Politik : Pristina ist eine Geisterstadt geworden

GENF/PARIS (AFP/rtr/AP).Während Zehntausende Kosovo-Albaner sich auf der Flucht befinden, stellen sich die westeuropäischen Länder auf einen Flüchtlingsstrom über die Nachbarländer Jugoslawien hinaus ein und beraten über eine Koordinierung der Flüchtlingshilfe.Die Vertreibung der albanischen Bewohner aus dem Kosovo hat nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR mit dem Eintreffen ganzer Züge und Busse an den Grenzen katastrophale Ausmaße erreicht.Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic sei offenbar dabei, die gesamte albanischstämmige Bevölkerung aus der Gebietshauptstadt Pristina vertreiben zu lassen, sagte UNHCR-Sprecherin Judith Kumin am Freitag in Genf.Nach Angaben von Flüchtlingen warteten in Pristina mehrere zehntausend Menschen, die die serbischen Behörden mit weiteren Zügen an die mazedonische Grenze bringen wollten.Sie seien zuvor von bewaffneten Männern aus ihren Häusern vertrieben worden."Das ist ein Alptraum", sagte Kumin.

Bereits am Mittwoch und Donnerstag waren sechs Züge mit 25 000 Menschen in Mazedonien eingetroffen.UN-Sprecher Fritz Eckhard hatte am Donnerstag Aussagen von Flüchtlingen übermittelt, nach denen sie in Pristina zusammengetrieben und in die Waggons gepfercht worden seien.Pristina gleiche einer "Geisterstadt".Die Hilfsorganisationen seien völlig überfordert, sagte Kumin.In Mazedonien seien allein am Donnerstag 40 000 weitere Flüchtlinge eingetroffen, in Albanien 20 000.Damit seien seit Beginn der Luftangriffe am 24.März mehr als 200 000 Menschen aus dem Kosovo vertrieben worden, etwa ein Zehntel der albanischstämmigen Bevölkerung.

Insgesamt sollen in den vergangenen zwölf Monaten nach Angaben der NATO 634 000 Kosovo-Albaner aus ihren Häusern vertrieben worden sein.Die jugoslawischen Streitkräfte hätten den Flüchtlingen ihre gesamten Ersparnisse genommen, sagte NATO-Sprecher Shea."Das ist eine Ausbeutungsbande, die ich als institutionalisiertes Gangstertum bezeichnen würde", erklärte Shea.

Die EU-Kommissarin für humanitäre Hilfe, Emma Bonino, sagte, der Verbleib der meisten Männer aus dem Kosovo sei völlig ungeklärt.80 Prozent der Flüchtlinge seien Frauen, Kinder und alte Leute."Wie in Srebrenica muß man sich fragen, wo die Männer und Frauen zwischen 20 und 40 Jahren sind", sagte Bonino am Freitag im französischen Fernsehsender TV 5.Bei der Eroberung der bosnischen UN-Schutzzone Srebrenica hatten die bosnischen Serben im Juli 1995 die kampffähigen Männer aus den flüchtenden Moslems ausgesondert.Mindestens 7000 Männer wurden vermißt und vermutlich hingerichtet.

Unter dem Eindruck anhaltender Flüchtlingsströme aus dem Kosovo hat Bundesaußenminister Joschka Fischer einen EU-Sonderrat angekündigt, der Hilfsmaßnahmen zur Stabilisierung der Nachbarstaaten Jugoslawiens beschließen soll.Wie Fischer am Donnerstag abend nach Abschluß der Balkan-Konferenz von zwölf Außenministern aus der EU und Nachbarstaaten Jugoslawiens mitteilte, soll der Sonderrat möglichst bald nach Ostern zusammenkommen.Themen seien zusätzliche humanitäre und finanzielle Hilfen für von den Auswirkungen des Kosovo-Krieges besonders betroffene Staaten wie Albanien und Mazedonien, aber auch für andere unter dem Kosovo-Krieg leidende Länder.

Als Beispiel für zusätzliche Unterstützung nannte Fischer Zahlungsbilanzhilfen.Auch müßten die Sonderlasten der betroffenen Staaten von den internationalen Finanzinstitutionen berücksichtigt werden.Eine von Fischer als EU-Ratsvorsitzender zum Abschluß der Balkan-Konferenz vorgetragene Erklärung stellte sich eindeutig hinter die Luftangriffe der NATO.Solange Präsident Slobodan Milosevic nicht bereit sei, das Blutvergießen und die Greueltaten im Kosovo zu beenden und eine politische Lösung auf der Grundlage der Vereinbarung von Rambouillet zu akzeptieren, bleibe "keine andere Wahl, als den bisherigen Kurs beizubehalten, um der eskalierenden humanitären Katastrophe Einhalt zu gebieten".Die Angriffshandlungen des jugoslawischen Militärs und der paramilitärischen Einheiten seien das Ergebnis einer vorher geplanten Kampagne ethnischer Säuberung."Diejenigen, die die Verantwortung für den Befehl zu solchen Verbrechen und für deren Ausführung tragen, werden vor Gericht gestellt werden", heißt es in der Erklärung.

Die von Fischer kurzfristig einberufene Konferenz hatte die Situation im Kosovo erörtert und darüber beraten, wie ein Übergreifen des Krieges auf die angrenzenden Staaten verhindert werden kann.Teilnehmer waren Fischers Kollegen aus Finnland, Österreich und Griechenland sowie die Außenminister Bosniens, Albaniens, Mazedoniens, Bulgariens, Rumäniens, Ungarns, Kroatiens und Sloweniens.Außerdem beteiligten sich die zuständigen EU-Kommissare, UN-Flüchtlingskommissarin Sadako Ogata und der OSZE-Vorsitzende Knut Vollebaek an den Beratungen.

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