Präsidentenwahl in Frankreich : Votum des Leidens

Nun rechnen sie alle. Denn nach dem knappen Sieg von Francois Hollande über Nicolas Sarkozy lautet die große Frage: Wie viele der Stimmen, die Marine Le Pen und ihre rechtsextreme Front National bekommen haben, können die Kandidaten in der Stichwahl zu sich herüberziehen?

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Die Präsidentschaftswahl in Frankreich geht in die nächste Runde. Wer macht das Rennen?
Die Präsidentschaftswahl in Frankreich geht in die nächste Runde. Wer macht das Rennen?Foto: dpa

Als ob nichts gewesen wäre, gerade so, als ob es sich bei seiner Niederlage vom Sonntag nur um eine harmlose Panne gehandelt hätte, geht es am Montagmorgen einfach weiter wie bisher. Nicolas Sarkozy wendet sich beim Betreten seines Wahlkampfbüros in der Avenue de la Convention im 15. Pariser Arrondissement an alle, die dort auf einen Kommentar von ihm zum Ausgang der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen warten, zu seinem zweiten Platz hinter dem Sozialisten Francois Hollande.

„Es ist ein Votum des Leidens“, sagt Sarkozy in die Mikrofone der Reporter und fügt hinzu, „ich habe es verstanden.“

27,18 Prozent, so lautet das vorläufige Ergebnis für Sarkozy, der um eine zweite Amtszeit als Präsident kämpft. Damit liegt er nur 1,45 Prozentpunkte hinter Francois Hollande zurück. Im Vergleich zu den Hochrechnungen noch vom Wahlabend, die dem Rivalen einen Vorsprung von bis zu drei Punkten voraussagten, ist Sarkozys Rückstand geschrumpft.

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Präsidentschaftswahl in Frankreich
Frankreich hat einen neuen Präsidenten: Der Sozialist Francois Hollande setzte sich gegen den konservativen Amtsinhaber Nicolas Sarkozy mit knapp 52 Prozent durch.Weitere Bilder anzeigen
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22.04.2012 17:37Frankreich hat einen neuen Präsidenten: Der Sozialist Francois Hollande setzte sich gegen den konservativen Amtsinhaber Nicolas...

Das hat seine Angriffslust gestärkt. Und so führt er seinen Wahlkampf gleich am Montag nahtlos fort, nun eben zur zweiten Runde, denn am 6. Mai ist Stichwahl – und er geht sofort zur Attacke über. „Wenn Hollande sich der Konfrontation entziehen will, fällt das auf ihn zurück“, sagt er und meint damit die Weigerung des Sozialisten, sich bis dahin in drei Fernsehduellen mit ihm zu messen. Hollande will lediglich an dem traditionell einmal stattfindenden TV-Duell teilnehmen. Die Wähler, die mit diesen Fernsehauftritten, mit dem ganzen noch stattfindenden Wahlkampf vor allem erreicht werden sollen, sind die von Marine Le Pen von der rechtspopulistischen Front National. Die erzielte am Sonntag 17,9 Prozent – ein besseres Ergebnis, als der Parteigründer, ihr Vater Jean-Marie Le Pen, je schaffte.

Auch eine Siegerin. Mit fast 18 Prozent erreichte Marine Le Pen das beste Ergebnis, das die Rechtsaußen-Partei Front National bei französischen Präsidentschaftswahlen je erzielt hatte.
Auch eine Siegerin. Mit fast 18 Prozent erreichte Marine Le Pen das beste Ergebnis, das die Rechtsaußen-Partei Front National bei...Foto: dapd

Sarkozy hofft, dass er von diesen Stimmen so viele auf seine Seite ziehen kann, dass es am 6. Mai zum Sieg reicht. Und er hat einen Mann an seiner Seite, der sich dort, im rechten Milieu, auskennt: Patrick Buisson, einen Politologen, der von der extremen Rechten den Weg zur gemäßigten Rechten gefunden hat. Buisson hatte Sarkozy schon 2007 geraten, mit populistischen Äußerungen zum Islam, zur Einwanderung oder zur inneren Sicherheit der Front National Wähler abzuwerben. Eine Million Stimmen holte er damals auf diese Weise. Diesmal hat das nicht mehr funktioniert. Die Wähler der extremen Rechten zogen das Original der Kopie vor.

Marine Le Pen hatte es vermocht, die Front National zu entdämonisieren, sie von dem Image einer rechtsradikalen Rabaukentruppe zu befreien. In der ehemaligen Bergwerksstadt Hénin-Beaumont im Département Pas-de-Calais, ihrer Hochburg, kam sie auf 35 Prozent der Stimmen. In anderen Regionen wie dem Elsass, Lothringen, Nizza oder dem südfranzösischen Departement L’Hérault, in denen die Front National auch bei früheren Wahlen stark vertreten war, schnitt sie ebenfalls überdurchschnittlich ab.

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