Pressefreiheit : „Doppelt so viele Entführungen“

Vor allem in Syrien leben Journalisten gefährlich. Dort wurden die meisten Berichterstatter 2013 getötet, und die Zahl der Entführungen hat ebenfalls drastisch zugenommen. Ein Interview mit dem Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr.

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Christian Mihr ist Geschäftsführer der Organisation Reporter ohne Grenzen in Deutschland. Zuvor war er beim Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung n-ost.
Christian Mihr ist Geschäftsführer der Organisation Reporter ohne Grenzen in Deutschland. Zuvor war er beim Netzwerk für...Foto: promo

Herr Mihr, welches Land ist weltweit das gefährlichste für Journalisten?

Syrien, bedingt durch den Bürgerkrieg. Zehn professionelle Berichterstatter und 35 Bürgerjournalisten wurden dort im vergangenen Jahr getötet, 49 Journalisten entführt, so viele wie in keinem anderen Land der Welt. Seit Ausbruch des Konflikts wurden mindestens 110 Medienschaffende ermordet.

Sind vor allem die Truppen von Regierungschef Baschar al Assad dafür verantwortlich?
Nein, zwar geht nach wie vor ein Großteil der Morde und Entführungen von Journalisten auf das Konto des Assad-Regimes, aber seit Ende 2012 hat sich der Konflikt immer mehr verschoben. Mittlerweile sind auch dschihadistische Gruppen wie die Al-Nusra-Miliz und jüngst vor allem die Organisation Islamischer Staat im Irak und der Levante (Isil) für Angriffe auf Journalisten verantwortlich. Betroffen sind vor allem Bürgerjournalisten.

Warum ist diese Gruppe so sehr gefährdet?
Unabhängigen, professionellen Journalismus aus Syrien gibt es kaum noch. Internationale Reporter bekommen nur selten Visa, und wie groß die Gefahr für sie ist, zeigt auch der Angriff auf den ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster. Den einheimischen Journalisten bleibt fast nichts anderes übrig, als sich entweder der Regime- oder der Rebellen-Seite zuzuordnen. Es sind vor allem Bürger, die als Blogger, Online- und Videojournalisten die Informationslücken füllen, die mangels professioneller Berichterstatter entstehen. Aber gerade sie sind besonders gefährdet, weil sie wenig Erfahrung haben und keine große Redaktion im Hintergrund, die sie aus Gefahrensituationen retten würde.

Insgesamt ist die Zahl der getöteten Journalisten 2013 weltweit gesunken. 116 Medienschaffende wurden getötet, 2012 waren es noch 127. Wird die Arbeit für Journalisten insgesamt sicherer?
Nein, zwar ist die Zahl der getöteten Journalisten gesunken, aber sie ist im Vergleich zu den Vorjahren noch immer sehr hoch. Dramatisch entwickelt hat sich vor allem die Zahl der Entführungen. Sie hat sich im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. 89 Medienschaffende wurden verschleppt, das sind 51 mehr als 2012.

In welchen Ländern neben Syrien leben Journalisten besonders gefährlich?
Besonders gefährlich ist die Arbeit für Journalisten auch auf den Philippinen, in Somalia, Pakistan und Indien. Acht Reporter wurden dort 2013 getötet, derzeit gibt es eine nie dagewesene Welle der Gewalt gegen Journalisten.

Woher kommt diese negative Entwicklung in Indien, einem demokratischen Land?
In einigen Fällen gehen die Taten zurück auf das Konto von Mafiagruppen, Demonstranten und Anhängern politischer Parteien, in anderen Fällen waren Polizei und Armee für Drohungen und Gewalt gegen Journalisten verantwortlich. Teilweise steht sie in Zusammenhang mit dem Konflikt in der Kaschmir-Region und den Auseinandersetzungen im Bundesstaat Chhattisgarh, wo sich Maoisten und Polizei einen blutigen Streit liefern. Berichtende Journalisten geraten dort zwischen die Fronten. Schlimm ist, dass Morde und Gewalt gegen Journalisten in Indien nur in den seltensten Fällen verfolgt werden, das begünstigt wiederum eine Selbstzensur der Journalisten.

Auch in Europa werden Journalisten bedroht. In der Türkei sitzen derzeit 40 Journalisten in Haft.
In keinem anderen Land neben China sitzen derzeit so viele Journalisten hinter Gittern wie in der Türkei. Die Anti-Terrorgesetze werden missbraucht, um unliebsame Journalisten auszuschalten, vor allem solche, die über den Kurden-Konflikt berichten. Angesichts der demokratisch arbeitenden Institutionen in der Türkei und der dort lebendigen, vielfältigen Medienlandschaften wirkt das paradox.

Muss die Europäische Union im Zuge der Beitrittsverhandlungen hier mehr Druck ausüben?
Pressefreiheit sollte Voraussetzung für eine Mitgliedschaft in der EU sein. Darauf muss die Gemeinschaft auch hinwirken.

Gibt es denn auch Länder, die sich 2013 überraschend positiv entwickelt haben?
Ein Lichtblick ist Birma. Das Land galt auch in Bezug auf Pressefreiheit sehr lange als schwierig. 2013 haben wir Staatschef Thein Sein von unserer Liste der Pressefeinde heruntergenommen. Der Weg ist noch weit, aber wir sehen eine Verbesserung. Auf unserer Rangliste der Pressefreiheit belegt Birma inzwischen Platz 151, 18 Plätze besser als 2013.

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