Politik : Präsident und Kanzler als Zeugen (Kommentar)

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Wir zählen die Tage bis zum Neuanfang - und erleben, wie wir ständig zurückgezogen werden in die alte Zeit. Die CDU hat ihr Konto überzogen, die SPD mit den Kosten verschiedener Flüge zu kämpfen. Affären überall? Wie groß der Wahrheitsgehalt der Behauptungen jeweils ist, muss sich noch erweisen. Aber unabhängig davon bleibt: Das hat es in der Geschichte der Nachkriegsrepublik noch nie gegeben, dass sowohl ein ehemaliger Bundeskanzler als auch ein amtierender Bundespräsident vor je einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss erscheinen sollen. Das neue Jahrhundert fängt ja gut an. Nun kann man dagegen argumentieren, dass diese Form der Kontrolle den Umgang mit unseren hohen und höchsten politischen Institutionen normalisiert. Deutschland ist eben eine Republik, kein Patriarchat. Aber auch diese Demokratie braucht Väter und Mütter. So sind wir es gewohnt: durch den Bundespräsidenten besonders, aber auch den Bundeskanzler über die letzten 16 Jahre. Der pater familias hat sich eingebürgert. Vor allem der Präsident soll, nach allgemeinem Verständnis, nicht mitten ins Getümmel geraten, nicht einmal als Zeuge, erst recht nicht in eigener Sache. Schon gar, wo jetzt eine moralische Instanz als unbestechliches Schiedsgericht benötigt wird; wo am ehesten der Bundespräsident mit Integrität und amtseigener Autorität einer um sich greifenden Vertrauenskrise der Politik Einhalt gebieten kann. Wenn er kann. Johannes Rau muss deshalb die Aufklärung der Vorwürfe offensiv betreiben. Eben wegen der Würde des Amtes, und weil es das erste Mal ist, muss er stilbildend wirken. Die Republik emanzipiert sich vielleicht gerade vom Patriarchat - aber so ganz ohne väterliche (und mütterliche) Vorbilder mag sie doch nicht auskommen.

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