Politik : Protest auf Strohsäcken

Kurz vor Lubmin wurde der Castor-Transport zum Stehen gebracht – aber der Widerstand war überschaubar

von und
Blockade in Brünzow. Castor-Gegner legten sich vor am Donnerstag in dem Ort in der Nähe des Zwischenlagers Lubmin auf die Gleise. Foto: dpa
Blockade in Brünzow. Castor-Gegner legten sich vor am Donnerstag in dem Ort in der Nähe des Zwischenlagers Lubmin auf die Gleise....Foto: ZB

Am Ende ließen sie sich stolz lächelnd von den Gleisen tragen. Etwa 200 dick vermummten Aktivisten der Anti-Atomkraft-Szene ist es am Donnerstag gelungen, das Katz-und-Maus-Spiel mit der vielköpfigen Polizei in der eisigen Kälte Vorpommerns zu gewinnen und bei Vierow mit einer Sitzblockade das Gleis zum Zwischenlager Nord zu besetzen. Nach drei Stunden im steifen Wind trugen die Beamten die Demonstranten fort. Die Strohsäcke, die den Aktivisten als wärmendes Sitzkissen gedient hatten, wurde kurzerhand entleert, um den Weg die verschneite Böschung hinauf trittfester zu gestalten. „Abschalten, abschalten“, sangen die letzten Blockierer. Am Abend rollte der Zug dann wieder und erreichte gegen 22 Uhr nach knapp zweitägiger Fahrt das Zwischenlager Nord bei Lubmin.

Rund 4000 Polizisten aus ganz Deutschland waren in die Nordosten der Republik abkommandiert worden, um eigentlich zu verhindern, was dem im Vergleich zu anderen großen Anti-Atomkraft-Demonstrationen kleinem Häufchen dann doch gelungen war. In der Nacht waren die Aktivisten vor allem aus ihren Schlafquartieren aus Greifswald in die Dörfer vor Lubmin gekommen und hatten ihre „Mahnwachen“ besetzt. Ausgerüstet mit Isomatten, Wärmefolien und Thermoskannen bereiteten sie sich in wenigen Zelten auf ihren Protest vor. Mancher Veteran der Anti-AKW-Bewegung war dabei.

Das Gros der Demonstranten war aus den alten Bundesländern angereist. Peter aus Brandenburg hatte sich zum ersten Mal auf den Weg gemacht. „Die Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke hat mich endgültig auf die Straße getrieben“, so der Architekt. Julius, ein junger Landwirt aus der Region, schob seinen Cowboyhut in den Nacken und meinte, er sei nun einmal gegen Atomkraft und dagegen, dass der strahlende Müll hier gelagert wird. Ein „Öko“ ist der Vorpommer deshalb noch lange nicht, selbst über grüne Gentechnik könnte man mit ihm reden.

Auf eine breite Unterstützung aus der Bevölkerung konnten die Demonstranten nicht rechnen. Seit Jahrzehnten war das ehemalige Kernkraftwerk Lubmin einer der wichtigsten Arbeitgeber. Auch das Zwischenlager Nord bietet Jobs in der strukturschwachen Region.

Unterdessen kreiste ein Polizeihubschrauber über der Sitzblockade auf den Schienen bei Vierow. Mehrere Hundertschaften Polizei waren über das Feld an die Strecke geführt worden. Nach drei Aufforderungen, die Versammlung auf den Gleisen zu beenden, verließen einige Demonstranten freiwillig ihre Strohsäcke auf der Schiene. Danach brauchte es jeweils vier bis fünf Polizisten, um die übrigen wegzutragen. Der Castor-Transport saß allerdings immer noch fest. Zwei Robin-Wood-Aktivisten hatten sich ein paar Kilometer weiter westwärts an die Gleise gekettet. Die Polizei brauchte mehr als fünf Stunden, um den Mann und die Frau von den Schienen zu lösen.

In Brandenburg fiel der Protest friedlich und weit geringer aus als angekündigt. Entlang der 30 Kilometer langen Bahnstrecke im äußersten Nordwesten hatten die insgesamt 900 Beamten der Landespolizei und noch einmal 280 Bundespolizisten am Donnerstagmorgen keine Probleme mit Atomkraftgegnern, Störungen blieben aus. An mehreren Orten, unter anderem in der Landeshauptstadt Potsdam, gab es trotz Eiseskälte seit Mittwochabend friedliche Aktionen, meist Mahnwachen, nach offiziellen Angaben insgesamt mit einigen hundert Teilnehmern. Lediglich in Wittenberge (Prignitz) versuchten Atomkraftgegner Plakate an einer Eisenbahnbrücke anzubringen, was Einsatzkräfte verhinderten.

Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke (SPD) äußerte „Verständnis für alle, die in Sachen Castor und Atompolitik ihr gutes Recht auf Protest wahrnehmen“. Brandenburg gehöre zu den Bundesländern, die gegen den Atom-Kurs der Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht klagen wollen. Die Sicherheitsbehörden zeigten sich zufrieden, auch mit Blick auf einen im ersten Quartal 2011 geplanten Castor-Transport von Karlsruhe nach Lubmin. Allerdings wollen sie mögliche Alternativrouten in Brandenburg und damit jede Nähe zu Berlin meiden, weil dort größere Proteste befürchtet werden.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben