Prognosen ja, Propheten nein : Wie entstehen Wahlumfragen und wie verlässlich sind sie?

Das Kreuz mit dem Kreuz: Wem die Wähler ihre Stimme geben und wie ehrlich sie gegenüber Umfrageinstituten sind.

Lukas Haas
Allein in der Wahlkabine, die Wahlentscheidung bleibt trotz aller Umfragen geheim.
Allein in der Wahlkabine, die Wahlentscheidung bleibt trotz aller Umfragen geheim.Foto: Holger Hollemann/dpa

Wer auf aktuelle Umfragen blickt, könnte zu dem Schluss kommen, die Bundestagswahl sei längst entschieden: Die Union liegt vorn, die SPD folgt abgeschlagen, vier kleine Parteien streiten darum, wer stärkste wird. Doch bei früheren Wahlen gab es Überraschungen. So wurde 2005 lange Zeit die Union klar vorn gesehen, am Ende lagen CDU/CSU und SPD nur knapp auseinander. 2013 hatte keine Umfrage auf der Rechnung, dass die FDP aus dem Bundestag fliegt. Zuletzt lagen auch bei den US-Präsidentenwahlen oder bei der Brexit-Abstimmung in Großbritannien die Zahlen der Demoskopen bisweilen deutlich neben dem Ergebnis.

Wie verlässlich sind die Umfragen wirklich?

„Da Meinungsforscher keine Propheten sind, kann eine Umfrage niemals eine Prognose für einen tatsächlichen Wahlausgang liefern“, sagt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen, die im Auftrag von ZDF und auch Tagesspiegel Daten erhebt. Lediglich die aktuelle Wahlabsicht könne gemessen werden. Außerdem beruhen die Umfragen auf statistischen Methoden, die anfällig für Fehler sind. Trotzdem liefern die Umfrageinstitute häufig sehr gute Ergebnisse. Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai ist ein Beispiel.

Die Wahl im Saarland im März hingegen zeigt, wie fehlerbelastet die Ergebnisse der Demoskopen sein können. Die Institute hatten in ihren Umfragen, die in der Woche vor der Wahl erhoben wurden, die CDU im Durchschnitt um 4,7 Prozentpunkte unter dem Wahlergebnis gesehen. Die SPD wurde um 2,9 Punkte überschätzt.

Freilich haben repräsentative Erhebungen immer eine Fehlertoleranz, wie der Fachbegriff lautet. Diese liegt in einem Bereich von 1,5 und drei Prozent nach oben und unten – dieser Grad an Abweichung ist sozusagen die mögliche Bandbreite, in der eine Partei tatsächlich vom Umfrageergebnis abweichen könnte, wäre am Sonntag nach der Umfrage tatsächlich eine Wahl.

Wie schnitten die Demoskopen 2013 ab?

Addiert man die Abweichungen in Prozentpunkten zwischen letzter Umfrage und Ergebnis bei Union, SPD, Grünen, Linken, FDP und AfD in Prozentpunkten, lag vor vier Jahren das Forsa-Institut mit 4,7 Prozentpunkten am besten. Bei der Forschungsgruppe Wahlen („Politbarometer“) waren es 4,9 Punkte. Das Allensbach-Institut folgte mit 5,2 Punkten vor Emnid mit 5,7 Punkten. Dagegen fielen GMS (7,1 Punkte), Insa (8,1 Punkte) und Infratest dimap mit dem „Deutschlandtrend“ (8,4 Punkte) etwas ab.

Wie funktionieren Wahlumfragen?

Umfragen entstehen bei allen Instituten auf ähnliche Art und Weise. Da es unmöglich ist, die Gesamtheit der Wähler zu befragen, wird versucht, von einer Stichprobe auf alle Wähler zu schließen. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Stichprobe repräsentativ ist, also die Befragten in ihren Eigenschaften die tatsächliche Wählerschaft abbilden. „Da es sich bei der Stichprobe für die Umfrage um eine Zufallsauswahl handelt, führt das unvermeidlich zu statistischen Fehlern“, sagt Matthias Jung. Sind beispielsweise die erreichten Personen im Durchschnitt älter als die Wähler, wäre das Ergebnis verzerrt. Zwar gibt es die Möglichkeit, die Daten zu gewichten, also Angaben von jüngeren Befragten stärker zu bewerten, um die Fehler auszugleichen. Allerdings sind die Korrekturen nie perfekt. Es gilt: Je besser die Stichprobe die Gesellschaft abbildet, desto genauer das Ergebnis.

Wann sind Stichproben verlässlich?

Die Qualität der Stichprobe hängt bei Zufallsumfragen von der Zahl der Befragten ab. „Ab tausend Befragten kann man anfangen, ab zweitausend wird die Umfrage seriös“, sagt Dominik Wurnig, Datenjournalist und Mitbegründer des Blogs „Signal und Rauschen“, der sich mit Wahlumfragen auseinandersetzt.

Auch die Umfragemethode ist entscheidend. Ruft man Festnetzanschlüsse an, so erreiche man Personen „mit viel Zeit, also beispielsweise Rentner, nicht die jungen mobilen Wähler“, sagt Karl-Rudolf Korte, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Entscheide man sich hingegen für mobile Nummern, sei die Gefahr, per Zufall Personen aus einer Region zu bevorzugen. Das Ergebnis wäre verzerrt.

Gibt es dazu Alternativen?

Mittlerweile gibt es einige Institute, wie YouGov und Civey, die Wahlumfragen online durchführen. YouGov hat dafür eine Onlinedatenbank, ein sogenanntes Panel mit festen Teilnehmern erstellt. Daraus wird gezielt eine Stichprobe gezogen, die sozio-demografisch möglichst mit der Gesamtbevölkerung übereinstimmen soll. Bei YouGov werden die Befragten vergütet, was tendenziell ebenfalls problematisch ist. Schließlich gibt es Menschen, die mehr auf finanzielle Anreize anspringen als andere.

Civey – Tagesspiegel- Kooperationspartner – hat ein Verfahren ohne Datenbank und Vergütung. Die Teilnehmer sollen durch ihre Neugierde und die Transparenz der Ergebnisse angereizt werden. Nachdem sie ihre Angaben gemacht haben, können sie die Rohdaten einsehen. Allerdings sind online bestimmte Altersgruppen, vor allem Ältere, schwieriger zu erreichen.

Sind Umfragen schwieriger geworden?

„Wähler sind inzwischen weniger an eine bestimmte Partei gebunden als früher, deshalb gibt es größere Schwankungen bei den Parteipräferenzen der Wähler“, sagt Karl-Rudolf Korte. Andererseits sei insbesondere bei AfD-Wählern eine „unterdurchschnittliche Teilnahmebereitschaft“ festzustellen, betont Matthias Jung.

Gerrit Richter, Gründer von Civey, sieht das jedoch anders. „Es gibt kein isoliertes Umfrageproblem mit rechten Wählern“, sagt er. „Umfrageverweigerung ist ein Massenphänomen unabhängig von der politischen Ausrichtung.“ Es könnte freilich sein, dass Menschen online eher bereit sind, ihre wahre Wahlabsicht zu äußern, da die Angaben im Internet anonym bleiben.

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