Politik : Potpourri als Programm

Man fährt links, steht brav Schlange und isst italienisch – für die Malteser sind das keine Gegensätze

Paul Kreiner

Das wohl nachhaltigste Schiffsunglück der Weltgeschichte hat sich am 10. Februar des Jahres 60 zugetragen. Auf Malta feiert man es noch heute, 2000 Jahre danach – aber nicht zur Verhöhnung der Gestrandeten, sondern als den Beginn einer neuen Zivilisation. Denn der Seesturm spülte damals den Apostel Paulus an Land; in den drei Monaten, die er danach auf den Anschluss nach Rom warten musste, soll er gleich die ganze Insel zum Christentum bekehrt haben. Und katholisch – zu 94 bis 98 Prozent, genauer gibt es die Statistik nicht her – sind die Malteser bis heute: in Folklore, Frömmigkeit, Moral.

Malta, zwei kleine Haupt-, drei noch kleinere Nebeninseln, liegt mitten im Mittelmeer, 95 Kilometer südlich von Sizilien, 280 Kilometer östlich von Tunis. Seit der Steinzeit hat es sich allen Seefahrern, ob sie in friedlicher oder kriegerischer Absicht unterwegs waren, als ideale Zwischenstation angeboten, als Stützpunkt, als Trittstein zwischen Europa und Afrika, bis in die Jahre des Zweiten Weltkriegs, als die Engländer die Inseln ihrer Kronkolonie als „unversenkbaren Flugzeugträger" missbrauchten – den die Deutschen dafür zerbombten.

So viele sind gekommen, so viele sind gegangen. Bis auf Odysseus, der – von der Nymphe Kalypso bezirzt – sieben Jahre in deren wundervoll aussichtsreichen Höhle verbrachte, haben alle ihre Spuren auf Malta hinterlassen: Jene rätselhaften Steinzeitmenschen, deren Tempel tausend Jahre älter sind als die Pyramiden in Ägypten, dann die Phönizier, die Araber und die Sizilianer, von denen jeder auf seine Weise zum Potpourri der maltesischen Sprache beigetragen hat, die Römer sowieso, später die Normannen mit ihren Kirchenbauten und natürlich, von 1530 bis zu ihrer Vertreibung durch Napoleon 1798: die Ritter des Malteserordens. Die Zitadellen der Ordensritter sitzen als Zeichen beständiger Wehrhaftigkeit über der Insel, seinerzeit errichtet als letzter Vorposten der Zivilisation, als Bollwerk der Christenheit gegenüber den Türken.

Britische Kühle

Hinter diesen Festungen, isoliert in einem türkisfarbenen Meer, konnte sich auch eine ganz eigene Identität entwickeln. Den Engländern gehörte Malta 150 Jahre lang, bis 1964. Ihnen verdankt die Insel den bestimmenden Einfluss britischer Kühle, die sich mit einer mediterran-südlichen Leichtigkeit zu einem ganz besonderen Lebensstil verbunden hat: Man fährt links und isst italienisch; man stellt sich brav in Warteschlangen und kultiviert ein Zeitgefühl wie die Südländer. Maltesischen Eigensinn pflegen auch so manche Politiker mit Lust – der sozialistische Ministerpräsident Dom Mintoff etwa hat das getan, als er in den 70er und 80er Jahren die „blockfreie" Politik seines Landes zur koketten Anbandelung mit Libyen, Nordkorea und China nutzte, was wiederum den Westen erheblich irritierte.

Angst vor Brüssel

Die Sozialisten haben für eine weitere maltesische, von keinem anderen Beitrittsland nachgeahmte Eigenheit gesorgt: Sie haben 1996 den von einer christlich-konservativen Regierung ausgesprochenen Wunsch nach Aufnahme in die EU zurückgezogen. Zwei Jahre danach kehrten die Konservativen an die Macht zurück – und stellten in Brüssel gleich wieder ihren Beitrittsantrag. Die Spaltung im Land selbst, wo beide Lager annähernd gleich groß sind und schon zwei- oder dreitausend Wechselwähler die Mehrheiten verändern können, dauerte gleichwohl fort. So war in Brüssel das Aufatmen deutlich zu hören, als die Malteser in einer Volksabstimmung vor einem Jahr mit 53,6 Prozent „Ja" sagten zur EU.

Die Bedenken der Malteser bestanden und bestehen in einem: Ihr Land wird das kleinste in der EU sein. Mit 316 Quadratkilometern und 397 000 Staatsbürgern ist es kleiner als die Stadt Dresden. Die Inseln sind – im Wortsinn – überschaubar. Jede hat ihren Punkt, von dem aus man alles übersieht. Wird so ein Winzling, fragt man sich in Malta besorgt, in einer EU mit 25 Mitgliedern nicht sang- und klanglos untergehen?

Aber Malta hat, so wenig der Boden hergibt und so klein es ist, einen ganz entscheidenden Reichtum: die Menschen. Sie sprechen von Haus aus zwei, sehr viele sogar drei Sprachen: Maltesisch, Englisch, Italienisch. Und mit der Nähe ihres Idioms zum Arabischen besinnen sie sich, nach den Zeiten der Eigenbrötlerei, wieder auf ihre geografische Lage. Nicht mehr Abwehr, nicht mehr Bollwerk. Malta, dessen Seehafen zu den drei größten des Mittelmeers zählt, will auch in anderen Bereichen wieder Mittelpunkt oder Drehscheibe werden. Eingegliedert in den Norden und offen nach Süden will es Dienstleistungen erbringen für beide Seiten des Mittelmeers, vermitteln, zusammenführen, so wie es selber zusammengeführt ist aus den unterschiedlichsten Kulturen. Die politische Kompetenz dafür muss es sich noch erarbeiten.

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