• Privatisierung des deutschen Beamtenrtums ist wie eine Hochzeit des Papstes (Gastkommentar)

Politik : Privatisierung des deutschen Beamtenrtums ist wie eine Hochzeit des Papstes (Gastkommentar)

Roberto Giardina

Privatisierung der deutschen Beamten? Das klingt, als ob der Papst ans Heiraten denkt. Ein deutscher Beamter ist für mich eine Mischung aus Priester und Ritter: treu, fleißig und allzeit bereit, sich für den Staat und für mich, den Bürger, zu opfern. Meine deutschen Freunde denken, ich spinne, wenn ich sage: Die teutonische Bürokratie ist für mich ein Paradies. Im Ernst.

Ich habe mein Leben lang gegen die römische Bürokratie gekämpft. Vor vielen Jahren kam ich als Flüchtling nach Deutschland, auf der Flucht vor dem italienischen Papierkram, aus einer Hölle unverständlicher Dokumente, erfunden von Funktionären, die nichts anderes im Sinn haben als die Bürger zu quälen. Manchmal erreicht mich der bürokratische Wahn auch in Berlin. Es werden dann Dokumente verlangt, die in Deutschland nicht existieren, und die man folglich auch nicht übersetzen kann: zum Beispiel jenes Formular, das bestätigen soll, dass ich tatsächlich am Leben bin. Mit einer einfachen Geburtsurkunde ist dies nicht zu verwechseln. Ich brauchte sogar eine offizielle Bestätigung, dass ich kein "Mafioso" bin.

Beamte in Italien sind weder Ritter noch Priester. Sie sind Halbgötter. Sie beantworten Telefonanrufe nie, und wenn sie einmal aus Versehen den Hörer abnehmen, sind sie natürlich für deinen Fall nicht zuständig. Nur Verrückte schicken Briefe an Beamte. Die werden, erstens, nie ankommen, zweitens, nicht gelesen, und im Falle eines Wunders - einer Antwort - in einem barocken Beamtenstil beantwortet, der völlig unverständlich ist.

Wie ihre deutsche Kollegen können auch unsere Beamten nicht entlassen werden. Das ist kein Privileg. Bei uns kann niemand rausgeworfen werden. Sie dürfen auch nicht streiken, ebensowenig wie alle Italiener. Deswegen gibt es so viele Streiks dagegen.

Wie haben angefangen, unsere Beamten zu privatisieren. Sorry, es hat nicht geklappt. Alles ist wie früher: Post, Bahn, Strom und Gas kosten so viel wie zuvor. Die betreffenden Firmen bleiben die natürlichen Feinde der Kunden. Von uns!

Deutschland ist nicht Italien, ich weiß. Aber seid vorsichtig! Man hat den Gelben Riesen privatisiert, die Telekom und die Deutsche Bahn. Man schreibt nicht länger rote Zahlen, oder nicht immer. Aber das auf Kosten des Services: Viele Schalter sind zu, die ICEs sind unpünktlich, und die Postämter und kleinen Bahnhöfe werden in Restaurants und Supermärkte verwandelt.

Der sagenumwobene deutsche Beamte wird privater Angestellter, aber - so lese ich - er wird die Privilegien nicht sofort verlieren. Und so träumen denn alle Deutschen vom neuen Beamten, der stolz auf seine Uniform sein wird, so effizient wie ein Staatsdiener unter Kaiser Wilhelm und so preiswert wie ein Computer von Tschibo. Aber, wie ein italienisches Sprichwort sagt: Man kann nicht beides haben: das Fass voll und die Ehefrau betrunken.

Der Autor ist Korrespondent u.a. der italienischen Tageszeitung "La Nazione"

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