Politik : Preußen des Orients

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Irak erlangte 1921 als erster arabischer Staat seine Unabhängigkeit. Hervorgegangen aus dem Osmanischen Reich, wurde das Land zunächst von einer Führungsschicht regiert, die in Istanbul an der Jurafakultät teilweise bei deutschen Professoren studiert oder die dortige preußische Militärschule besucht hatte. Die enormen Bodenschätze wurde in den ersten drei Jahrzehnten jedoch vor allem von britischen und amerikanischen Firmen ausgebeutet. Der Irak verfügt nach SaudiArabien über die weltweit größten bekannten Erdölreserven sowie über beträchtliche Erdgasvorkommen.

Erst nach dem Sturz der pro-britischen Monarchie 1958 gelang die Verstaatlichung der Erdölwirtschaft. Das Land begann sich zu entwickeln und wurde zu einem lukrativen Handelspartner. Zwischen 1960 und 1980 verdoppelte sich das Pro-Kopf-Einkommen. Es entstand ein bescheidener Wohlstand. Als 1968 die Baath-Partei unter Hasan al-Bakr und Saddam Hussein an die Macht kam, begann der Irak, eine eigene Schwerindustrie und petrochemische Industrie aufzubauen.

In den 70er Jahren entwickelte sich das Land dann zu einer dominierenden politischen, militärischen und wirtschaftlichen Macht der Region. Unter der Regie der Baath-Partei entstand der erste Wohlfahrtsstaat der arabischen Welt, auch wenn seine Führungsclique erhebliche Mittel in die eigene Tasche abzweigte und für Rüstungsgüter ausgab. Universitäten und Forschungseinrichtungen in Bagdad waren besser ausgestattet als vergleichbare Einrichtungen in Europa. Schul- und Gesundheitswesen galten als vorbildlich, die Unesco zeichnete Saddam Hussein damals sogar für seine Bildungspolitik aus. Von diesem Potenzial zehrt der Irak bis heute. Denn seine Ingenieure, Architekten, Straßenbauer und Ärzte sind nicht nur gut ausgebildet, sondern sie haben während der Embargozeit auch zu improvisieren gelernt. M.G.

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