Politik : Predigt im Gericht

Prozessauftakt gegen Metin Kaplan in Istanbul

Thomas Seibert[Istanbul]

Still und versunken sitzt Metin Kaplan auf der Anklagebank im Schwurgericht von Istanbul. Seine Lippen bewegen sich stumm, während er im Geiste seine Verteidigung gegen den Hochverratsvorwurf zu proben scheint. Erst als der Richter ihn anspricht, blickt Kaplan auf, erhebt sich und lässt sich ein Glas Wasser reichen. Dann hebt der „Kalif von Köln“ zu seiner Verteidigungsrede an – und wird plötzlich zu einem anderen Menschen: lebhaft, temperamentvoll, angriffslustig. Der Prediger ist in seinem Element.

Schon nach ein paar Sätzen ist klar, was Kaplan dem Vorwurf des Terrorismus entgegensetzen will. „Ich bin Muslim“, ruft der 52-Jährige aus. „Kein Muslim kann Terrorist sein.“ Ausführlich zitiert der „Kalif“ Passagen aus dem Koran, die Gewalt gegen unschuldige Menschen verbieten. Aber allein auf die religiöse Argumentationslinie verlässt sich Kaplan nicht. Er weiß, dass die Türkei in den vergangenen Jahren ihre Gesetze reformiert hat, um in die EU aufgenommen zu werden. Die Meinungsfreiheit wurde gestärkt, der Beweis des Terrorismus ist für Staatsanwälte heute schwerer zu führen.

Kaplan redet sich in Rage, gestikuliert mit der rechten Hand. Seine Stimme wird immer lauter. Während er unter der Büste des türkischen Staatsgründers Atatürk immer wieder Koransuren vorliest, könnte man fast meinen, er predige. Viel hat Kaplan in seiner halbstündigen Verteidigungsrede zu sagen, selbstbewusst geht er zum rhetorischen Gegenangriff über. Mit den Anschlagsplänen auf die türkische Staatsspitze am Republiktag 1998 habe er nichts zu tun gehabt, beteuert er und spricht von einem „Komplott“ der Sicherheitskräfte.

Dabei outet sich Kaplan ohne Scheu als Fundamentalist: Für ihn sei der Islam nicht nur Religion, sondern auch Staatsauffassung, sagt er. Seine Verteidigungsrede sei Teil eines „heiligen Krieges“. Gewalt aber lehne er ab. Was nicht so recht zu diesem Bild des frommen, aber harmlosen Menschen passt, das verschweigt er lieber: Kein Wort darüber, dass er in Deutschland in Haft saß, weil er zur Ermordung eines Rivalen aufgerufen hatte. Seine Organisation „Kalifatsstaat“ nennt er eine legale, nach deutschen Gesetzen gegründete Gruppe – ohne zu erwähnen, dass sie inzwischen verboten ist.

Für Kaplan kommt es an diesem Tag vor allem darauf an, seine Botschaft loszuwerden. Und die heißt: Es wird nicht leicht, mich mit rechtsstaatlichen Methoden zu verurteilen. Den Richter blickt er herausfordernd an: „Sie können vielleicht anderer Meinung sein als ich, aber Sie haben kein Recht, mich als Terroristen zu bezeichnen.“ Wenn das Gericht das anders sehe, müsse es sein eigenes Freiheitsverständnis überprüfen. „In welche EU wollen wir denn eigentlich?“ Der Muslimextremist, der die Rechte eines säkulären Staates nutzen will: Diese Rolle spielte Kaplan schon in Deutschland. Das Gericht vertagt das Verfahren nach dem ersten Verhandlungstag auf den 4. April.

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