Politik : Präsident Milosevic nutzt Todesschuss auf Vertrauten zur Hetze gegen die Opposition

Stephan Israel

Die Serie der Morde an Milosevic-Vertrauten nimmt kein Ende. Am Samstag wurde Bosko Perosevic, Regierungsstatthalter in der nordserbischen Provinz Vojvodina, am Rande einer Landwirtschaftsmesse niedergeschossen. Perosevic war dabei, mit einer hochrangigen Delegation von Regimevertretern durch die Hallen der Landwirtschaftsmesse von Novi Sad zu spazieren. Um einen Anruf auf seinem Mobiltelefon entgegenzunehmen, entfernte sich der Regierungschef der nordserbischen Provinz Vojvodina von der Gruppe. Ein mit einer Pistole bewaffneter Mann nutzte den Zeitpunkt am Samstagmittag, um den 43jährigen Bosko Perosevic mit einem Kopfschuss niederzustrecken. Der Chef der Sozialistenpartei in Novi Sad und Milosevic-Statthalter in der einst wohlhabenden Landwirtschaftsregion starb wenige Stunden später im Krankenhaus.

Die Liste der Morde im Umfeld der Belgrader Nomenklatura ist damit um einen Namen länger. Der jüngste Vorfall unterscheidet sich allerdings deutlich von den bisherigen "Hinrichtungen", bei denen die Täter ihre Flucht gut vorbereitet hatten. Die Polizei konnte den Schützen diesmal kurz nach der Tat verhaften. Es soll sich dabei um Milivoj Gutovic, 50 Jahre alt und langjähriger Mitarbeiter der Messe von Novi Sad, handeln. Täter und Opfer stammen nach Angaben des Belgrader Fernsehsenders Studio B aus dem gleichen Dorf und haben sich auch gekannt. Erste Vermutungen, dass es sich bei dem Attentäter um einen Sicherheitsbeamten handele, wurden am Sonntag zurückgenommen.

Es könnten diesmal also durchaus persönliche Motive eine Rolle spielen. Die sozialistische Partei von Slobodan Milosevic war trotzdem schnell bereit, in einer Stellungnahme die "Verräter" der Opposition und die studentische Widerstandsgruppe Otpor für den "terroristischen Anschlag" zu beschuldigen. Nach der "brutalen Aggression" im vergangenen Jahr hätten die Nato-Staaten die Waffen in die Hände ihrer "Diener" gelegt.

Bosko Perosevic wurde makabererweise am "Tag der Sicherheit" erschossen. Am Feiertag aus der kommunistischen Ära wird in ganz Serbien der Arbeit der Polizei gedacht, und Beamte beeindrucken die Öffentlichkeit mit waghalsigen Übungen. Für die oppositionelle sozialdemokratische Partei beweist das jüngste Attentat allerdings, dass Serbien ein "rechtloses Land" geworden sei. Geschäftsleute und Exponenten der Unterwelt sind während der Milosevic-Ära unter nie aufgeklärten Umständen ums Leben gekommen. Wirtschaft, Politik und Unterwelt sind in Serbien, das letzte Jahrzehnt mehr oder weniger unter internationalen Sanktionen, eng miteinander verflochten. Auseinandersetzungen um Einfluss und Macht werden dabei offensichtlich immer öfter mit Gewalt ausgetragen. Es ist kein Problem, für wenig Geld Berufskiller aufzutreiben. Ganze Heerscharen von Männern sind von den vier Kriegen, die das Belgrader Regime geführt hat, verroht und mit ihren Waffen nach Hause zurückgekehrt.

Beobachter sehen die deutliche Häufung in den letzten Monaten als Indizien für Zerfallserscheinungen im inneren Machtkreis von Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic. Bosko Perosevic ist das fünfte hochrangige Opfer aus dem näheren Umfeld des Regimes allein in diesem Jahr. Der Mord am Rande einer Landwirtschaftsmesse passt in ein Klima, das zunehmend von Gewalt und auch Verzweiflung geprägt ist.

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