Präsidentschaftswahl : Wahl auf Russisch

Für die Bürger locken Gewinne und schrecken Abmahnungen. An manchen Orten gibt es 100 Prozent Beteiligung der Wähler.

Elke Windisch[Moskau]

Einstöckige Holzhäuschen mit geschnitzten Fensterläden, ein Ziehbrunnen, Birken, deren Äste sich schwer unter der Last des über Nacht gefallenen Schnees biegen. Klischino, ein Drei-Tausend-Seelen-Dorf bei Moskau, sieht aus wie die Computer-Animation eines russischen Märchens. Nur die Hütte der Hexe Baba Jaga, die sich auf einem Hühnerbein um die eigene Achse dreht, fehlt. Dafür gibt es ein Wahllokal: Das mit den weiß-blauroten Landesfarben geschmückte Bürgermeisteramt, wo es durchdringend nach frischer Farbe riecht. Er kommt von der neu lackierten Urne, auf der ein goldfarbener Doppeladler prangt.

Bürgermeister Wladimir Poljanin rechnet mit praktisch hundertprozentiger Beteiligung. Das Leben in Klischino, sagt er, habe sich in den acht Jahren von Putins Regierungszeit „spürbar verbessert“. Ähnlich sieht das auch ein Mann, den alle Iwan Goldfinger nennen, einen Veteranen des Zweiten Weltkriegs, der vor dem Eingang auf dem Bajan spielt – einer russischen Version des Akkordeons. Er hofft, dass „Medwedew den Kurs Putins fortsetzen“ werde. Dmitri Medwedew ist der Kandidat des Kremls, Erster Vizepremier, zuständig für Soziales und Aufsichtsratschef bei Gazprom. Vor allem deshalb werde sie für Medwedew stimmen, sagt Marija Nikiforowa. Auf ihren Stock gestützt, setzt die Rentnerin auf der bedenklich glatten Dorfstraße vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Putin, sagt sie mit unüberhörbarem Tadel, baue immer neue Pipelines, um Energie ins Ausland zu exportieren. Klischino dagegen sei bis heute nicht an die Gasversorgung angeschlossen. Medwedew werde das hoffentlich richten. „Gott helfe ihm dabei.“

Medwedew selbst scheint sich weniger auf Gottes Hilfe, denn auf die eigene Ausstrahlung und die von Ehefrau Swetlana zu verlassen. Punkt zehn fahren beide vor dem Wahllokal Nr. 118 im Moskauer Südwesten vor. Medwedew trägt den gleichen dunklen Anzug wie bei seinen Wahlkampfauftritten. Seine Stimmung, diktiert er dem Reporter der halbamtlichen Nachrichtenagentur RIA Nowosti in den Block, sei gut.

Ehefrau Swetlana ist so blond wie Hillary Clinton

Ehefrau Swetlana hat sich bei ihm eingehakt. Sie ist so blond wie Hillary Clinton und lächelt auch fast so professionell nach allen Seiten wie diese. Eine Geste, mit der Russlands First Ladies die Nation bisher nicht gerade verwöhnten. Auch das Outfit ist neu. Statt Pelz trägt Swetlana Medwedewa einen anthrazitfarbenen Kapuzenmantel aus Mikrofaser. Er könnte der Hit der nächsten Saison werden. Denn Ljudmila Putina, die mit Gatte Wladimir zwei Stunden später vor einem zum Wahllokal umfunktionierten Institut der Akademie der Wissenschaften vorfährt, hat ein ähnliches Modell an. Doch sie lächelt nicht. Auch Putin nicht. Er lässt sich nicht mal Belanglosigkeiten zum Wetter entlocken, winkt nur einer Familie mit Kind zu. Womöglich haben ihm die Zahlen zur Wahlbeteiligung die Laune verhagelt.

Moskau kämpft mit den üppigen Schneefällen der vergangenen Nacht. Mehr als 7000 Räumfahrzeuge sind im Einsatz, die Gehsteige sind teilweise spiegelglatt. Bis Mittag hatten sich daher nur fünf Prozent der Hauptstädter zum Gang ins Wahllokal aufgerafft. In Putins Heimatstadt St. Petersburg waren es nur drei Prozent. Dafür meldeten mehrere Siedlungen auf der Eismeer-Halbinsel Tschukotka im äußersten Nordosten Russlands vorzeitig Vollzug und hundertprozentige Wahlbeteiligung.

Der Kreml will eine hohe Teilnahme erreichen, damit der künftige Präsident hinreichend legitimiert ist. Die 109 Millionen Stimmberechtigten hatten daher nicht nur die Wahl zwischen vier Kandidaten, sondern auch zwischen Zuckerbrot und Peitsche: Willigen winkten Disko-Gutscheine, Autos oder Kühlschränke als Hauptgewinne von Wahl-Tombolas. Verstockten drohen Strafen. Eine Lehrerin in Moskau, die sich weigerte, die Eltern ihrer Schüler zum Wählen zu drängen, kassierte eine Abmahnung. Die Moskauer Supermarktkette Sedmoj Kontinent soll ihre Angestellten zum kollektiven Besuch des Wahllokals genötigt haben. Mit der Maßgabe, dort ihr Kreuz bei Medwedew zu machen. Andernfalls gebe es keine Prämie.

Dennoch wollten viele der 300 Beobachter von nennenswerten Verstößen nichts wissen. Die meisten kamen allerdings aus anderen Ex-Sowjetrepubliken. Westliche Wahlbeobachter hatten die Abstimmung im Vorfeld als „unfair“ kritisiert, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) ihre Mission aus Protest gegen Restriktionen abgesagt.

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