Politik : Prostitution im Dreiländereck bei Zittau: Zitterpartie

Martin Gehlen

Michaela lacht gerne. Ihre rote Umhängetasche ist vollgestopft mit Infobroschüren: Blaue Faltblätter über Aids in Polnisch, Tschechisch und Deutsch. Gelbe und schwarze über Geschlechtskrankheiten, die übrigen Heftchen über Verhütung in Russisch. "Wissenschaft ist grau, das Leben ist grün", lacht die resolute Frau, die ihren Doktor in Soziologie an der Universität Prag über das Thema "Alkoholismus und Kriminalität in großen Städten" gemacht hat. Viele Jahre beschäftigte sie sich in ihrer Studierstube mit Verbrechen, nun arbeitet sie auf der Straße - als Streetworkerin unter Prostituierten im deutsch-polnisch-tschechischen Dreiländereck bei Zittau.

Gut 60 Nachtclubs gibt es in diesem Gebiet - alle nach der Wende entstanden und vorwiegend von deutschen Männern frequentiert. Die etwa 400 Prostituierten kommen aus Weißrußland, Moldawien und der Ukraine - viele wurden unter falschen Versprechungen hergelockt - und werden später nach Deutschland oder in andere westeuropäische Staaten weiterverkauft. "Frauenhandel ist hier ganz normal, er findet vor unseren Augen statt", berichten Michaela und ihre beiden Kolleginnen. Zweimal die Woche sind sie mit einem Kleinbus vor Ort, bieten den Prostituierten Gespräche oder nur einen Moment Ruhe an. Dann sitzen die Frauen da, sagen nichts, weinen und gehen nach einiger Zeit wieder zurück an ihren Platz auf der Straße. Die meisten sind zwischen 18 und 25 Jahre alt, kommen aus Kinderheimen oder zerrütteten Familien. Viele nehmen Drogen, haben keinen Beruf gelernt, sind arbeitslos oder allein erziehend.

Bisweilen kommt auch ein Arzt mit, der medizinische Untersuchungen anbietet oder an erkrankte Frauen Medikamente verteilt. "Wir fühlen uns bei dieser Arbeit nicht sehr sicher, aber in vielen Situationen hilft der Humor", sagen die drei Streetworkerinnen. In der Szene herrschen Gewalt, Unruhe und Angst. Das Sagen haben die Zuhälter, meist Roma, Tschechen, Ukrainer oder Rumänen, und die sind misstrauisch. Viele der jungen Frauen wohnen zudem in den Familien ihrer Zuhälter, sind diesen total ausgeliefert oder leben auf der Straße.

Angestellt sind die drei Streetworkerinnen, die aus Tschechien stammen, beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Zittau, das seinen Sitz nahe dem Marktplatz in einem beigen, zweistöckigen Altbau hat. "Wir kümmern uns um Menschen, um die sich kein Schwein kümmert", erläutert Geschäftsführer Klaus Zimmermann, dessen Einrichtung auch Ehe- und Erziehungsberatung, Behindertenarbeit und Schuldnerberatung anbietet. 35 000 Menschen leben in dem schmucken Ort der Oberlausitz, der sowohl einen Grenzübergang nach Polen wie auch nach Tschechien hat. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell 21 Prozent, die Dunkelziffer dürfte eher bei 40 Prozent liegen.

Auch in Schulen des Grenzgebietes gehen die drei Streetworkerinnen und halten Vorträge. Jungen tschechischen Schülerinnen geben sie Tipps, wie man seriöse und unseriöse Stellenanzeigen für Au-Pair-Mädchen oder zur Mitarbeit in Internet-Cafés auseinander halten kann. "Die Lehrer und die Schülerinnen sind häufig total ahnungslos", sagen sie.

Vor sechs Jahren startete die Diakonie dieses Hilfsprojekt nahe der Grenze. Bis 1997 übernahm die EU die Kosten, danach sprang der Freistaat Sachsen mit jährlich 153 000 Mark ein. Doch nun will die Staatsregierung nicht mehr. Man könne nicht auf Jahre für tschechische Sozialarbeiterinnen, die auf tschechischem und polnischen Gebiet arbeiten, aus deutschen Steuergeldern das Gehalt bezahlen, argumentiert der Dresdner Sozialminister Hans Geisler. Im Jahr 2001 beginnt nun die Zitterpartie ums Geld aufs Neue.

Dabei hat die Arbeit auch für die deutsche Seite erhebliche Bedeutung. Denn praktisch alle Freier stammen aus Sachsen, die Stammkunden aus dem Grenzgebiet - viele stecken sich mit Syphilis an, manche auch mit Aids. Der Trip über die Grenze funktioniert problemlos mit Personalausweis. Billig tanken, billig einkaufen und billige Frauen, heißt die Devise so mancher dieser Pendler. "Wir haben nicht die Macht, diese gesellschaftlichen Probleme zu lösen", sagen die Sozialarbeiterinnen. Oft fühlten sie sich hilflos, wenn sie von ihren Fahrten zurückkommen. "Aber manchmal", erzählen sie, "gibt es auch gute Momente. Doch die sind leider sehr selten."

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