Prognosen : Yes, we can – auch die Demoskopen?

Selten haben Prognosen so weit auseinander gelegen, Gründe dafür gibt es viele. Vor allem aber: Die Bürger antworten den Wahlforschern kaum noch.

Christoph von Marschall[Washington]
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Wahlergebnisse zeigen nicht nur das Urteil der Bürger über die Politiker, sie enthalten auch die Abrechnung mit den Meinungsforschern. Wie treffsicher waren ihre Prognosen? Amerikas Demoskopen warten mit Bangen auf die Resultate in der Nacht zu Mittwoch. Selten haben ihre Messungen und Vorhersagen so weit auseinandergelegen wie 2008. In den jüngsten Tagen maß die Nachrichtenagentur AP ein Prozent Vorsprung für den Demokraten Barack Obama, das Pew Center 14 Prozent. Die am Freitag publizierte Umfrage der „New York Times“ sah Obama 51 zu 40 Prozent vor dem Republikaner John McCain, die „Washington Post“ 52 zu 44 Prozent. Im Schnitt der jüngsten zehn Umfragen liegt Obama sechs Prozentpunkte vorn.

Zwei Faktoren erklären die hohe Spreizung der Zahlen. Erstens ist 2008 ein ungewöhnliches Wahljahr. Nie zuvor gab es einen dunkelhäutigen Kandidaten; die Bürger sind unsicherer als in früheren Wahlen, wie sie sich entscheiden sollen, sagt Carroll Doherty, Vizedirektor des Pew Center, dem Tagesspiegel. Zweitens sei das Erforschen der Meinungen generell schwieriger geworden; die Gesellschaft wird diverser, die als repräsentativ ausgewählten Bürger beantworten Fragen nicht mehr so zuverlässig am Telefon wie früher. Vor 30 Jahren lag die Antwortquote bei 65 Prozent, heute nur noch bei 30. „Wir sind immer weniger sicher, welche Annahmen über die Wähler zutreffen“, sagt John McIntyre vom Internetdienst Realclearpolitics dem Tagesspiegel.

Solche Annahmen betreffen zum Beispiel die Gewichtung der Wählergruppen. Ältere zeigen nach aller Erfahrung eine höhere Wahlbeteiligung als Jüngere, Weiße stimmen in größerer Zahl ab als Schwarze oder Latinos. Aber welche exakten Zahlen sollen in die Prognose einfließen? Und um wie viel soll man die Erfahrungswerte korrigieren, da Obama die Erstwähler und die Afroamerikaner unbestrittenermaßen überdurchschnittlich mobilisiert? Gallup, eines der ältesten Institute, bietet zwei parallele Umfragen an. Die „traditionelle“ Methode orientiert sich an früheren Jahren, in denen Republikaner eine höhere Wahldisziplin zeigten als Demokraten. Hier führte Obama am Freitag 49 zu 46 Prozent. Die andere Methode, „Gallup expanded“, nimmt an, dass Schwarze und Erstwähler 2008 in höherer Zahl wählen. Das Ergebnis dann: 51 zu 44 Prozent für Obama.

Die Annahmen über die Wahlbeteiligung spezieller Gruppen hat Folgen für die Gesamtprognose. Afroamerikaner, die wählen gehen, stimmen zu 80 bis 90 Prozent für Obama. Ihr Bevölkerungsanteil ist 14 Prozent, 2004 stellten sie aber nur 11 Prozent der Wähler. In der Altersklasse unter 30 Jahren führt Obama mit 29 Prozentpunkten Vorsprung. Das ist Rekord, seit 1972 waren in der Gruppe nie mehr als 19 Prozent Vorsprung für einen Kandidaten gemessen worden. Umso mehr hängt davon ab, wie sie gewichtet wird: mit 17 Prozent Anteil an allen Wählern wie 2004 oder höher?

Ein wachsendes Problem bei Umfragen: Sie stützen sich auf Festnetzanschlüsse. Jene inzwischen rund 20 Prozent, die nur ein Handy haben, bleiben außen vor. Pew hat erforscht, dass Handynutzer überwiegend Obama unterstützen und korrigiert Festnetzumfragen um rund zwei Prozent zu seinen Gunsten.

Der Einfluss der Wahlbeteiligung wird kontrovers diskutiert. Von den rund 300 Millionen Einwohnern sind gut 220 Millionen im wahlfähigen Alter. Darauf bezogen beteiligen sich 50 bis 55 Prozent an einer Präsidentenwahl. Die tatsächliche Gruppe der Wahlberechtigten ist kleiner, weil manche Einwohner keine US- Staatsbürgerschaft besitzen, Gefangene und Ex-Straftäter vielerorts kein Wahlrecht haben oder andere Hindernisse bestehen. Von den Wahlberechtigten beteiligten sich 2004 60 Prozent, 2008 könnten es 65 Prozent werden.

Die Demoskopen interessieren sich nur für die mutmaßlichen Wähler. Nicht-Wähler sind bedeutungslos. Jedes Institut hat seine eigene Formel, wen es zu den „likely voters“ rechnet.

In vielen Staaten können die Bürger ihre Stimme vor dem Wahltag abgeben. Das soll Warteschlangen und technische Probleme reduzieren. 2004 waren es 17 Prozent, mehrheitlich Bush-Anhänger; 2008 haben die Frühwähler 53 zu 34 Prozent für Obama gestimmt. Ist das ein Indikator für den neuen Trend?

Als noch nicht entschieden bezeichnen sich acht Prozent. Sie fallen nur ins Gewicht, wenn die Umfragen recht behalten, die Obama nicht längst über 50 Prozent sehen. McCains Anhänger setzen große Hoffnung auf die Unentschiedenen, sie sollen die Wende herbeiführen. 2004 verteilten sie sich auf beide Lager.

Präsident wird freilich nicht, wer landesweit die meisten Stimmen holt, sondern wer 270 der 538 Wahlmänner gewinnt. Sie werden in den 50 Staaten nach der Bevölkerungszahl gewählt. John McIntyres Faustregel: Liegt Obamas Vorsprung am Wahltag unter fünf Prozent, hat McCain eine Chance, Staaten wie Pennsylvania, Ohio, Colorado, Nevada zu drehen und zu siegen. Möglich ist aber auch ein Erdrutschsieg Obamas. Carroll Doherty sagt: „Die Bürger tun sich schwerer als 2004.“ Sie wollen eine Wende, fürchten aber zugleich das Risiko.

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