Präsidentenwahl : Lob für Gauck von vielen Seiten

06.06.2010 22:07 UhrVon Ulrike Scheffer

Auch die FDP freut sich über den zweiten Bundespräsidenten-Kandidaten. Hat Joachim Gauck mehr Chancen, als er selbst glaubte?

Berlin - Es ist, als hätte sich die ganze Republik plötzlich gegen Christian Wulff verschworen: Die Sonntagszeitungen widmeten sich einmütig wie selten Wulffs Gegenkandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Joachim Gauck – die meisten mit positivem Unterton. Sogar aus der Union verlauteten Sympathiebekundungen für Gauck, der von SPD und Grünen ins Rennen geschickt wird. Und in der Linkspartei gibt es erste versöhnliche Töne in Richtung des früheren DDR-Bürgerrechtlers und Chefs der Stasi-Unterlagenbehörde.

Wulff, noch niedersächsischer Ministerpräsident, ist Kandidat der Regierungskoalition. In der FDP fand sich am Wochenende aber kaum jemand, der sich hinter ihn stellen wollte.

Beinahe aus jedem Landesverband der Republik – ob Ost oder West – machten Politiker ihrer Wut darüber Luft, dass die FDP-Führung sich der Nominierung eines Kandidaten aus einer Gruppe von Unions-„Parteisoldaten“ gefügt hatte, wie es in Thüringen hieß.

Erst am Sonntagmittag gab es aus Mecklenburg-Vorpommern doch noch ein liberales Votum für den Koalitionskandidaten Wulff: „Ich denke, dass ein junger Bundespräsident wie Wulff die bessere Wahl ist“, sagte der FDP-Landesvorsitzende Christian Ahrendt. Gauck habe selbst einmal geäußert, mit 70 solle man kein öffentliches Amt mehr anstreben. Allerdings sei auch er ein sehr respektabler Kandidat. Ein klares Bekenntnis klingt anders. Wulff selbst ist sich seines Sieges denn auch keineswegs sicher. Sicher werde er erst sein können, „wenn die Mehrheit verkündet ist“, sagte er der „Bild am Sonntag“.

In der Opposition rumort es aber ebenfalls. Die Linkspartei verübelt der SPD, sie nicht vorab in ihre Kandidaten-Überlegungen einbezogen zu haben. Erst als die Entscheidung von SPD und Grünen für Gauck schon gefallen war, wurde sie informiert. „Herr Gabriel hat mich am vergangenen Donnerstag um kurz nach 19 Uhr angerufen – nachdem er mit der Kanzlerin gesprochen hatte“, sagte die Vorsitzende der Linkspartei, Gesine Lötzsch, dem Tagesspiegel. Gauck ist für sie nach wie vor nicht wählbar. Am Dienstag will die Parteiführung der Bundestagsfraktion, den Landesvorsitzenden und Landesfraktionsspitzen nahelegen, eine eigene Kandidatin aufzustellen. In Linken-Parteikreisen wird der Name Daniela Dahn gehandelt. Die Schriftstellerin wurde schon einmal für ein hohes Amt ins Gespräch gebracht: 1998 sollte sie für den Posten des Verfassungsrichters in Brandenburg kandidieren, die Partei zog aber nach Auseinandersetzungen ihren Vorschlag zurück.

Bodo Ramelow, Fraktionschef in Thüringen, hat eine andere Favoritin: Margot Käßmann. Die frühere niedersächsische Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende verkörpert für ihn sehr menschliche Züge, als Person mit Ecken und Kanten. Und mit ihrer Ablehnung des deutschen Afghanistaneinsatzes vertrete sie linke Positionen. Sollte es zu einem dritten Wahlgang kommen, stellten sich für ihn „manche Fragen aber nochmal anders“: Ramelow lässt das Argument, Gauck sei als Ex-Chef der Stasi-Unterlagenbehörde tabu, nicht gelten. Er kritisiert zwar, Gauck sei bisher lediglich als Aufklärer hervorgetreten, in seiner Funktion als Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde und in der Auseinandersetzung mit der 68er-Bewegung – nicht jedoch als Versöhner. Auch habe er Stasi-Akten „instrumentell eingesetzt“, etwa im Fall des Linkenpolitikers Gregor Gysi. Doch: „Wenn Herr Gauck den Willen hätte, mit uns ernsthaft zu reden, müssten wir uns dem Gespräch stellen.“

Vize-Parteichefin Halina Wawczyniak sprach sich indes wie schon die Parlamentarische Geschäftsführerin Dagmar Enkelmann gegen eine eigene Kandidatin aus: „In dieser Frage sollten wir uns nicht verkämpfen“, sagte Wawczyniak dem Tagesspiegel. (Mitarbeit Sabine Beikler)

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite