Politik : Präsident Ulrich Cartellieri weiht neues Haus in Berlin-Tiergarten ein

Hermann Rudolph

Zur Einweihung kam der Kanzler höchstpersönlich. Er erschien nicht nur als Grusswortsprecher, sondern mit einer außenpolitischen Rede - der ersten am neuen Regierungssitz. Das zeigt ungefähr den Rang der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, die gestern ihr neues Haus einweihte, standesgemäß im alten Diplomatenviertel in der Rauchstrasse am Tiergarten. "Hier waren alle dabei, die dabei waren", sagt mit sanftem Unterstatement ihr neuer Präsident, der Bankier Ulrich Cartellieri, über ihre Bonner Jahre. Über mehr als vierzig Jahre war die Gesellschaft eines der wenigen wichtigen Foren für politische Meinungsbildung und Forschung, die es in Bonn gab. Dass sie gleichwohl nicht so viel von sich reden gemacht hat, erklärt Cartellieri damit, dass in Bonn ohnedies alles selbstverständlich geworden war, also auch die Gesellschaft in ihrem spitzgiebligen Gründerzeithaus an der Adenauerallee, einen Steinwurf weit entfernt vom Auswärtigen Amt. In Berlin jedoch, so der Präsident, "stellt sich alles neu".

Ihr Ziel sieht die Gesellschaft, so Cartellieri, in der "Verwurzelung der Außenpolitik in der Zivilgesellschaft". Sie will eine Plattform für die Debatte einer Politik bieten, die nach dem Ende der west-östlichen Blockbildung vor vielfältigen neuen Herausforderungen steht. Sie hatte damit übrigens schon angefangen, bevor sie offiziell, im Januar dieses Jahres, ihren Sitz nach Berlin verlegte: in einer von ihr organisierten Reihe von Referaten über "Die Außenpolitik der Berliner Republik" hielt der damalige Fraktionsvorsitzende der Grünen, Joschka Fischer, im Juni 1998 jenen Vortrag, der dann, als er drei Monate später Außenminister wurde, in aller Welt wie ein Orakel studiert wurde. Im Keller beherbergt sie außerdem die größte Bibliothek zur Außenpolitik Deutschlands.

Zum Anfang in Berlin hat die Gesellschaft auch einen neuen geschäftsführenden stellvertretenden Präsident gewonnen: Immo Stabreit, ein Berufsdiplomat mit Botschafter-Stationen in Paris, Washington und Johannesburg. Dagegen ist der Leiter des Forschungsinstituts der Gesellschaft der gleiche geblieben: Karl Kaiser, Professor in Bonn, nun aber mit Berliner Wohnsitz. Auch die Zeitschrift "Internationale Politik", herausgegeben von Werner Weidenfeld - als "Europa-Archiv" viele Jahrzehnte lang eine politisch-publizistische Institution - erscheint nun in Berlin. Aber sonst will die Gesellschaft bleiben, was sie immer war: eine Mitgliedergesellschaft, kein staatliches Institut, finanziert vor allem mit privaten Mitteln - eiserner Grundsatz: öffentliche Mittel dürfen nicht das Übergewicht bekommen -, streng überparteilich.

Den Anspruch der Gesellschaft zeigt auch - selbstbewusst, aber zurückhaltend im Stil - das neue Haus vor. In seinen Sälen, Gesellschaftsräumen und auf der ausgedehnten Terasse kann man noch einen Hauch davon spüren, was der Berliner Westen einmal war - allerdings in seiner Dreißiger-Jahre-Facon, bereits von der massigen Eleganz des Dritten Reiches geprägt. Werner March, der Erbauer des Olympiastadions, hatte es für die Botschaft Jugoslawiens entworfen, das damals Königreich und, was für die heutigen Besitzer schwerer wiegt, Dienstsitz von Ivo Andric war, damals Diplomat, später Literatur-Nobelpreisträger, dessen Bild deshalb an der Wand hängt. Natürlich hat das Haus der Geschichte seine Tribute zahlen müssen: Ein halbrunder Tisch im Lesesaal erinnert daran, dass hier bis Ende der achtziger Jahre das Oberste Rückerstattungsgericht seinen Sitz hatte, ein von den Alliierten errichtetes Gericht für Rechtstreitigkeiten in Rückerstattungs-Verfahren. 1995 erwarb es die Gesellschaft vom Berliner Senat.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben