Politik : Proteste: 10 000 Nordzyprer fordern Einigung mit Griechenland

Thomas Seibert

Rauf Denktasch ist schwer getroffen. Für den 76-Jährigen, der seit Jahrzehnten an der Spitze der türkischen Zyprer steht, ist eine Welt zusammengebrochen. Ausgerechnet zwei Tage vor dem Jahrestag der Landung türkischer Truppen auf der Insel am 20. Juli 1974 erhielt Denktasch von der eigenen Bevölkerung einen schmerzhaften Denkzettel. Rund 10 000 Menschen - eine für Nordzypern mit seinen 200 000 Einwohnern unerhörte Zahl - demonstrierten gegen Denktasch und gegen die Einmischung Ankaras in die Angelegenheiten der türkischen Zyprer. Die immer wieder beschworene Einheit zwischen türkischen Zyprern und türkischem Mutterland ist plötzlich als Schimäre entlarvt.

Einerseits sind viele türkische Zyprer der Türkei bis heute dankbar, dass sie vor 26 Jahren Truppen auf die Insel schickte, um einen Anschluss ganz Zyperns an Griechenland zu verhindern. Andererseits aber wächst der Unmut der Einheimischen über die Zuwanderer vom türkischen Festland und über die Isolation ihres Inselteils: Die von Denktasch 1983 ausgerufene "Türkische Republik Nordzypern (TRNC)" wird nur von Ankara anerkannt und international boykottiert.

Diese Unzufriedenheit brach sich jetzt Bahn. Anlass war ein Streit darüber, ob die Polizei unter dem Kommando des türkischen Truppenkommandeurs auf der Insel bleiben oder der TRNC-Regierung unterstellt werden soll. Als der türkische Kommandeur Ali Nihat Özeyranli solche Forderungen zurückwies und deren Vertreter als "Verräter" beschimpfte, goss er Öl ins Feuer. Die kleine Zeitung "Avrupa" (Europa) mauserte sich zum Hauptgegner des türkischen Generals; prompt wurden Chefredakteur Sener Levent und drei Journalisten unter Spionageverdacht festgenommen, mussten aber wieder auf freien Fuß gesetzt werden.

Für Ärger sorgt auch die Entscheidung der türkischen Regierung, den wirtschaftlich völlig von der Türkei abhängigen Inseltürken einen strikten Sparkurs zu verordnen. "Avrupa"-Chefredakteur Levent brachte es auf den Punkt: Die Zypern-Türken würden auf der eigenen Insel behandelt wie Bürger zweiter Klasse. "Das muss aufhören. Das Land gehört schließlich uns."

Am Montag protestierten wieder Tausende in Nikosia gegen einen Bankenskandal, lieferten sich Straßenschlachten mit der Polizei und besetzten vorübergehend das Parlamentsgebäude. "Wir sind das Volk - fürchtet uns", lautete ihr Schlachtruf. Kein Wunder, dass Denktasch nur die Innenpolitik im Kopf hatte, als er am Montag in Genf zur Fortsetzung der UN-Friedensverhandlungen eintraf.

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