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Präsidentschaftswahl in Polen : Komorowski verfehlt in erster Runde absolute Mehrheit

Nach dem Unfalltod von Präsident Lech Kaczynski haben die Polen über seinen Nachfolger abgestimmt. Der Bruder des verstorbenen Präsidenten, Jaroslaw Kaczynski, hat am Wahltag aufgeholt. Es wird daher eine Stichwahl geben.

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Präsidentschaftswahl in Polen: Auf den zweiten Platz schob sich der Konservativen Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des tödlich verunglückten Präsidenten Lech Kaczynski.
Präsidentschaftswahl in Polen: Auf den zweiten Platz schob sich der Konservativen Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des tödlich...Foto: dpa

Die Hoffnungen der polnischen Liberalen sind am Sonntag bitter enttäuscht worden. Nach Auszählung fast aller Stimmen lag Regierungskandidat Komorowski zwar am Montagmorgen mit 41,2 Prozent in Führung. Auf Jaroslaw Kaczynski, den Zwillingsbruder des im April bei einem Flugzeugabsturz getöteten Präsidenten Lech Kaczynski, entfielen aber nach Angaben der Staatlichen Wahlkommission in Warschau 36,74 Prozent. Für einen Wahlsieg im ersten Durchgang am Sonntag wäre die absolute Mehrheit nötig gewesen. Wie die Wahlkommission mitteilte, waren bis zum Montagmorgen 94,3 Prozent der Wahlkreise ausgezählt. Es fehlten aber unter anderem noch Ergebnisse aus Warschau, Katowice und Lodz. Die Wahlbeteiligung lag bei 55 Prozent. Das offizielle Endergebnis soll am Montagabend bekannt gegeben werden.

Der Abstand zwischen den beiden Kandidaten ist damit am Wahltag im Vergleich zu den letzten Umfragen weiter geschrumpft. Noch am Freitag hatte die Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“ dem Regierungskandidaten 51 Prozent vorhergesagt. Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski erreichte mit 33,2 Prozent wie erwartet den zweiten Platz.

Am 4. Juli wird es zu einer Stichwahl kommen. Das Rennen wird spannend. Denn Umfragen unter Napieralskis Parteigängern haben ergeben, dass 60 Prozent von ihnen in der zweiten Runde für Komorowski stimmen würden. Trotz seiner gerne zur Schau gestellten sozialen Ader traut die Mehrheit von Polens Linken Kaczynski nicht.

Alle zehn Kandidaten hatten im kurzen Wahlkampf nach dem Unfalltod des Präsidenten Lech Kaczynski nicht zuletzt an den Patriotismus der Polen appelliert. Als wahrer Patriot hatte sich vor allem Jaroslaw Kaczynski, der Zwillingsbruder des vor zwei Monaten bei einem Flugzeugabsturz umgekommenen Staatsoberhaupts, darzustellen versucht.

Zu seinem Wahllokal in der Höheren Feuerwehrschule in Warschau hatte der eingefleischte Junggeselle zudem die hübsche 30-jährige Präsidententochter Marta Kaczynska mit ihrem Ehemann Marcin und den zwei Töchtern Ewa und Martyna mitgeschleppt. Die Stimmabgabe lockte so besonders viele Presseleute an, im Unterschied zu Komorowski, der um die Mittagszeit, begleitet von seiner gleichaltrigen Ehefrau Anna, ebenfalls in Warschau abstimmte.

„Diese Wahlen sind wirklich wichtig“, sagte Jaroslaw Kaczynski und versuchte – verkniffen wie immer – gute Stimmung auszuströmen. „Ich hoffe auf eine rege Wahlbeteiligung“, warb er und begann einen kurzen Diskurs über das für ihn unerklärlich geringe Interesse der Polen an Präsidentenwahlen. In der Tat war die Wahlbeteiligung 2005, als sein Zwillingsbruder Lech gegen den heutigen Ministerpräsidenten Donald Tusk antrat, schlagartig von über 60 auf 50 Prozent abgesackt. Jaroslaw Kaczynski fürchtete deshalb jetzt nicht als einziger eine noch geringere Beteiligung. Ausgerechnet sein Bruder Lech Kaczynski hat durch kleinliche Streitereien mit der Regierung den Ruf des Präsidentenamtes geschmälert. „Je weniger Bürger abstimmen, desto stärker ist der Verdacht, dass eine Minderheit die Mehrheit regiert“, hatte am Sonntagmorgen am Rande der Bischofskonferenz in Olsztyn der Posener Erzbischof Stanislaw Gadecki gemahnt. Am Ende stimmten wohl etwa so viele Polen über den neuen Präsidenten ab wie vor fünf Jahren.

Aus Furcht vor der Wahlabstinenz unter den über 30 Millionen Wahlberechtigten hatte die liberale Regierung zusätzliche Wahllokale an beliebten Urlaubszielen eingerichtet. In den USA öffneten bereits am Samstag 28 Wahllokale in Konsulaten, polnischen Schulen und vor polnischen Kirchen für Urlauber und Gastarbeiter. Weltweit sind es 263. In Polen selbst standen am Sonntag über 25500 Wahllokale von 6 bis 20 Uhr offen. Die Stichwahl wird nun mitten in den Sommerferien stattfinden, was die Wahlbeteiligung möglicherweise drückt.

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