woche in Kabul und in mehreren Provinzen im Osten Afghanistans als Kopie zirkuliert. Das Schreiben wurde auf einem liniierten rosafarbenen Blatt mit blassblauer Tinte verfasst. Die Netzzeitung IslamOnline zitierte anonym einen Beamten des afghanischen Geheimdienstes mit den Worten, bei einem Vergleich mit Schriftproben bin Ladens, die von CIA und FBI bereits früher sichergestellt worden waren, sei eine „sehr große Ähnlichkeit“ festgestellt worden. Der Brief ist undatiert, soll aber laut IslamOnline nur „wenige Wochen alt“ sein.

Osama bin Laden ruft die Muslime in dem Brief wieder einmal zum Heiligen Krieg und zum Widerstand gegen die US-Okkupanten auf. Die Gläubigen würden bald „Zeugen des Falls der Vereinigten Staaten von Amerika“ werden, die alle menschlichen Werte ignorierten. Wer daran zweifle, möge sich bei den Russen erkundigen, denn der Widerstand der Gotteskrieger habe schon die Legende von der unbesiegbaren Sowjetunion zerstört.

Der in Arabisch abgefasste Brief ver- spricht schon in Kürze „gute Neuigkeiten in dieser Hinsicht". In diesem Satz wollen afghanische Beamte die Handschrift von Expremier Gulbuddin Hekmatyar erkannt haben. Hekmatyar, während des Widerstands gegen die Sowjets Favorit US-amerikanischer und pakistanischer Geheimdienste, die seine Hizb-e-Islami – die Partei Gottes – üppig mit Geld und Waffen versorgten, ist längst eingeschworener Feind seiner einstigen Paten: Die ließen ihn Mitte der Neunziger als Versager fallen und rüsteten fortan die Taliban auf, um in Afghanistan Ordnung zu schaffen.

Mit US-Dollars bestachen die Taliban auch Teile von Hekmatyars Milizen, worauf er die bis dato als uneinnehmbar geltende Feste Sarobi verlor und nach Iran flüchtete, wo er fortan gegen Washington die Trommel rührte, wann immer sich ihm dazu eine Gelegenheit bot, vor allem nach Beginn der Anti-Terror-Operation in Afghanistan. Der iranische Präsident Mohammed Chatami, der um eine Normalisierung der Beziehungen zu Washington bemüht ist, wies Hekmatyar daher im Februar aus.

Seither schmiedet der 45-Jährige an einem Bündnis gegen die USA – mit Resten der Taliban und auch der Al Qaida, der Terrororganisation von Osama bin Laden. Mit deren Führern unterzeichnete Hekmatyar Anfang Juli eine „strategische Allianz“, der sich auch mehrere Paschtunenführer anschlossen. Damit wollten sie gegen Washingtons Einmischung in die Wahl des Interimspräsidenten und in die Regierungsbildung Mitte Juni auf der Loya Dschirga – der Großen Ratsversammlung – protestieren.

Nach Meldungen der in Pakistan ansässigen Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press (AIP) soll Hekmatyar sich im Vorfeld mehrmals mit Taliban-Chef Mullah Omar und auch mit bin Laden selbst getroffen haben. Alle drei sollen sich nach Erkenntnissen afghanischer Geheimdienste vorwiegend in der so genannten „tribal area“ aufhalten – einem vor allem von Paschtunen besiedelten Gebiet im Nordwesten des Nachbarlandes Pakistan, das die Regierung in Islamabad nicht unter Kontrolle hat.

Hekmatyar selbst soll sich trotz ange- schlagener Gesundheit zur Vorbereitung einer Offensive häufig auch in Afghanistan selbst aufhalten. Unter anderem in der Provinz Kunar, bis 1996 sein Hauptquartier. Erst am Sonntag flogen die USA in Kunar einen Angriff, der allerdings ebenso erfolglos endete wie Anfang Mai, als eine unbemannte Drohne ihn bei Gardez erledigen sollte. Hekmatyar, meinen Afghanistan-Kenner, sei für den Friedensprozess längerfristig erheblich gefährlicher als die Taliban oder die Al Qaida, deren Verfolgung den meisten Afghanen angesichts unbewältigter Sicherheits- und Alltagsprobleme ohnehin recht gleichgültig ist. Der Ex-Mudschahedin-Führer soll Teile der Gelder, die in den Achtzigern noch so reichlich geflossen waren, gut verzinst angelegt haben. Jetzt soll er es für neue Waffen ausgeben, die zum Teil über Pakistan aus China kommen. Hekmatyar hat offenbar vor, neue Kämpfer auszurüsten.

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