Politik : Präsidentschaftswahlen in Polen: Die Konkurrenz weit abgeschlagen

Jan Stanczyk

Obwohl ihm ein Wahlkampf-Spot noch kurz zuvor geschadet hatte, sahen die letzten Umfragen vor der Wahl Polens bisherigen Präsidenten Aleksander Kwasniewski als klaren Favoriten bei den Präsidentschaftswahlen in Polen. Demnach kam er auf auf über 50 Prozent der Stimmen. Sein Vorsprung, den er bereits vor dem Wahlkampf hatte, war in den letzten Tagen zurückgegangen, nachdem sein Gegner, der Solidarnosc-Chef Marian Krzaklewski, eine kompromittierende Filmaufnahme von Kwasniewski gezeigt hatte.

Darin war Kwasniewski in offenbar alkoholisiertem Zustand auf einem polnischen Offiziersfriedhof in Charkow zu sehen. Eine zweite Szene zeigte Kwasniewskis Minister und außenpolitischen Berater, wie er 1997 in Kalisz den Papst nachahmend den Boden küßte und die Umstehenden segnete. Diese Szene führte zu einer Welle der Empörung bei Katholiken, mehrere von Krzaklewskis Anhängern beherrschte Städte erklärten daraufhin den Präsidenten zur persona non grata, der Lubliner Erzbischof forderte sogar den Rücktritt des Präsidenten.

Kwasniewski drückte sein Bedauern über den missglückten Scherz seines Ministers aus, weigerte sich aber, dessen Rücktritt entgegenzunehmen. Die Szene kostete Kwasniewski einen Einbruch in den Umfragen, wo er zeitweise sogar unter 50 Prozent der Stimmen lag. In diesem Fall würde eine nach dem Wahlrecht eine Stichwahl am 22. Oktober zwischen den beiden bestplazierten Kandidaten notwendig.

Während des gesamten Wahlkampfes waren die Herausforderer des amtierenden Präsidenten weit abgeschlagen: Ex-Außenminister Andrzej Olechowski, der als überparteilicher Kandidat antrat, lag in den meisten Umfragen auf Platz zwei mit einem Anteil zwischen acht und 17 Prozent. Krzaklewski, der einen sehr aufwendigen Wahlkampf führte, kam dagegen nur auf sieben bis neun Prozent. Insgesamt kandidieren bei den Wahlen zwölf Kandidaten, nachdem der frühere national-konservative Regierungschef Jan Olszewski seine Kandidatur zurückgezogen und zur Stimmabgabe für Krzaklewski aufgerufen hatte.

Nach den bisherigen Umfrageergebnissen hat keiner der weiter hinten liegenden Kandidaten eine Aussicht auf ein Achtungsergebnis. Weder der stramme EU-Gegner Jan Lopuszanski, noch der frühere kommunistische Generalstabschef Tadeusz Wilecki, noch der radikale Bauernführer Andrzej Lepper haben eine Chance, auch nur in die Nähe der Fünf-Prozent-Grenze zu kommen. Einzig der Chef der Bauernpartei, Jaroslaw Kalinowski, für den das von der Bauernpartei und Kwasniewski-Anhängern dominierte Staatsfernsehen trommelte, kam nach den letzten Umfrageergebnissen auf circa sieben Prozent.

Die Wahl an sich verlief bis zum Sonntagnachmittag überwiegend sehr ruhig. Nur in einigen polnischen Städten wurde sie von Anarchisten gestört, die in einzelnen Wahllokalen zum Boykott der Stimmabgabe aufriefen. In Krakau stürmten die Protestierer mit einem Hund und einer Flagge in ein Wahllokal und zerrissen Wahlkarten, wurden aber von Stadtpolizisten in die Flucht geschlagen.

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